Knapp zwei Prozent der Kinder in Deutschland kommen bei außerklinischen Geburten auf die Welt. In Ansbach sind es deutlich mehr. 1242 Geburten im Krankenhaus in Ansbach stehen 104 im Geburtshaus in Meinhardswinden gegenüber. Knapp 8,4 Prozent. Die Einrichtung feiert nun ihr 20-jähriges Bestehen.
„Da kann man schon stolz sein“, findet Ruth Sichermann. Sie meint damit sowohl die Quote als auch die Tatsache, dass es das Geburtshaus auch nach 20 Jahren noch gibt. Das ist keinesfalls selbstverständlich. Denn einfach sind die Bedingungen für die Hebammen in einer solchen Konstellation nicht. Deshalb haben andere Geburtshäuser wieder aufgehört. In Stadt und Landkreis Ansbach ist jenes in Meinhardswinden das einzige, das nächste ist in Neustadt/Aisch beheimatet.
Ruth Sichermann ist eine der Gründerinnen des Geburtshauses. Nach vielen Jahren, in denen Geburten außerhalb von Krankenhäusern fast schon in Vergessenheit geraten waren, entstand in den 1980er-Jahren zaghaft eine Gegenbewegung: Immer mehr Frauen wollten zur Entbindung nicht in ein Krankenhaus. „Als ich Ende der 70er-Jahre gelernt habe, wäre es undenkbar gewesen, dass Frauen ihr Kind außerhalb der Klinik bekommen.“
In den vergangenen 20 Jahren gab es zwei gegenläufige Entwicklungen. Auf der einen Seite stieg die Zahl der Kaiserschnittgeburten und macht nunmehr rund ein Drittel aus, auf der anderen Seite wollten mehr Frauen die Geburt möglichst natürlich und ohne den Einsatz von Medikamenten durchziehen. Es ist aber noch immer eine Minderheit. „Paare, die sich bewusst für eine außerklinische Geburt entscheiden, sind noch immer nicht der Mainstream“, beschreibt es Ruth Sichermann.
Sie ist die Geschäftsführerin der Partnerschaft, als die das Geburtshaus Ansbach organisiert ist. Die 65-Jährige geht Ende August in Rente. Als sie sich vor gut 20 Jahren mit mehreren Kolleginnen zusammentat, entstand schnell die Idee, in die gemeinsame Praxis am Ortsrand von Meinhardswinden auch einen Geburtsraum zu integrieren. „Wir haben damals mit 24 Geburten im Jahr kalkuliert, inzwischen sind es um die 100“, erinnert sie sich. Es wurde sogar ein zweiter Entbindungsraum eingerichtet.
Die Krankenkassen zahlten anfangs nur für die Geburten selbst, beteiligten sich nicht an Betriebskosten und der Vorhaltung der Infrastruktur. Die finanzielle Situation hat sich etwas gebessert, aber ein Modell, um reich zu werden, ist ein Geburtshaus auch heute nicht. Beleghebammen, die mit Krankenhäusern zusammenarbeiten, verdienen in der Regel mehr.
Das hat auch mit der Intensität der Betreuung bei der Geburt zu tun. Im Geburtshaus kümmert sich eine Hebamme nur um eine werdende Mutter, in der heißen Phase bekommt sie sogar noch Unterstützung von einer Kollegin.
Aktuell besteht das Team im Geburtshaus Ansbach aus fünf Hebammen, wobei nicht alle Vollzeit arbeiten. Hinzu kommen weitere Kräfte, die nicht in der Geburtshilfe tätig sind. Aus diesem Grund kann die Einrichtung auch nicht uneingeschränkt werdende Mütter aufnehmen, um bei der Geburt auch wirklich die intensive Betreuung gewährleisten zu können. Hausgeburten macht das Team übrigens auch, aber nicht geplant, sondern nur, wenn es zeitlich eng wird.
Jede Geburt ist einzigartig.
In der Regel kommen die Schwangeren aus einem Umkreis von einer guten halben Stunde Autofahrt rund um Meinhardswinden. „Wir hatten aber schon auch Frauen, die aus Tansania, Namibia, Australien oder Kanada zu uns kamen“, erzählt Lisa Bernreuther. Die 33-Jährige ist ebenfalls ausgebildete Hebamme und wird im Spätsommer die Geschäftsführung des Geburtshauses von Ruth Sichermann übernehmen. Natürlich sind diese internationalen Geburten kein Zufall, vielmehr gibt es immer eine Verbindung in die Region.
Das Geburtshaus betreut auch werdende Mütter, bei denen feststeht, dass sie nicht dort entbinden werden, sondern dennoch ins Krankenhaus gehen (siehe auch Infokasten). Bis zu 250 Frauen pro Jahr begleiten die Hebammen. Da geht es dann auch um Rückbildungskurse, Abstillberatung oder Babymassage. Nach der Entbindung gehe es darum, „die Eltern in die Eigenständigkeit zu überführen“, schildert Ruth Sichermann. Zum Teil fehlten Eltern oder Großeltern in der Nähe, zum Teil vertrauten junge Eltern heute eher auf Infos aus dem Internet statt auf die Erfahrungen der eigenen Familie.
Ein Neun-bis-Fünf-Job ist Hebamme nicht. Babys interessieren sich nicht für Uhrzeiten oder Feiertage. Auch nachts und am Wochenende sind Ruth Sichermann, Lisa Bernreuther und ihre Kolleginnen im Einsatz. „Ich habe in meinem Leben wirklich schon viele fremde Weihnachtsbäume gesehen“, erzählt Ruth Sichermann und lächelt. Manchmal war so viel zu tun, dass sie es nicht geschafft hat, daheim den eigenen aufzustellen und zu schmücken.
Wie viele Kinder sie im Lauf ihres Berufslebens auf die Welt gebracht hat? „Drei“, sagt sie und grinst. Natürlich weiß sie, dass die Frage anders gemeint war. Aber tatsächlich habe sie nie Buch geführt, bei wie vielen Geburten sie geholfen hat. Fest steht für sie aber: „Jede Geburt ist auf ihre Art einzigartig.“ Es sei für sie immer wieder faszinierend, wie sehr eine Geburt jede Frau an ihre Grenzen bringe. Da werde geschrien und geflucht. Und kaum ist das Kind da, „sind da nur noch Glück und Frieden“.
Das Jubiläum „20 Jahre Geburtshaus Ansbach“ wird am Sonntag, 23. Juni, von 11.30 bis 17 Uhr in Meinhardswinden 11 gefeiert. Das Geburtshaus befindet sich am Ortsausgang Richtung Bernhardswinden.
Geburtshäuser sind spezialisierte Einrichtungen für die Betreuung von Schwangerschaft und Geburt. Im Fokus steht eine selbstbestimmte, natürliche Geburt. Technische Hilfsmittel und Eingriffe werden nur im Notfall genutzt. In Deutschland gibt es knapp 140 Geburtshäuser.
Neben der engen Betreuung durch die Hebammen schätzen die Schwangeren in aller Regel die familiäre Atmosphäre und das wohnliche Ambiente, das ganz anders ist als im Krankenhaus-Kreißsaal. Medizinisches Fachwissen haben selbstverständlich auch die Hebammen und bei Komplikationen kann sehr schnell eine Verlegung ins Krankenhaus erfolgen. Doch ist das höchst selten erforderlich. Risikogeburten dürfen Geburtshäuser nicht machen. Dazu zählen beispielsweise Frühgeburten, Zwillingsschwangerschaften, Ungeborene in falscher Lage oder auch Mütter ab einer gewissen Altersgrenze.
In diesen Fällen arbeitet das Geburtshaus Ansbach mit der Gynäkologie von ANregiomed in Ansbach zusammen. Diese Kooperation habe in den vergangenen Jahren bestens funktioniert, betonen Geburtshaus-Geschäftsführerin Ruth Sichermann und ihre Nachfolgerin Lisa Bernreuther. Auch zu den Kinderärzten in der Region pflegt das Geburtshaus ein enges und sehr gutes Verhältnis.