In Bad Windsheim ist eine Hausarztpraxis zu verschenken: verkehrsgünstig an der Oberntiefer Straße gelegen, technisch auf dem neuesten Stand, mit viel Platz und einem festen Patienten-Stamm. Doch niemand will die Praxis von Lydia Friesen haben. Sie geht Ende des Jahres in Rente und ist tief enttäuscht darüber, keinen Nachfolger gefunden zu haben.
Noch steht das Angebot zur Praxisübernahme auf der Internetseite des Bayerischen Hausärzteverbands. Am 18. März dieses Jahres hatte Friesen das Angebot dort veröffentlicht, inklusive Fotos und einer Kurzbeschreibung der Praxis. Darin verweist sie auf die „modernen Praxisräume mit professionellem MFA-Team und langjährigem treuen Patientenstamm”. Weiter heißt es: „Stabiler Umsatz und Gewinn.”
Anfangs wollte Friesen für die Übernahme noch Geld von einem potenziellen Nachfolger. Schließlich hatte auch sie einst viel investiert. Doch weil die Resonanz auf ihr Inserat nicht so war wie erhofft, ist sie mit der gewünschten Summe immer weiter runter gegangen. Mittlerweile ist sie so weit, dass sie die Praxis verschenken würde. Wenn sich nur irgendjemand finden würde, der sie haben will.
„Die Zeit der Hausärzte scheint vorüber, damit werde ich mich wohl abfinden müssen“, sagt sie. Bis Ende Dezember wird sie die Praxis an der Oberntiefer Straße noch weiter führen. Dann ist für Friesen endgültig Schluss. „Ich habe lange gezögert, diesen Schritt zu gehen, und ich konnte mir auch überhaupt nicht vorstellen, die Praxis schließen zu müssen“, sagt die Medizinerin. Mittlerweile hat sie sich damit abgefunden. So gut es eben geht. „Ich habe ja auch keine andere Wahl.“
Die Praxis aufzugeben, fällt Friesen trotzdem unglaublich schwer, wie sie betont. „Ich war und bin ein Workaholic.“ 20 Jahre lang hat sie ihre Patienten in Bad Windsheim versorgt. Als dann vor nunmehr einem Jahr die Rentenpapiere bei ihr eintrafen, war sie eigentlich der Meinung, die Behören hätten sich im Jahr geirrt. Doch das hatten sie nicht. Friesen aber fragt sich bis heute: „Wo ist die Zeit nur hin?
Im Januar wird ein letztes Mal die Abrechnung gemacht, anschließend wird die Praxis leer geräumt. Tausend Patienten hat die 67-jährige Hausärztin in ihrer Kartei. Die Hauptklientel ist zwischen 60 und 90 Jahre alt. Im Laufe der Zeit hatte Friesen sich nämlich auf den geriatrischen Bereich konzentriert. Der aber ist zeitintensiv und sehr viel aufwendiger als die medizinische Versorgung junger Menschen.
„Einige stehen mit Tränen in den Augen vor mir und fragen, zu welchem Arzt sie denn künftig gehen sollen?“, sagt Friesen. Denn längst hat sich rumgesprochen, dass kaum noch einer neue Patienten aufnimmt. „Ob die übrigen Hausärzte in Bad Windsheim den Patientenstamm von Lydia Friesen werden übernehmen können, wird sich zeigen müssen – dazu liegen uns aktuell keine Informationen vor“, erklärt eine Sprecherin des Bayerischen Hausärzteverbands (BHÄV) auf Nachfrage unserer Zeitung.
Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) zählt in ihrem Versorgungsatlas aktuell sechs Hausärzte in Bad Windsheim. Dazu kommen vier in Ipsheim, drei in Obernzenn, fünf in Burgbernheim und einer in Marktbergel. Damit gibt es insgesamt 19 Ärzte in und um Bad Windsheim herum. Dazu zählen aber auch diejenigen, die mittlerweile in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) arbeiten, also keine eigenständige Praxis führen. Verteilt auf die in diesem Einzugsgebiet lebenden Menschen liegt der Versorgungsgrad laut der Berechnung der KVB bei 110,38 Prozent.
Das Durchschnittsalter der insgesamt 19 Ärzte in und um Bad Windsheim herum, davon sind acht weiblich, liegt bei 58,6 Jahren. Auch das ist dem KVB-Versorgungsatlas zu entnehmen. Dementsprechend wird auch hier in den nächsten Jahren die ein oder andere Praxis einen Nachfolger suchen oder MVZ-Stellen nachbesetzt werden müssen.
Warum es oft so schwer ist, Nachwuchsmediziner zu finden, hat der Sprecherin des Bayerischen Hausärzteverbandes zufolge „unterschiedliche Ursachen“. So sei unter den Nachwuchsärzten „ein Trend zur Festanstellung“ zu beobachten.
Ein weiteres Problem sei, dass die Allgemeinmedizin in der universitären Ausbildung immer noch unterrepräsentiert sei und das Medizinstudium unter Praxisferne leide. „Der Masterplan Medizinstudium 2020, der dies ändern sollte, wurde bis heute nicht umgesetzt“, merkt die Sprecherin an.
Und die Landarztquote? „Die wird sicher einen Beitrag bei der Nachbesetzung von Praxen leisten können. Allerdings gehen mehr als zwölf Jahre ins Land, bis sie greift“, erklärt die Sprecherin des Bayerischen Hausärzteverbands. Denn an ein erfolgreich abgeschlossenes Medizinstudium schließe sich die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin von mindestens fünf Jahren an. Und erst nach bestandener Facharztprüfung könnten sich Allgemeinmediziner als Hausärzte in eigener Praxis niederlassen.
Für die Praxis von Friesen wird es dann zu spät sein. Bei ihr hatte sich gerade mal eine Handvoll Interessenten wegen einer Übernahme gemeldet. Sie stammten unter anderem aus Hamburg, Würzburg, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Zwei davon waren sogar persönlich vor Ort. Friesen zufolge seien sie von den freundlichen und großzügigen Praxisräumen in Bad Windsheim begeistert gewesen.
Einer habe der 67-Jährigen sogar versichert, vollends überzeugt zu sein und die Praxis unbedingt und auf jeden Fall übernehmen zu wollen. Doch dann habe er sich nie wieder gemeldet. Auch von den anderen habe sie nie wieder etwas gehört. „Die sind wie im Wasser abgetaucht.“