Hannah Beitzers Kindheit war politisch. Sie wuchs in einem Haus in der Dinkelsbühler Schreinersgasse auf, in der Politik bis heute Alltag ist. Das hat die Tochter des langjährigen SPD-Stadtrats Paul Beitzer geprägt. Selbst ist sie zwar keine aktive Politikerin. Aber sie mischt trotzdem mit. Dabei hat sie die kommunale Ebene weit hinter sich gelassen. Sie ist Pressesprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion in Berlin und hat die Bereichsleitung Kommunikation der Partei.
Auf der heimischen Veranda in Dinkelsbühl diskutieren Vater und Tochter Beitzer auch heute noch über politische Themen, wenn die 42-Jährige ihre Familie in Dinkelsbühl besucht. Es geht um die Analysen der großen bundespolitischen Linien ebenso wie um das, was in Dinkelsbühl kommunalpolitisch passiert.
„Mich hat das alles schon als Kind interessiert“, erzählt sie. Die bewussten Erinnerungen der 42-Jährigen reichen dabei bis in das Jahr 1996 zurück, als die Erwachsenen im Haus in der Schreinersgasse das Ergebnis der damaligen Kommunalwahl gefeiert hatten. Otto Sparrer, der Kandidat einer bunten Koalition, in der auch die SPD und die Grünen waren, hatte die Bürgermeisterwahl gewonnen. Hannah Beitzer war damals 13.
„Ich fand die ganzen Diskussionen bei uns am Küchentisch spannend“, erzählt sie. „Ich habe mich als Kind einfach dazugesetzt und zugehört.“ So richtig ernsthaft mit dem Thema Politik auseinandergesetzt hat sich Hannah Beitzer dann mit 16, als es auch in ihrem eigenen Freundeskreis und in der Schule im Unterricht darum ging. Es war die Zeit, als der SPD-Mann Gerhard Schröder Bundeskanzler war und der Grüne Joschka Fischer Außenminister. „Wir als Jugendliche fanden die beiden cool“, lacht sie. „Endlich tut sich mal was in Deutschland“, habe sie damals gedacht.
Dass Politik auch in eine Zeitung gehört, das war für Hannah Beitzer noch viel früher klar. „Ich muss wohl in der zweiten Klasse gewesen sein, als ich selbst eine Zeitung herausgegeben habe.” „Der Hofbote” hieß das Blatt und war für die Menschen in ihrer Nachbarschaft gedacht. „Da ging es auch immer ein bisschen um Politik”, schmunzelt sie. An eine ihrer Geschichte erinnert sie sich bis heute: „SPD und Grüne unter einem Dach – wie findet das der Bürgermeister?” Damals war der CSU-Mann Dr. Jürgen Walchshöfer Chef im Dinkelsbühler Rathaus. Vielleicht hatte sich damals schon ihr beruflicher Werdegang abgezeichnet.
Nach dem Abitur hat die 42-Jährige von 2003 bis 2008 Sprachen, Wirtschaft- und Kulturraumstudien mit Schwerpunkt Ostmitteleuropa in Passau studiert, lebte in Kazan, St. Petersburg und Moskau. Nach einigen Jahren in der SZ-Redaktion in München zog es sie 2014 als Reporterin nach Berlin, wo sie bis heute lebt. Im Programm „Jugend entscheidet” der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung war sie ab 2020 Projektleiterin.
Mit ihrem Vater Paul Beitzer hatte sie von jeher einen intensiven Austausch über politische Themen. Er selbst blickt ebenfalls auf eine abwechslungsreiche politische Vita im Dinkelsbühler SPD-Ortsverein zurück. Während der Schröder-Kanzerlschaft seien die Dinkelsbühler Genossen auch bundespolitisch ziemlich aktiv gewesen, erinnert er sich. Aber schon davor hat er sich eingemischt, als es noch unter CSU-Bürgermeister Ernst Schenk um die Gründung eines Jugendrats gegangen war.
Seiner Tochter hat er immer wieder mit auf den Weg gegeben, dass es bei Politik auch um das Bohren dicker Bretter mit stumpfen Bohrern geht. Trotzt der Anfangseuphorie der Schröder-Fischer-Jahre habe er ein bisschen gebremst: „Die Bundesrepublik ist ein eher konservatives Land“ hatte er seinerzeit seiner Tochter immer wieder gesagt. Wahlerfolge seien für das eher linke politische Spektrum in Deutschland deshalb keine Selbstverständlichkeit.
Mittlerweile ist Hannah Beitzer selbst im „Raumschiff Bundestag” unterwegs, wie sie sich ausdrückt. Seit ziemlich genau drei Jahren ist sie die Pressesprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion. Obwohl sich die Partei in der Opposition wiederfinde, würden „große Räder gedreht”, beschreibt sie die Situation. Sie war dabei, als nach der Bundestagswahl die Grünen mit CDU/CSU und SPD die Bedingungen für das 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen ausgehandelt haben.
Trotzdem interessiert sie sich weiter für die Kommunalpolitik in ihrer Heimatstadt Dinkelsbühl. „Es ist spannend zu hören, was hier vor Ort los ist”, sagt sie. Darüber wird am Beitzer'schen Küchentisch ebenso intensiv diskutiert wie über die großen Linien der Bundespolitik. Dass die Tochter nicht in derselben Partei ist wie der Vater, spielt dabei für beide keine Rolle.
Mit den geänderten politischen Verhältnissen in Berlin hat Hannah Beitzer keine Probleme. „Opposition ist wichtig”, ist die 42-Jährige überzeugt und fügt noch an: „Aufgeben ist ohnehin keine Option.”