Die Inuit haben es erfunden und Frank Zappa hat es vorgemacht: Das Iglu und die öffentliche Stuhlsitzung. Wer jetzt ein wenig verwirrt sein sollte, dem sei geraten, die jüngste Ausstellung in der Hilsbacher Kunsthalle zu besuchen. Dort zeigen die beiden Rothenburger Künstlerinnen Hanna Nagel und Maria Semmer zurzeit ihre Arbeiten.
Das Objekt von Hanna Nagel nimmt einen prominenten Platz im großen Ausstellungsraum der Kunsthalle ein. Sie nennt es „geodätische Kuppel“, einen Ort, der in seinem Inneren eine besondere Atmosphäre hat. Dies bedingt die Halbkugel, die sich wie ein schützendes Dach über die Besuchenden wölbt. Die indigenen Völker im hohen Norden des amerikanischen Doppelkontinents haben diese Form wahrscheinlich über Jahrtausende in Eis gebildet und als Wohnraum genutzt.
Der Begriff „geodätisch“ beschreibt die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten auf einer gekrümmten Oberfläche. Bei Hanna Nagel wird dies durch einfache Holzverstrebungen, die mit schlichten Plastikgelenken verbunden werden, geleistet. Die Kuppel bleibt dabei durchsichtig, bis auf das Dach, dessen dreieckige Flächen teilweise mit Malerei ausgefüllt sind. Diese greift in ihrer abstrakten Technik die Formen teilweise wieder auf. „Ich mag es, das Gerade mit dem Runden zu verbinden“, sagt Nagel.
Diesen Kuppelraum, hier etwa zwei Meter im Durchmesser, eineinhalb Meter hoch, hat die junge Künstlerin, die in Hilsbach ihre erste Ausstellung zeigt, bereits in größerem Maßstab umgesetzt. In einem Volumen, das sich als Wohnraum anbietet, ähnlich einer Jurte. Für sie ist es zugleich ein magischer Raum, einer der die Sphären verbindet, quasi den kürzesten Punkt zwischen dem Weltlichen und Geistigem formuliert.
Was hat die Fotografie von Maria Semmer nun mit Frank Zappa zu tun? Im Grunde gar nichts, gäbe es da nicht diese Fotografie im Untergeschoss der Kunsthalle, deren Motiv das Thema des schrägen Musikers aufgreift. Das allerdings in ganz anderer Form. Wie ein altmeisterliches Gemälde wirkt die Komposition, die eine junge Frau auf einem Stuhl sitzend zeigt. Entspannt, den Blick auf eine Handpuppe gerichtet, scheint sie weltvergessen eine Ruhepause zu genießen. Es fällt eigentlich zunächst nicht auf, das weiße Gefäß unterhalb der Sitzfläche. Dabei handelt es sich in der Tat um einen Nachttopf.
Nun erst zeigt sich, dass die vermeintlichen Strapse oberhalb der Knie eine Täuschung sind. Die Dame, die sich da so graziös präsentiert, ist bei einer gar profanen Tätigkeit abgebildet. Daraus wird ein öffentlicher Akt, wie er unter Ludwig XIV. alltäglich war und unter Zappa zur Provokation avancierte. Model Juliane Sander hatte bei der Schaffung dieses Fotos keine Vorbehalte, im Gegenteil, das Posieren vor der Kamera habe ihr einen neuen Zugang zu sich selbst eröffnet, erklärte sie.
Das liegt sicherlich nicht wenig an der Art und Weise wie die Fotografin Maria Semmer vorgeht. Alles ist echt, nichts retuschiert, nichts am Computer nachbearbeitet. Diese Bilder werden komponiert und in sorgfältigster Detailliertheit umgesetzt. Vornehmlich in der Natur, gerne im Wasser, in der Badewanne oder dem See – letzteres freilich nur in den wärmeren Jahreszeiten.
Diese Bildserie, die Semmer mit dem Titel „The World Behind“ versehen hat, setzt sich thematisch mit Zwischenzuständen auseinander. „Ich mag diesen Übergang vom Wachen ins Träumen, vom Leben in den Tod“. Zwischenwelten, denen eine besondere Magie innewohnt, setzt die Fotografin in eine höchst ästhetische Bildsprache um, ohne dabei in den Kitsch zu verfallen. Eine spannende Gratwanderung mit dem besonderen Hintergrund, dass alles, was die Betrachtenden hier sehen, echt ist. Und doch irgendwie surreal.
Die Ausstellung in der Kunsthalle Hilsbach 4 ist nochmals am 23. November von 14 bis 18 Uhr oder nach telefonischer Absprache zu sehen.