Zwischen 80 und 100 Personen feierten am Samstag, 9. November, ein ökumenisches Friedensgebet vor der ehemaligen Synagoge in Weigenheim. Die Feuerwehr Weigenheim stellte Bierbänke zur Verfügung, Feuerschalen sorgten nicht nur für Wärme, sondern auch für eine stimmungsvolle Atmosphäre. Bürgermeister Rainer Mayer begleitete das Friedensgebet mit der Gitarre.
Neben Pfarrer Manfred Lehnert und Diakon Markus Giese wirkten mehrere Mitglieder der Weigenheimer Gemeinde mit. In einem von Gitarrenklängen begleiteten Meditationstext, den Nadine Merz und Markus Giese abwechselnd vortrugen hieß es: „Ganz gleich, ob ich deutsch spreche, englisch oder suaheli, egal ob als Christ, Jude, Muslim, oder Hindu, egal ob Europäer, Asiat oder Amerikaner: Gerechtigkeit und Frieden, Respekt und Freiheit, die sind überall gleich!“
Das zweite Weigenheimer Friedensgebet – das erste fand zum Jahrestag des Ukrainekrieges statt – stand unter dem Motto „Was gestern war, sollte uns heute eine Lehre sein...“ Michael Stern erinnerte an die Reichspogromnacht in Deutschland und den späteren Holocaust. Aus Weigenheim starben im „Dritten Reich“ in Konzentrationslagern: Rosa Fleischacker, Elias Emil Liebreich, Helene Rosengart, Katharina Rosenfeld (alle vier gehörten zur Familie Liebreich), Caroline (Lina) Enslein, Babette Pauline Rothschild, Klara Sommer, Clara Schloss, geborene Sommer, und Jakob Schmalgrund.
Von der Vergangenheit ging es sofort zur heutigen Situation: Radikales Denken verstärke sich wieder und werde sogar zum Hass auf Mitmenschen – vor allem aufgrund derer Religion, Herkunft, Geschlecht oder Hautfarbe. Vielfältige Krisen hätten dazu geführt, dass die Zukunftsangst größer wird: Finanzkrise; Coronapandemie; die Erkenntnis, dass der Frieden in Europa doch nicht auf festen Pfeilern steht; die hohe Zahl von Geflüchteten, die einerseits großes Engagement und Hilfsbereitschaft geweckt hat, bei nicht Wenigen aber auch das Gefühl der Überforderung verursacht. „Das darf aber nicht zum Nährboden für das Erstarken extremistischer Positionen werden“, wurde gemahnt.
Rechtsextremistische Gesinnungen zielen auf Ab- und Ausgrenzung ab. „Für uns Christen aber ist doch klar: Jeder Mensch besitzt eine unantastbare und unverfügbare Würde.“ Dies sei die Basis der Menschenrechte.
„Rechtsextreme Parteien und solche, die am Rand dieser Ideologie wuchern, können für Christinnen und Christen daher kein Ort ihrer politischen Betätigung sein und sind auch nicht wählbar“, positionierten sich die Redner klar.
Trotz der klaren und deutlichen Ablehnung sei die Auseinandersetzung mit radikalen Thesen notwendig, um sie auch entlarven zu können. Auch sollten wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme, zum Beispiel bei der Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit oder der Integration von Migranten, nicht kleingeredet oder ignoriert werden. Sie müssten angegangen werden.
Im Friedensgebet wurde der erstarkte Antisemitismus angesprochen: „Den Davidstern offen zu tragen, sich als jüdisch Glaubende offen zu bekennen, trauen sich viele in unserer Zeit nicht mehr.“ Diakon Markus Giese, der selbst in Weigenheim wohnt, informierte die Presse nach der Erinnerungs- und Mahnungsveranstaltung über die Inhalte. Zum Friedensgebet, zu dem auch viele Auswärtige kamen, trugen außer den Genannten Frank und Bernd Schneider, Kathrin Trabert und Anni Hässlein mit Gebeten, Lesungen oder Fürbitten bei.