Gesamtausgabe der Werke Bachs in der Staatlichen Bibliothek Ansbach zu bestaunen | FLZ.de

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Veröffentlicht am 05.01.2026 17:15

Gesamtausgabe der Werke Bachs in der Staatlichen Bibliothek Ansbach zu bestaunen

Präsentieren die historische Bach-Gesamtausgabe: Christian Mantsch (links), der Leiter der Staatlichen Bibliothek Ansbach, und Dekan Dr. Matthias Büttner. (Foto: Thomas Wirth)
Präsentieren die historische Bach-Gesamtausgabe: Christian Mantsch (links), der Leiter der Staatlichen Bibliothek Ansbach, und Dekan Dr. Matthias Büttner. (Foto: Thomas Wirth)
Präsentieren die historische Bach-Gesamtausgabe: Christian Mantsch (links), der Leiter der Staatlichen Bibliothek Ansbach, und Dekan Dr. Matthias Büttner. (Foto: Thomas Wirth)

Jahrzehntelang, wohl an die hundert Jahre, beugten sich Ansbacher Kantoren über ihre Bände, um mit ihnen zu arbeiten, um Bachs Musik zu studieren. Jetzt steht sie, die historische Gesamtausgabe von Johann Sebastian Bachs Werken, der Öffentlichkeit zur Verfügung. Die Staatliche Bibliothek Ansbach hat sie übernommen.

Sie beeindruckt noch heute, die Bach-Gesamtausgabe. Schon der Anblick ist eindrucksvoll. Ihre großen, braunen Bände passen kaum in die Fächer eines Bibliothekswägelchens. „Johann Sebastian Bach's Werke” steht in goldenen Buchstaben geprägt auf jedem Band. Zusammen ergeben sie alle überlieferten Werke eines der größten, ja, des einflussreichsten Komponisten der Musikgeschichte, soweit sie im 19. Jahrhundert bekannt waren.

Vor dem drohenden Untergang gerettet

Die alte Bach-Gesamtausgabe (BGA) – 1954 wurde eine neue begonnen – ist ein Monument der Editionsgeschichte, eine musikwissenschaftliche Pioniertat. 1850, zu Bachs 100. Todestag, gründete sich in Leipzig die Bach-Gesellschaft, um sämtliche Werke Bachs mit wissenschaftlichen Methoden zu erarbeiten, zu kommentieren und sie zu veröffentlichen. Ein großer Teil der noch erhaltenen Kompositionen erschien überhaupt das erste Mal im Druck. Die Gesamtausgabe hat sie damit, so heißt es im Abschlussband, „vor dem drohenden Untergang” gerettet.

Auf alle Fälle hat die BGA einen enormen Anteil daran, Bachs Schaffen zu verbreiten. Unbekannte Musik – man muss sich das in Zeiten ihrer digitalen Allverfügbarkeit bewusst machen – konnte man bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nur auf dreierlei Art kennenlernen: im Konzert, beim Selbermusizieren und beim Lesen der Noten.

Die BGA war ein Mammutprojekt. Es beanspruchte fast ein halbes Jahrhundert. Der erste Band erschien 1851, der 60. und abschließende 1899. Die Liste der Subskribenten, der Vorbesteller, ist illuster und international. Könige, Fürsten, berühmte Musikerinnen und Musiker, Universitäten und Musikinstitutionen finden sich darauf.

Frühe Auseinandersetzung mit der Musik des Thomaskantors

Ansbach wird in drei Bänden als Ort eines Subskribenten genannt. Was bei der Größe der Stadt doch eine kleine Überraschung ist, aber zeigt, dass hier mindestens ein halbes Jahrhundert vor der Bachwoche eine ernsthafte und breitere Auseinandersetzung mit der Musik des Thomaskantors begann. Die Ausgabe, die das Ansbacher Kantorat besaß, erzählt nebenbei von Ansbacher Musikgeschichte.

Otto Scherzer gehört zu den Bestellern zweier früher BGA-Bände. Der Sohn eines Ansbacher Stadtkantors war damals allerdings schon Organist, Musikdirektor und Orgelprofessor in München, wird aber unter Ansbach aufgeführt. Den Abschlussband von 1899, der ein Werkverzeichnis enthält, bestellte Edmund Hohmann. Der Musiker war 1894 Stadt- und Stiftskantor in Ansbach. Ob alle anderen Bände damals schon im Kantorat standen, darüber lässt sich nur spekulieren. Wenn nicht, wird wahrscheinlich Hohmann sie angeschafft haben. Heute listet das Bibliotheksverzeichnis 56 Bände auf. Es fehlen also welche – warum auch immer.

Man sieht den Ansbacher Bänden an, dass mit ihnen gearbeitet wurde. Manche Seiten sind oft umgeblättert worden; man findet Eintragungen, ein paar Dirigierhinweise und Interpretationsvorschriften. Noch Kirchenmusikdirektor Rainer Goede hat die BGA zurate gezogen. Ein Lesezeichen, das eigentlich der Zettel für die Besetzungsänderung war, erinnert an eine der Aufführungen des kürzlich Verstorbenen.

Weihnachtsoratorium, Matthäus-Passion und Johannes-Passion

Am abgegriffensten sind das Weihnachtsoratorium, die Matthäus-Passion und die Johannes-Passion. Hermann Meyer, der Großvater des Ansbacher Kirchenmusikdirektors Carl Friedrich Meyer, und Kirchenmusikdirektor Otto Meyer, der mit beiden nicht verwandt ist, haben aus den Bänden der BGA dirigiert. Ihre handschriftlichen Eintragungen belegen dies.

Hermann Meyer war es, der in Ansbach 1933 die Tradition begründete, die beiden großen Bach-Passionen regelmäßig aufzuführen. 1935, im Jahr von Bachs 250. Geburtstag, erklang in Ansbach zum ersten Mal die Matthäus-Passion, ein aufwendig besetztes und anspruchsvolles Werk – der junge Kirchenmusiker, damals 32 Jahre alt, vermerkte es wohl nicht ohne Stolz auf dem Titelblatt.

Hermann Meyer hat alle Passionsaufführungen in den jeweiligen Bänden notiert, auch jene der Johannes-Passion am 11. April 1943. An diesem Tag erreichte ihn sein Gestellungsbefehl, wie seine Witwe Luise Meyer in ihrer Ansbacher Musikgeschichte „Es begann 1831” schildert.

Die nächste Aufführung ist von anderer Hand vermerkt, vielleicht der von Helmut Spiegel, des Dirigenten. Sie fand am 7. April 1946 statt – zum Gedächtnis an Hermann Meyer. Er war 1945 wenige Tage vor Kriegsende im Alter von 42 Jahren gefallen.

Bach-Ausgabe nun in der Staatlichen Bibliothek

Praktischen Wert hat die BGA heute nicht mehr. Sie wurde von der Neuen Bach-Ausgabe abgelöst, die zwischen 1954 und 2007 erschienen ist. Aber sie ist ein Zeugnis Ansbacher Musikgeschichte. Dekan Dr. Matthias Büttner freut sich daher, dass die Alte Bach-Ausgabe eine neue Heimat gefunden hat. Um eine fachgerechte Erschließung und Nutzung sicherzustellen, hat das Dekanat sie im Zuge einer Neuordnung der Bestände der Staatlichen Bibliothek Ansbach anvertraut.

„Mit der Übernahme der Alten Bach-Ausgabe wird ein herausragendes Zeugnis musikalischer Forschung und geistiger Kultur bewahrt“, erklärt Bibliotheksleiter Christian Mantsch. „Gerade im Hinblick auf die Bachwoche Ansbach und die lebendige Musiktradition unserer Stadt ist es uns ein wichtiges Anliegen, dieses kulturelle Erbe zu sichern und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“ Wer mag, kann sie bei der Ausleihe bestellen, um in Musikgeschichte zu blättern.


Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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