„Yes we can” (ja, wir können) lautet der Name der Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen, die es bereits seit zehn Jahren in Neustadt gibt. „Alle 14 Tage kommen Betroffene zusammen, um sich auszutauschen, zu stützen oder einfach nur, um zu quatschen“, erzählt Martin Alt.
Er hatte die Gruppe vor einem Jahrzehnt ins Leben gerufen. Von Anfang an mit dabei ist auch Udo Hülsenbeck, 2018 kam außerdem Ingrid Scheibe dazu. Acht bis zwölf Frauen und Männer treffen sich im Caritashaus an der Ansbacher Straße 6 regelmäßig. Nicht immer in derselben Besetzung. „Mehr als zwölf sollten es nicht sein”, betont das Trio beim Gespräch mit unserer Zeitung, bei dem auch Diplom-Sozialpädagogin Gudrun Hobrecht von der allgemeinen sozialen Beratung des Caritasverbands dabei ist. „Bei uns zählt nicht die Masse, sondern die Qualität”, unterstreicht Alt und weist darauf hin, dass Neue willkommen sind.
Alt, Hülsenbeck und Scheibe kennen die Krankheit nur zu gut, sind seit vielen Jahren oder Jahrzehnten selbst betroffen. Für sie ist die Selbsthilfegruppe eine gute Ergänzung zur psychologischen und/oder medikamentösen Behandlung. Alt, der weiter Medikamente nimmt, betont, dass es ihm derzeit so gut gehe wie noch nie. Es gab bei ihm, wie auch bei den anderen, jedoch Phasen, in denen sie das Gefühl hatten, in einem Loch zu stecken, aus dem es keinen Ausweg zu geben scheint, und Antriebslosigkeit an der Tagesordnung ist, beschreibt Ingrid Scheibe.
Nicht selten seien sehr leistungsorientierte Menschen von einer Depression betroffen, dazu gehörte auch Martin Alt. Ein neuer Job in einem anderen Bundesland, immer mehr Aufgaben, der Stress wuchs – und irgendwann ging nichts mehr. Die Überlastung nahm überhand. Schließlich wurde eine Depression diagnostiziert. „Die stationäre Einweisung war für mich gut. Man sieht dann, dass man mit dieser Krankheit nicht allein ist.” Mehrere Millionen Menschen leiden in Deutschland darunter.
Das Risiko, an einer Depression im Laufe seines Lebens zu erkranken, schätzt die Deutsche Depressionsliga auf 16 bis 20 Prozent. Noch eines ist wichtig zu wissen: Depressionen können jede und jeden treffen. Seitens der Selbsthilfegruppe bedauert man, dass sich immer noch Betroffene, aus Angst vor einer Stigmatisierung, nicht in Behandlung begeben. Doch gerade diese sei nötig, damit es wieder aufwärts geht. „Ich war niedergeschlagen, hatte zu nichts Lust. Mir war alles zu viel. Ich kam aus dem Loch einfach nicht mehr allein heraus”, beschreibt Alt die Krankheit, wie er sie erlebte.
Gudrun Hobrecht freut sich deshalb auch, dass Alt vor zehn Jahren die Initiative ergriff und eine Selbsthilfegruppe in Neustadt ins Leben rief, die es immer noch gibt. Für Alt war wichtig, eine Gruppe vor Ort zu haben, um nicht so weit fahren zu müssen. Er richtet ein großes Lob an Gudrun Hobrecht, die immer für sie dagewesen sei. Alt verhehlt nicht, dass es im Laufe der Zeit auch Krisen in der Gruppe gab, doch diese habe man gemeinsam überwunden.
Auch sie wollen durch Aufklärung dazu beitragen, die Krankheit aus der Tabuzone zu holen, und dazu auffordern, sich behandeln zu lassen. Der Austausch in einer Selbsthilfegruppe tue gut. Was hier gesprochen wird, dringt auch nicht nach außen. Alle verpflichten sich zur Verschwiegenheit. Das ist wichtig. Die Gruppe richtet sich nur an Betroffene, nicht an deren Angehörige. Die könnten bei Bedarf aber selbst eine Gruppe bilden, sagt Hobrecht. „Wir sind kein Stammtisch”, hebt Alt zudem hervor. Jeder darf frei reden.
Wenn jemand jedoch nichts sagen wolle, werde das akzeptiert, sagt Hobrecht. Einige brauchten Zeit, um Vertrauen zu den bis dahin zumeist völlig fremden Menschen zu gewinnen. Das fällt nicht allen leicht. Jede und jeder sagt ferner das und so viel, wie sie oder er mag, im eigenen Tempo, um sich in die Gruppe hereinzufinden. Diese hat sieben Merkmale, die helfen und dazu beitragen sollen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Da wäre etwa der Optimismus, es irgendwie zu schaffen. Wichtig ist es demnach ferner, die Krankheit zu akzeptieren und lösungsorientiert zu denken. Man müsse die Opferrolle verlassen und die Ärmel hochkrempeln, sagt Alt.
Es gelte ferner, Verantwortung zu übernehmen und Zukunftsplanung zu betreiben. Wichtig sei es zudem, Netzwerke aufzubauen, gemäß der Devise: „Was ich nicht allein schaffe, das schaffen wir dann zusammen.” Apropos zusammen: Den Gesprächspartnern wäre es wichtig, dass die Selbsthilfe auch in der professionellen Fachwelt platziert ist, damit sie bekannter wird, und dort für sie geworben wird. Die Selbsthilfe wiederum braucht Eigeninitiative. Sei diese gegeben, könne das Selbsthilfebüro Brücken bauen, erklärt Hobrecht. Bei der Gruppe „Yes we can” hat dies bestens geklappt.
Wer mehr über die Gruppe erfahren möchte, kann dies online unter www.yes-we-can-live.de. Als Ansprechpartner fungiert Martin Alt. Er ist unter der Telefonnummer 0178/9291898 zu erreichen oder per Mail an dream.hunter1@web.de. Neuzugänge sind willkommen.