Ihre Namen und Gesichter sowie ihre Geschichte haben die 60 jüdischen Holocaust-Opfer aus Schopfloch jetzt wieder bekommen: Damit diese von den Nazis verfolgten Menschen nie mehr in Vergessenheit geraten, wurden für sie am Dienstagabend vor dem jüdischen Friedhof ein Gedenkstein sowie eine Tafel mit ihren Lebens- und Sterbedaten enthüllt.
Vorausgegangen war diesem Akt eine feierliche Gedenkveranstaltung. Diese hatten die Ethikschüler der zehnten und elften Jahrgangsstufen am Feuchtwanger Gymnasium, von denen die Initiative stammt, zusammen mit ihrer Lehrerin Dr. Barbara Haas im Gemeindehaus gestaltet.
Begleitet von einer Präsentation mit Bildern und Dokumenten, die sie bei ihren Recherchen gefunden haben, schilderten die Jugendlichen eindrucksvoll die Schikanen, denen die Schopflocher Juden während der NS-Zeit ausgesetzt waren, ebenso wie viele Einzelschicksale. Unter anderem berichteten sie, dass die Nazis noch am Tag der Kapitulation am 8. Mai 1945 zwei aus Schopfloch stammende Menschen ermordet haben.
Dies griff der Antisemitismusbeauftragte der Staatsregierung, Dr. Ludwig Spaenle, als Beweis für die Radikalität und Verrohung der Täter auf. Und die deutsche Bevölkerung habe vom Hinausdrängen der Juden aus der Gesellschaft gewusst. An diesem „Abgrund des Bösen“ hätten sich nicht nur „einige anonyme, sondern mehrere Hunderttausend Menschen beteiligt“. Aber nur ein Bruchteil von ihnen sei später von Gerichten verurteilt worden.
Die Feuchtwanger Gymnasiasten hätten „den Missbrauch des Staates und die zunehmende Ausgrenzung bis hin zur systematischen Vernichtung sehr gut herausgearbeitet“. Dass sie deutlich gemacht haben, was passiert ist, sei „unglaublich wichtig“.
Je länger der Holocaust zurückliegt und je mehr seiner Überlebenden sterben, desto dringender sei die Erinnerung daran, betonte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, in einer eigens für die Feier aufgenommenen Videobotschaft. Deshalb mache ihr die Initiative der Schüler Hoffnung.
Frieden und Demokratie seien nicht selbstverständlich, erklärte Bundestagsabgeordneter Artur Auernhammer. Vielmehr gelte es, dafür zu kämpfen. Auch die Politiker müssten hinterfragen, wie sich solche Ausschreitungen künftig verhindern lassen. Er sei stolz auf die Ethiker. Wenn er sie sehe, sei ihm „um unsere Zukunft nicht bang“. In diesem Sinn lobte Bezirksrätin Christa Naaß, dass die Gymnasiasten Haltung für Freiheit und Demokratie sowie gegen Rassismus zeigten.
Als außergewöhnliche Leistung bezeichnete der Leiter des Feuchtwanger Gymnasiums, Oberstudiendirektor Dr. Joachim Stang, dass die wissenschaftliche Recherche der Schüler „in die politische Arbeit übergegangen“ ist. Ihre Petition an den Markt Schopfloch für den Gedenkstein und die Tafel sei etwas ganz Besonderes.
Als einen für sie „emotional sehr ergreifenden Moment“ bezeichnete Steinmetzmeisterin Birgit Hähnlein-Häberlein die Einweihung des Gedenksteins, zumal sie hier die Arbeit ihres Urgroßvaters weiterführen dürfe. Der habe in Schopfloch bis in die 1930er Jahre Grabsteine auch für verstorbene Juden gefertigt und sei dafür als „Judenknecht“ beschimpft worden.
Zur Symbolik erklärte sie, der Jura-Kalkstein entspreche der Tradition auf jüdischen Friedhöfen in der Region. Die Vorderseite sei naturbelassen, die Rückseite handwerklich bossiert. „Diese urwüchsigen Oberflächen weisen auf eine lange Geschichte der jüdischen Weltreligion und ihre Beständigkeit hin.“ Das herausgearbeitete Stück stehe für „die gewaltvoll herausgerissenen jüdischen Opfer“. Die Lücke könne nie mehr gleichwertig gefüllt werden. Daher finde sich in der Fehlstelle ein anderes Gestein. In diesen schwarzen Syenit sei der Segenswunsch „Mögen ihre Seelen im Bund des Lebens eingebunden sein“ graviert.
Im Anschluss an die Gedenkfeier ging es – bei strömendem Regen – zum jüdischen Friedhof, wo Rabbiner Eliezer Chitrik von der Jüdischen Orthodoxen Gemeinde Kehal Adat Jeschurun in Nürnberg und Schopflochs zweiter Bürgermeister Christian Grimm die Tafel sowie den Gedenkstein enthüllten. Danach wurden die Namen aller 60 Holocaust-Opfer verlesen und für jedes von ihnen – dem jüdischen Brauch entsprechend – ein kleiner Stein auf die Gedenkstätte gelegt.
Aus den Recherchen der Ethikschüler ist das Buch „Verwehrte Grabsteine: Für ein würdiges Gedenken an die jüdischen Holocaustopfer von Schopfloch“ von Dr. Barbara Haas entstanden. Es ist im Verlag Tredition erschienen und online bei Amazon sowie bei Weltbild erhältlich.