Regentropfen nieseln auf die Jacke. Es ist stockdunkel und eine kühle Brise weht. Ingeborg Reinhard startet jeden Tag mit einem Fußmarsch durch ihren Wohnort Winden in der Gemeinde Leutershausen (Landkreis Ansbach). Denn: Sie ist Zeitungsausträgerin für die FLZ. Ganz so früh, wie manche ihrer Kolleginnen und Kollegen muss sie nicht los.
Eine Handvoll Autos rauscht innerhalb kürzester Zeit durch den kleinen Ort. Laut rattert der Lkw des Nachbarn, der sich auf den Weg in die Arbeit macht. Aus den Ställen nebenan ist das Rauschen der Maschinen zu hören. Idyllische Ruhe ist hier nicht vorhanden. Winden ist hellwach.
Im Hause Reinhard gehen die Lichter an. Bis sechs Uhr müssen alle 14 Haushalte – inklusive ihrem eigenen – die Zeitung erhalten haben. Ingeborg Reinhard wirft sich eine knallgelbe Jacke mit Reflektoren über, ein orangefarbiges Stirnband und eine Stirnlampe. Da es heute leicht regnet, darf eine Leder-Tasche nicht fehlen. Diese soll das Papier vor Nässe schützen.
Im Flackern der Straßenlaternen macht sich die 76-Jährige in Richtung Bushäuschen auf. Dorthin werden alle Zeitungen der FLZ für die Dorfbewohner gesammelt gebracht. Im Licht ihrer Stirnlampe zählt die Seniorin die Zeitungen, damit auch keine fehlt.
Zügig geht es in den unteren Teil des Dorfs. Es riecht nach Kuhstall, nur ein einziges Muhen ist zu hören. Reinhard marschiert schnurstracks hinter ein Haus auf dessen großen Hof und legt die Zeitung ab. Nach 40 Jahren weiß sie ganz genau, wo die jeweiligen Dorfbewohner diese am liebsten haben wollen. Auch die tierischen Bewohner kennen sie. Doch manche Katze versteckt sich nach wie vor noch vor der Seniorin.
Als Zeitungsausträgerin muss Reinhard bei Wind und Wetter, eisiger Kälte und Glätte aus dem Haus. Stürze sind vor allem im Winter vorprogrammiert. Die heute 76-Jährige hatte bislang Glück. Doch ab und an ist auch sie ins Schlittern gekommen.
„Wenn es glatt ist, muss man hier aufpassen“, sagt sie, als sie im oberen Teil des Dorfes angekommen ist. Reinhard streift mit ihrem Schuh über den Boden: „Das ist ein schönes Pflaster.“ Ein schönes Pflaster zum Ausrutschen.
Wenige Meter weiter hört der Gehweg zu früh auf. „Da haben sie gespart“, sagt sie. Weitere Probleme hat die Seniorin als Zeitungsausträgerin nur selten. „Manchmal sind sie auch nass, wenn es regnet“, sagt sie mit Blick auf die Zeitungen in der Zeitungsrolle. Beschwert habe sich deshalb noch keiner. Angst, alleine im Dunkeln herumzulaufen hatte die Frau bislang nie. Eine lange Zeit wurde sie von einem „Wachhund“ begleitet – dem früheren Schnauzer der Nachbarn.
Kaum ein Geräusch ist noch unbekannt für die Seniorin. „Mittlerweile kenne ich auch jedes Auto“, sagt sie. Außerdem kann sie feststellen: „Jetzt ist der Gerhard auch wach und geht zu seinen Kühen.“ Nach 15 Minuten ist die Route beendet. Winden ist schließlich auch nicht allzu groß. Wenn die WiB einmal in der Woche dabei ist, dauert es etwas länger.
6 Uhr: Es geht zurück ins Haus. Während die 76-Jährige in Winden austrägt, bringt ihr Mann Gottfried Reinhard die Zeitung wenige Kilometer entfernt mit dem Auto zum Schloss Rammersdorf. Am Küchentisch treffen sie sich wieder. Dieser ist schon gedeckt. Gemeinsam wird der erste Kaffee des Tages getrunken und gefrühstückt. Eine Tradition, die das Ehepaar schon seit Jahrzehnten innehat.
„Die Zeitung lese ich immer auf der Küchenbank“, sagt die Seniorin und hebt eine Ausgabe der FLZ hoch. „Die erste Zeitung hat immer ein Eselsohr, die muss ich behalten.“ Sie grinst. Zuerst breitet Reinhard ein graues Handtuch auf der Sitzbank aus. „Weil früher die Tinte abgefärbt hat“, erklärt sie. Eine Tradition, die heute eigentlich nicht mehr erforderlich wäre. Das weiß die Seniorin und lacht. „Dann nehme ich mir erst den Ansbacher Teil raus.“
Besonders begeistert ist die 76-Jährige aktuell von der Serie „Zurückgeblättert“. Dort werden die Inhalte von Zeitungsartikeln der FLZ von vor 100 Jahren berichtet. „Das ist doch schön“, sagt sie. Jeden Montag liest Gottfried Reinhard auch akribisch die Sportergebnisse vom Wochenende. „Ich schaue nur die Überschrift an, mit Sport habe ich nichts am Hut“, sagt seine Frau.
Der FLZ ist das Ehepaar schon sehr lange treu. Zuerst hat der heute 76-Jährige die Zeitung ausgetragen, während er als Milchfahrer tätig war. Dann übernahm seine Frau den Part. Nach einer beruflichen Veränderung schaffte er es zeitlich nicht mehr. In all den Jahrzehnten gab es nur wenige Tage, an denen jemand für das Ehepaar einspringen musste – wegen Krankheit oder Urlaub.
Das frühe Aufstehen war für beide nie ein Problem. „Das habe ich gerne gemacht“, sagt die Seniorin. Sie haben früher einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Kühen geführt. Da gehört es dazu, früh in den Stall zu müssen. Ab März ist in den frühen Morgenstunden vermehrt Gezwitscher zu hören. „Um fünf Uhr fangen die Amseln schon an. Wenn die Vögele pfeifen, ist das schon schön“, sagt sie. Ihr Ehemann stimmt ihr zu. „Wir können nicht ohne die Zeitung leben“, betont er.
Wie lange die Seniorin die Route durch Winden noch gehen wird? „Wenn es niemand anders machen will, mache ich es so lange, wie ich körperlich kann.“
Einmal im Jahr ehrt der Fränkische Zustelldienst die vielen Zustellerinnen und Zusteller unserer Zeitungen. Wie so ein Morgen als Zustellerin abläuft, wollte unsere Bildredakteurin Evi Lemberger per Video begleiten. Aus redaktioneller Sicht ist das Thema auch für die gedruckte Zeitung geeignet. Daher fragte Evi Lemberger im Redaktions-Team herum, wer bereit wäre, in der Früh mitzugehen. Ich musste nicht lange überredet werden. Vertriebsleiter Peter Zentgraf hat mögliche Protagonistinnen vorgeschlagen. Er kennt sie alle am besten. Unter den Geehrten war beim letzten Mal Ingeborg Reinhard. So kam der Artikel über sie zustande. Das Video ist auf dem FLZ-Instagram-Kanal zu sehen.