Nur der Kaffeeduft ist der gleiche. Sonst sind es ungewöhnliche Szenen im Konferenzraum des FLZ-Haupthauses: Auf dem Tisch liegt die Mütze des Polizeichefs, auf dem Bildschirm erstrahlt „Hochamt für Toni“. Die Redaktion hat den gestrigen Tatort gemeinsam mit Josef Mehringer geguckt, mit ihm über seine Meinung und die Unterschiede zur echten Polizeiarbeit gesprochen.
Das wichtigste vorweg: Ist der Ansbacher Polizeichef Tatort-Fan?
„Ja, man kann mich wirklich einen Fan nennen.“ Er und seine Frau machen es sich sonntags oft vor dem Fernseher gemütlich, Mehringer gerne mit einem Bier – alkoholfrei, verrät er augenzwinkernd, das ist gesünder. Wirkliche Favoriten unter den verschiedenen Tatort-Produktionen habe er keine. „Aber die Franken und die Münchner, die muss man einfach schauen“, findet er.
Auch in der Ansbacher Inspektion gebe es viele Tatort-Fans. „Wir unterhalten uns auch über die Folgen, aber es geht eigentlich nie darum, wie es fachlich richtig gewesen wäre. Das muss man komplett trennen.“ Das Format brauche eben den Nervenkitzel, das Drama.
Mehringers eigene Erfahrungen mit einem Krimi-Dreh
Selbst konnte er auch schon hinter die Kulissen bei einem Krimi-Dreh blicken. 1994 hatte Mehringer das Drehbuch für die erste Folge unter BR-Regie von „Polizeiruf 110“ bekommen. Für die Folge „Gespenster“ – die 162. Folge insgesamt – kümmerte sich „als eine Art Manager oder Koordinator“ um Fahrzeuge und Personal seitens der Polizei. Beamte dürfen nämlich in derartigen Produktionen mitspielen und dafür auch Bezahlung entgegennehmen. „Aber in ihrer Freizeit, versteht sich.“ Dabei hat er das Set für mehr Realitätsnähe korrigieren dürfen. Etwa, dass es keine „Verhörzimmer“ gibt, wie während der Nazizeit, sondern Vernehmungszimmer, erinnert er sich schmunzelnd.
Seine Meinung zur Folge und sein erster Verdacht
„Mich beeindrucken der Schnitt, die Kameraführung und die Nahaufnahmen. Die Farben bringen Dramatik.“ Durchgehend spannend sei die Folge. Dass die Familie Hentschel hinter den Morden steckt, sei offensichtlich, meint Mehringer, er habe sich nur gefragt, ob der ganze Clan oder nur Teile involviert sind. Als die Hinweise auf die Sexarbeiterin aufgetaucht sind, habe er sich gedacht, dass Toni gefangen gehalten wird oder freiwillig mitmacht. Es hätte sich auch um Erpressung handeln können: „Die Handlung lockt einen auf falsche Fährten, so soll es sein.“
Schön dargestellt sei Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs). Auch das Firmen- und Familienoberhaupt Johannes Hentschel (André Jung) hat es dem Leiter der Ansbacher Inspektion angetan. „Erst hielt man ihn für den großen Patriarchen, dann ist er aufgeweicht: die Reue in seiner Mimik, hervorragend.“
Die Unterschiede zur echten Polizeiarbeit: Zuständigkeiten
Konflikte aufgrund der Zuständigkeiten, wie in der Folge zwischen den Polizeipräsidien Oberpfalz und Mittelfranken, kämen in Wirklichkeit nicht vor. Die Zusammenarbeit sei gut, Unterlagen würden sofort bereitgestellt werden. „Diese Mein-Fall-dein Fall-Unterscheidung gibt es nicht.“ Was in Krimis dabei oft zu kurz komme, sei die Rolle der Staatsanwaltschaft. Als „Herrin des Ermittlungsverfahrens“ treffe sie viele Entscheidungen und habe meist das letzte Wort. Anders als im „Tatort“, wo viel von einzelnen Kommissaren und ihren Vorgesetzten abhängt. „Ermittlungen sind Teamarbeit“, sagt Mehringer. Gerade bei schweren Verbrechen gebe es keine Einzelentscheidungen.
Der Umgang mit Beweisstücken und dem Tatort
Dass Zeugen nochmals durch den Tatort spazieren – wie in der Folge der Mesner durch die Kirche –, komme nicht vor. Auch Kommissare beträten ihn, wenn überhaupt, noch einmal nur mit Maske. Dass Voss den USB-Stick mit Beweismaterial einfach in den Laptop steckt, sei grob fahrlässig, in Wirklichkeit würde dieser erst aufwendig kopiert und geprüft. Auch die gestohlenen Kreuze, die dem Kommissar gebracht werden, würden nicht erst am nächsten Tag abgeholt werden. „Die Kollegen sind bei solchen Fällen rund um die Uhr erreichbar, sie würden sofort auf Spuren untersucht werden.“
Wie die Polizei DNA und Datenträger analysiert
Die Identifikation der Brandleiche aus der Hütte hätte Mehringer zufolge mittels DNA funktionieren müssen. „Ein normaler Brand reicht nicht aus, um alles zu vernichten.“ Von den Knochen etwa blieben Reste erhalten. Im Tatort wird die Tote nur über den Schmuck identifiziert, was letztlich nicht funktioniert. „Mittlerweile gibt es da sehr gute Ermittlungsmethoden“, sagt er. Das verbrannte Handy, das Voss bei seinem ermordeten Freund findet, hält Mehringer tatsächlich für verwertbar. „Selbst wenn man Datenträger zerhackt oder verbrennt, können Spezialisten sie zum Teil auslesen.“
„Die große Maschinerie“ statt einzelner Kommissare
Falls der Täter nach einem Mord auf der Flucht ist, zum Beispiel wie in der Kirche, „läuft sofort die große Maschinerie an“, erklärt Mehringer. Das Dorf würde abgeriegelt werden, Dutzende Polizisten würden die Umgebung durchkämmen. Ebenso den „Zugriff“ am Ende würde der Kommissar niemals alleine durchführen. „Doch für die Dramaturgie ist das notwendig, wenn das SEK das lösen würde, wäre es fast langweilig.“
Mehringers Wunsch nach einem Ansbach-Tatort
Spannend habe er es gefunden, die Gegend um Ansbach, wo die Folge gedreht wurde, im Krimi zu entdecken. Doch auch die Handlung hätte anstatt in den fiktiven Orten gerne einmal dort spielen dürfen: „Ansbach als Regierungshauptstadt wäre mal an der Reihe“, wünscht sich Mehringer, nimmt lächelnd seine Schirmmütze in die Hand und verabschiedet sich in Richtung seiner Inspektion am Karlsplatz.