Vorsichtiges Aufatmen bei der Bekämpfung des größten Waldbrands in der Geschichte von Nordrhein-Westfalen: Die Feuerwehr ist „sehr zufrieden“ mit dem bisherigen Erfolg des Löscheinsatzes. Aber es gibt noch einen Unsicherheitsfaktor: „Wir haben einen frischen böigen Wind hier im Hürtgenwald, das könnte nochmal so ein Punkt sein“, sagte Feuerwehrsprecher Peter Berndgen.
Seit Donnerstagnachmittag kämpfen bei dem Ort in der Eifel an der Grenze zu Belgien Hunderte Einsatzkräfte gegen die Flammen. Nach Angaben des Kreises Düren sind etwa 300 Hektar Wald von dem Brand betroffen.
Man wolle mit der Brandbekämpfung jetzt immer mehr zur Mitte des Waldbrands vorstoßen, sagte Berndgen. „Was denn möglich ist unter den Rahmenbedingungen: Wir sind auf einer Munitionsverdachtsfläche.“ Im Hürtgenwald liegen noch viele Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg, weil dort Ende 1944 eine große Schlacht im Zuge des Vorrückens der Alliierten stattgefunden hatte.
Berndgen sagte, die Kräfte würden im Laufe des Tages noch einmal deutlich erhöht. Um die Mittagszeit würden voraussichtlich zehn, elf Hubschrauber gleichzeitig im Einsatz sein. „Ich denke, da gibt's kaum vergleichbare Lagen, wo so massiv Hubschraubereinsatz stattgefunden hat.“ Darüber hinaus gehe es jetzt um einige „Neben-Baustellen“, etwa eine Optimierung der Wasserversorgung für die Feuerwehr. „Wir bauen etwa Zufahrt-Möglichkeiten zu den Talsperren. Wir sind ja da in einem Waldgebiet unterwegs, wo sonst halt niemand auch hinfährt.“
„Die Nacht war gut“, bestätigte auch Landrat Ralf Nolten (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. Es habe sehr gute Fortschritte bei der Bekämpfung des Brandes gegeben. Das aktuelle Geschehen sei kein Vergleich mit dem des Vortages: „Gestern Morgen war echter Kampf und jetzt ist kontrolliertes Arbeiten“, verdeutlichte Nolten. Auch die riesige Rauchwolke, die am Freitag über dem Wald gestanden hatte, war verschwunden.
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte bei einem Besuch vor Ort, er habe so etwas noch nie gesehen. „Das macht einen schon unheimlich unruhig“, sagte er. „Das ist ja klar. Ich denke an die Menschen, die hier leben und die um ihr Häuschen fürchten. Um die müssen wir uns jetzt kümmern, und diesen Job, den erfüllen all diese 1400 Leute, die hier unterwegs sind. Alle helfen mit, ich finde das grandios. Und darüber hinaus viele Freiwillige. Es ist doch ein Hammer, zu erleben, wie viel Bereitschaft in unserem Bundesland ist, sich untereinander zu helfen.“
Mit Verärgerung reagierte Reul auf Kritik an der Organisation der Maßnahmen und die Forderung nach Löschflugzeugen. „Diese Mäkeleien - ich habe keine Lust mehr darauf“, wetterte der 73-Jährige. „Bitte Nörgeln nachher. Ende, aus. Die Leute interessiert, ob wir deren Häusern sichern können. Das andere ist denen vollkommen wurscht. Und die Frage von Flugzeugen, das hab' ich schon zehnmal diskutiert. Das ist nicht so einfach in unserem Bundesland, da wir keine großen Flächen haben, wo getankt werden kann. Das ist so blauäugig wie noch was.“
Reul appellierte an alle Bürger, sich jetzt von Wäldern fernzuhalten: „Es ist einfach irre, dass man jetzt in Wäldern rumläuft“, kritisierte er. „Jeder weiß, das Feuer ist entstanden durch irgendeinen Idioten. Irgendein Idiot hat das Feuer verursacht. Und darüber muss man nachdenken, wie verantwortungslos die Leute in der Gegend rumrennen, einfach irgendwas wegwerfen. Das ist das eigentliche Problem. Und jetzt müssen die 1400 Leute versuchen, das in den Griff zu kriegen.“
In der Nacht zum Freitag waren im Ortsteil Hürtgenwald-Gey rund 2.000 Einwohner wegen des näher rückenden Feuers evakuiert worden. Sie konnten bisher nicht in ihre Häuser und Wohnungen zurückkehren.
Durch den Brand gab es bisher fünf Verletzte. Landrat Nolten sagte, eine ältere Person habe Herzprobleme bei der Evakuierung bekommen. Außerdem seien vier Einsatzkräfte leicht verletzt worden. Darunter seien eine Schnittverletzung und Kreislaufprobleme.
Nur rund 60 Kilometer Luftlinie entfernt von Hürtgenwald brach am Freitag ein größerer Wald- und Wiesenbrand im rheinland-pfälzischen Landkreis Mayen-Koblenz aus. Dort brannten rund 50 Hektar, wie ein Sprecher des Landkreises sagte. Mehrere Häuser eines Ortsteils wurden evakuiert - die Evakuierung zweier anderer Orte wurde aber abgewandt. Nach offiziellen Angaben wurden sieben Feuerwehrleute leicht verletzt.
Nach Einschätzung des Waldbrandexperten Ulrich Cimolino ist Deutschland nur bedingt auf größere Waldbrände vorbereitet. Eine Stärke sei das flächendeckende Feuerwehrsystem. „Wir schaffen es, sehr viele Feuer klein zu halten, weil wir Feuerwehr in der Fläche haben“, sagte der Vorsitzende des Arbeitskreises Waldbrand im Deutschen Feuerwehrverband (DFV) der dpa.
Schwierig werde es aber bei dynamischen Lagen: Kämen etwa Wind als treibender Faktor und die Topographie zusammen, könnten Brände schnell eskalieren. Vegetationsbrände seien anders als andere Brände, dafür brauche es geschulte Einsatzkräfte. Defizite sieht der Experte vor allem bei der Ausbildung. Es gebe keine nennenswerten zentralen Aus- und Fortbildungsstätten, die Taktik und Technik weiterentwickelten.
Mit Blick auf den aktuellen Brand im Hürtgenwald verwies Cimolino auf die Vergangenheit der Region als Kampfgebiet im Zweiten Weltkrieg. „Die Munition wird nicht besser, wenn sie älter wird“, sagte er. Für Einsätze auf Munitionsverdachtsflächen brauche es unter anderem mehr geschützte beziehungsweise gepanzerte Fahrzeuge.
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