Seine Bedeutung und bauliche Einmaligkeit verdankt Rothenburg einem Privileg, das die Anerkennung als Reichsstadt bedeutete. Verliehen wurde es am 15. Mai 1274, also vor 750 Jahren – ein Anlass, den es zu feiern gilt. Wir beteiligen uns mit einer Reihe von Artikeln, die den kurvenreichen Weg der Stadt nachzeichnet: von den Ursprüngen bis zur Gegenwart.
Ein Provinznest war Rothenburg 1274 nicht mehr, sondern längst ein etablierter Standort im Herrschaftsgefüge der damaligen Zeit. Wann genau die Erfolgsgeschichte ihren Anfang nahm, ist nicht belegt. Eine kleine Rolle spielte ein Grundstück mit dem schönen Namen Essigkrug. Entscheidender war aber ein zweites Bauprojekt.
Klar ist, dass sich unten an der Tauber bereits einiges rührte, als dort, wo heute die Stadt steht, noch gar nichts war. Im Zuge der intensiveren Besiedlung des Tals wurde im heute als Detwang bekannten Ort Ende des zehnten Jahrhunderts eine erste Kirche gebaut. Jahrhundertelang behielt das Dorf seine Bedeutung als Pfarrei, die später auch die Stadt zugeordnet war.
Deren Entwicklung nahm ihren Ausgang von zwei vorgelagerten Burgen, von denen fast nichts erhalten ist. Die ältere davon muss im Auftrag der Grafen von Comburg im elften Jahrhundert gebaut worden sein. Dort, wo sie gestanden haben dürfte – 100 Meter Luftlinie westlich der Reichsstadthalle – ist heute grüne Wiese. Essigkrug heißt das Gelände. Eine triftige Erklärung für den ungewöhnlichen Namen fehlt. Unbekannt ist auch, wann und unter welchen Umständen die Burg verschwand. Sichtbare Mauerreste gibt es nicht. Angenommen wird aber, dass sich solche im Boden befinden.
Besser belegt sind die Umstände in Sachen Festung Nummer zwei. 1142 hatte Stauferkönig Konrad III. den Ort Detwang erworben, zu dem ein hoch über dem Tauberbogen gelegener Bergsporn gehörte. Die Fläche bot sich laut Stadtarchivar Dr. Florian Huggenberger als Standort für eine Burg an, weil unterhalb davon im Taubertal eine bedeutende Nord-Süd-Straße verlief. Die Stadt Hall mit ihrer wichtigen Salzproduktion war nur eine Tagesreise entfernt.
Um einen attraktiven neuen Handelsplatz sei es den Staufern dabei wohl weniger gegangen, sagt Huggenberger. Die Neugründung hätte in diesem Fall eher unten im Tal und nicht oben auf dem Berg Sinn ergeben. „Konrad wollte ein politisches Signal setzen mit einer großen, weithin sichtbaren Burg und sicher auch einen militärischen Stützpunkt haben, um dem Machtanspruch seiner Familie Nachdruck zu verleihen“, erklärt der Stadtarchivar.
Die älteste Urkunde, in welcher der auf die Anlage bezogene und vermutlich von der Farbwirkung des Mauerwerks inspirierte Name „Rotenburch“ steht, stammt aus dem Jahr 1144. Wohl gegen 1150 war die Burg fertig. Für dieses Jahr sei jedenfalls ein Aufenthalt Konrads bezeugt, sagt Dr. Huggenberger. Und auf einer Baustelle „hätte der König wohl kaum Gäste empfangen und Amtsgeschäfte erledigt“. Im Übrigen seien acht bis zehn Jahre „eine plausible Bauzeit für eine Burg dieser Größe“.
Von der Anlage ausgehend, entwickelte sich Richtung Osten eine Siedlung. Diese wuchs, war aber noch weit entfernt von kommunaler Autonomie. Das Sagen hatten und behielten ganz klar die Staufer. Es gab in der Zeit nach 1150 auch noch keine selbstbewusste Bürgerschaft oder Ratsvertretung mit Befugnissen in der Stadt. Dort lief alles nach dem Willen der Burgherren. Die Ansagen machte ein jeweils von ihnen eingesetzter Schultheiß.
Dessen wichtigste Aufgabe war es, Gericht zu halten. Aufstrebende Siedlungen wie Rothenburg hoben sich in ihrer Bedeutung von Dörfern auch durch das Marktrecht ab. Wochenmärkte sicherten die Versorgung der Bevölkerung mit Gütern des täglichen Bedarfs. Überdies etablierten sich damals auch schon besondere Jahrmärkte, die Fernhändler mit speziellen Waren bedienten.
Die Stadtbefestigung bildete die Trennlinie zwischen der Siedlung mit ihrem eigenen Rechtsstatus und dem Umland. Nach und nach habe sich Rothenburg dann „als geistlicher, kultureller und wissenschaftlicher Zentralort“ für die Region etabliert, so der Archivar. Die angebliche Stadtrechtsverleihung durch Friedrich Barbarossa sei aber Legende.
Im 13. Jahrhundert schwächte sich die Dominanz der Staufer ab. Die Bürgerschaft gewann an Einfluss. In einer Urkunde von 1227 seien erstmals Bürger Rothenburgs als Zeugen vermerkt, so der Stadtarchivar. Es habe aber noch über 40 Jahre gedauert, „bis eine geeinte Bürgerschaft mit einem Rat entstand“. So taucht in einer Urkunde von 1269 die Bezeichnung „Civitas von Rothenburg“ auf. Dieses lateinische Wort sei „der damals gebräuchliche Begriff für eine vollständig handlungsfähige Kommune“ gewesen, so Huggenberger.
Die Machtverhältnisse in Rothenburg verschoben sich erheblich. Auch die Herren von Nordenberg, die unter den Staufern jahrzehntelang als Schultheißen oder Vögte für Stadt und Burg berufen worden waren und sich den Erbtitel „Küchenmeister“ sicherten, schafften es, ihren Einfluss auszubauen. Sie wurden faktisch zu Stadtherren von Rothenburg.
Alles änderte sich, als 1273 Graf Rudolf von Habsburg König wurde und damit begann, wichtige Orte an das Reich zu binden. Dafür musste er aber, wie man heute sagen würde, etwas springen lassen. Rothenburg erhielt diese überzeugende Gegenleistung am 15. Mai 1274. Rothenburg wurde Reichsstadt.