Polyester oder Baumwolle, Leinen oder Lyocell? Wer möglichst nachhaltige Kleidung kaufen will und auf das Materialetikett schaut, ist schnell überfragt: Ist eine Faser besser als die andere? Und sind Naturfasern immer die bessere Wahl?
„Grundsätzlich kann man nicht sagen: Naturfaser ist unter dem Nachhaltigkeitsaspekt besser als Chemiefaser“, sagt Stefanie Trevisan. Sie ist Dozentin für Materialkompetenz an der AMD Akademie Mode & Design und betont: „Wichtig ist vor allem, Chemiefasern nicht alle in einen Topf zu werfen.“
Trevisan unterscheidet zwischen synthetischen Fasern auf Erdölbasis, das sind zum Beispiel Polyester oder Polyacryl, und Cellulose-basierten Chemiefasern wie Lyocell oder Viskose. Durch ihre natürliche Basis seien die beiden letzteren durchaus nachhaltige Fasern. Wobei die Textilexpertin vor allem Lyocell hervorhebt. „Das verwendete Lösungsmittel ist bei Lyocell umwelterverträglicher als bei Viskose“, sagt sie. „Und durch ein geschlossenes Kreislaufsystem sind deutlich weniger Wasser und Chemikalien im Einsatz.“
Das bestätigt Carla Seliger von der Verbraucherzentrale Hessen: „Wir von der Verbraucherzentrale stufen Lyocell aktuell tatsächlich als besonders nachhaltig ein“, sagt sie.
Synthetische Chemiefasern wie Polyester und Co. rutschen dagegen aus mehreren Gründen ans untere Ende der Nachhaltigkeitsskala. Sie sind Erdöl-basiert und stammen damit aus einer endlichen und nicht nachwachsenden Ressource. Erdölbasierte, synthetische Fasern sind im Gegensatz zu Cellulose-basierten Fasern wie Lyocell und Viskose nicht abbaubar. Und: „Mit jeder Wäsche zum Beispiel von Polyacryl werden kleinste Mikropartikel ausgeschieden, von denen ein Teil als nicht abbaubar im Grundwasser landen“, sagt Stefanie Trevisan.
Naturfasern wie Baumwolle, Leinen und Hanf stammen zwar aus nachwachsenden Rohstoffen. Aber Naturfaser bedeutet nicht automatisch nachhaltig, stellt Textilexpertin Trevisan klar. Vor allem bei Baumwolle müsse man differenzieren. „Oft wird sie in Ländern angebaut, wo sie eigentlich nicht hingehört und einen extrem hohen Wasserverbrauch hat“, sagt die Dozentin. „Bei konventionell angebauter Baumwolle sind außerdem viele Chemikalien im Einsatz.“
Und andere Naturfasern? Hanf und Leinen seien zwar deutlich positiver von der Umweltbilanz her, aber daraus ließe sich nicht alles herstellen, was Baumwolle könne. „Das typische Banker-Business-Hemd funktioniert mit Leinen nicht“, sagt Stefanie Trevisan. „Baumwolle ist einfach eine fantastische Faser von ihrer Performance her.“ Hanf und Leinen seien aber prima, wenn es passe.
Soll es dagegen Baumwolle sein, plädiert Carla Seliger unbedingt für Bio-Baumwolle. Auf diese Siegel können Verbraucherinnen und Verbraucher beim Kauf achten: „Naturtextil IVN zertifiziert BEST“ oder „GOTS“ (Global Organic Textile Standard). „Sie berücksichtigen ökologische, aber auch soziale Kriterien“, sagt die Umweltpädagogin.
Mindestens genauso wichtig wie das Material ist die Qualität beim Kauf eines Kleidungsstückes: „Sind die Nähte sauber vernäht, stehen schon Fäden ab?“, so Carla Seliger. „Oft entwickeln Kleidungsstücke bereits im Geschäft das Pilling, diese kleinen Kügelchen. Dann wird es nach ein paar Wäschen noch schlimmer sein.“ Gern lange getragen wird so ein Stück dann nicht.
Dabei ist genau das ein Kernpunkt. Denn nachhaltige Kleidung hört nicht mit dem Einkauf auf. Unabhängig davon, welche Fasern man am Leib trägt, gilt daher:
„Wichtig ist, dass wir wegkommen von diesem Fast-Fashion-Trend, etwas neu zu kaufen, es kurz zu nutzen und dann wieder auszusortieren“, sagt Umweltpädagogin Seliger. „Denn das ist am wenigsten nachhaltig.“
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