Experten-Analyse: So trug die Bauweise zum Großbrand in Ansbach bei | FLZ.de

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Veröffentlicht am 12.03.2026 17:00

Experten-Analyse: So trug die Bauweise zum Großbrand in Ansbach bei

Nach Ansicht eines Brandexperten hat die Bauweise des in der Silvesternacht abgebrannten Wohngebäudes in der Herbartstraße dazu beigetragen, dass sich das Feuer so schnell ausbreiten konnte. (Foto: Robert Maurer)
Nach Ansicht eines Brandexperten hat die Bauweise des in der Silvesternacht abgebrannten Wohngebäudes in der Herbartstraße dazu beigetragen, dass sich das Feuer so schnell ausbreiten konnte. (Foto: Robert Maurer)
Nach Ansicht eines Brandexperten hat die Bauweise des in der Silvesternacht abgebrannten Wohngebäudes in der Herbartstraße dazu beigetragen, dass sich das Feuer so schnell ausbreiten konnte. (Foto: Robert Maurer)

Der Brand in der Silvesternacht in Ansbach war eine Katastrophe. 37 Menschen verloren in der Herbartstraße ihr Zuhause. Doch die Tragödie kann womöglich helfen, weitere derartige Unglücksfälle zu verhindern. Die Ansbacher Feuerwehr hat einen Brandexperten der TU München zugezogen. Der kam zu erstaunlichen Erkenntnissen.

Die Ansbacher Feuerwehr hat bereits beim Brand der Autowerkstatt Poschner im August mit der Berufsfeuerwehr in München zusammengearbeitet. Diese wertet die Berichterstattung über Großbrände aus und lässt sich von den Beteiligten mit Informationen versorgen. Die Ergebnisse wandern in eine sehr fundierte Datenbank mit über 2000 Berichten, weiß Ansbachs Stadtbrandrat Steffen Beck. Die Datenbank hilft dabei, Brandereignisse zu bewerten und soll auf Mängel in der Bauordnung aufmerksam machen.

Auch nach dem Brand in der Herbartstraße meldete sich die Münchner Berufsfeuerwehr. Die Unterlagen von Kommandant Steffen Beck und seinem Stellvertreter Pascal Mittemeyer weckten das Interesse der Experten. „Die wollten sich das unbedingt vor Ort anschauen”, berichtet Beck. Denn auffällig war, wie schnell sich das Feuer in dem Gebäude in Holzbauweise ausgebreitet hat.

Extreme Hitze im Treppenhaus

Die Einsatzkräfte waren sieben Minuten nach Eingang des Notrufs in der Herbartstraße. Doch da stand der nördliche Gebäudeteil bereits in Vollbrand – mit lodernden Flammen, die weit über das Flachdach hinausragten. „Als wir ins Treppenhaus kamen, fielen schon Teile herab”, erinnert sich Steffen Beck. Und es herrschte eine extreme Hitze.

Björn Maiworm arbeitet bei der Berufsfeuerwehr in München. Er gehört als Fachmann aber auch zum Team des Lehrstuhls für Brandwissenschaft und Brandingenieurwesen der Technischen Universität München. Er hat in der Herbartstraße mit wissenschaftlichen Methoden untersucht, was genau passiert ist. Ob das Feuer tatsächlich durch Feuerwerkskörper ausgelöst wurde, konnte auch er nicht endgültig ermitteln.

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Aus Maiworms Sicht war es „ein Riesenglück”, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner draußen waren, um das Neujahrsfeuerwerk anzuschauen. Andernfalls hätte es Tote gegeben, ist er überzeugt. Das Fatale an dem Brand war, dass zum einen das Treppenhaus in Flammen stand, zum anderen die Balkone als zweiter Fluchtweg ebenfalls nicht genutzt werden konnten, um aus dem Gebäude zu kommen. Denn auch die Holzfassade stand in Vollbrand.

Nach dem Brand in der Herbartstraße in der Silvesternacht laufen derzeit Untersuchungen. Erst wenn die Ergebnisse vorliegen, wird der erforderliche Aufwand für eine Sanierung feststehen. (Foto: Robert Maurer)
Nach dem Brand in der Herbartstraße in der Silvesternacht laufen derzeit Untersuchungen. Erst wenn die Ergebnisse vorliegen, wird der erforderliche Aufwand für eine Sanierung feststehen. (Foto: Robert Maurer)

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Die Balkone selbst sind zwar auf ihre Brennbarkeit untersucht worden, weiß Maiworm. Doch die Holzfassade des für seine Architektur ausgezeichneten Gebäudes war das Problem. Als das Mehrfamilienhaus mit den 22 Wohnungen 2013 gebaut wurde, gab es noch keine Vorschriften hierzu. Heute müssten zwischen den Geschossen Bleche angebracht werden, die deutlich aus der Fassade herausragen, um ein Übergreifen auf die höherliegenden Stockwerke zumindest zu verlangsamen, erläuterte Maiworm.

„Eine mutige Wette”

„Das ist eine mutige Wette gewesen”, sagte der Experte mit Blick auf die Bauausführung. Man habe sich beim Brandschutzgutachten darauf verlassen, dass vernetzte Brandmelder genug Schutz bieten würden. „In dieser Situation mit den beiden nicht nutzbaren Fluchtwegen bringt das aber gar nichts.”

Aus seiner Sicht sind bei dem Gebäude verschiedene Fehler gemacht worden. Nicht nur die Holzfassade ohne feuerstoppende Elemente sieht Maiworm kritisch. Auch im Treppenhaus und in den Wohnungen ist viel Sichtholz verbaut. Man habe sich darauf verlassen, dass Eiche schwer entflammbar sei. Doch bei genug Hitze brennt das Holz natürlich. Außerdem setzten Verkleidungselemente hervorragend brennende Pyrolysegase frei. Im Treppenhaus war es so heiß, dass sogar der Ruß verbrannte. Das passiert bei Temperaturen von mehr als 800 Grad. Maiworm: „Man hätte da eigentlich nur betonieren dürfen.”

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Ausdrücklich unterstreicht der Experte, dass die schnelle Ausbreitung des Feuers nicht an der Holzbauweise an sich gelegen hat. Dort, wo das Holz mit Gipskartonplatten verplankt wurde, habe alles funktioniert. Die Stabilität des Bauwerks blieb gewahrt. „Die Brandschutzverkleidung hat funktioniert.”

Die Ansbacher Feuerwehr hat sich nach den Erkenntnissen Maiworms höchstes Lob verdient. „Die Kollegen haben alles richtig gemacht.” Schon während der Anfahrt habe Kommandant Beck die Alarmstufe von einem kleinen Wohnungsbrand auf ein Großereignis mit sehr hohem Kräftebedarf erhöht. Es sei zudem beeindruckend, dass die rund 200 Einsatzkräfte den südlichen Teil des Baus halten konnten.

Welche Konsequenzen hat der Fall?

Maiworm gehört seit Jahren als Berater verschiedenen Gremien an, die sich mit Bauvorschriften befassen. In der Bauministerkonferenz der Bundesländer ist er ebenfalls regelmäßig zu Gast. Dort wird er seine Erkenntnisse vorstellen. „Das wird schon wahrgenommen.” Allerdings fürchtet er, dass das Ganze als Einzelfall gewertet wird und es deshalb keine schnellen Änderungen in den Bauvorschriften geben wird.

Die Bayerische Bauordnung stammt im Kern von 1962. Sie wurde in der Vergangenheit immer wieder aktualisiert – zuletzt zum 1. Januar 2025. Weil die Politik im Zuge der Entbürokratisierung auch beim Bauen Deregulierungen umsetzt, tauchen Maiworm zufolge immer wieder Probleme auf, weil Vereinfachungen nicht sinnvoll aufeinander abgestimmt sind.

Ausdrücklich lobt Maiworm die Joseph-Stiftung. Die Verantwortlichen seien „einsichtig und lösungsorientiert”. Sie hätten zugesichert, dass sie auch am nicht betroffenen Westtrakt nachbessern, um eine weitere Katastrophe zu verhindern.

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