Es war ein Versuch, Golf von einer anderen Seite aus zu beleuchten und den Spaß-Faktor bei diesem Spiel in den Vordergrund zu stellen. Das ist gelungen: Die European Longdrive Games im GC Lichtenau-Weickershof sorgten bei rund 500 Zuschauer auf der Anlage für Begeisterung und staunende Reaktionen.
Wer schon mal selbst einen Golfschläger in der Hand hatte und das von einer herrlichen Leichtigkeit getragene Gefühl kennt, wenn der Ball hinauskatapultiert wird und im besten Fall um die 200 Meter später in der Mitte einer sattgrünen Spielbahn wieder landet, war am Samstag schlichtweg neugierig. Auf Profis, die sich auf sehr weite Schläge spezialisiert haben und die im englischen Sprachgebrauch deshalb voller Ehrfurcht Longdriver genannt werden.
Es sind für den Otto-Normal-Golfer, der in schöner Regelmäßigkeit an die Grenzen nervlicher Belastung zu geraten droht, beinahe so etwas wie Halbgötter – deren Abschläge von einer schier übermenschlichen Dynamik getragen erst in den Wolken verschwinden, ehe sie nach einem gefühlten halben Kilometer wieder den Erdboden berühren.
Inzwischen ist daraus längst ein eigener Geschäftszweig entstanden. In Nordamerika können Longdrive-Profis vornehmlich über die Vermarktung in den sozialen Netzwerken davon leben. In Europa, wo der aus Burg stammende Ex-Profi Timo Petrasch die European Long Drive Games gerade als Veranstalter die kontinentale Serie etabliert, sind Profis noch auf ein zweites Standbein angewiesen. Longdrive ist für sie ganz häufig ein zeitintensives Hobby, das viel Spaß macht und für staunende Reaktionen sorgt.
Zumal so ein Event noch eine übergeordnete Botschaft beinhaltet. Steckt Golf trotz vieler Bemühungen noch immer in einer Schublade voller karierter Hosen, nervierenden Eitelkeiten und finanziell angeblich intensiven Mitgliedsbeiträgen, ist Petrasch mit seiner Tour so etwas wie der exakte Gegenentwurf dazu. „Hit hard, party hard”, so beschreiben die Longdriver ihren selbstgewählten Auftrag. Kurz gesagt und frei übersetzt: Bei allem Wettbewerb soll Golf Spaß machen, begeistern und im besten Fall in einer großen Party münden.
Genau das funktionierte im Golfclub Lichtenau-Weickershof, wo die European Long Drive Games erstmals im nordbayerischen Raum Station machten, nahezu perfekt. Der Verein stellte über ein findiges Organisationsteam mit Manager Volker Albrecht und Platzmeister Frank Fürhäußer an der Spitze einen Jahrmarkt auf die Beine: Unter schattenspendenden Bäumen war ein Biergarten aufgebaut, mit selbstgemachtem Eis, Kuchen, einem Bar-Betrieb sowie Veggie-Food und Grill-Klassikern fehlte es an nichts. Zudem sorgte ein Putting-Wettbewerb für Abwechslung, und die Zuschauer konnten die Abschläge der Profis von einer Tribüne aus verfolgen.
„Aus Sicht unseres Golfclubs sind die wesentlichen Ziele, die wir mit der Durchführung des Wettbewerbs erreichen wollten, weitestgehend erfüllt worden”, bilanzierte Präsident Peter Eichhorn nach der Veranstaltung, zu der über den Tag verteilt rund 500 Zuschauer gekommen waren. Neben dem Abbau von Vorurteilen sieht sich der GCL-Präsident auch in Sachen positiver Werbung bestätigt. „Die überregionale Präsenz in verschiedenen Medien wird dazu beitragen, dass wir als zukunftsorientierter und innovativer Golfclub wahrgenommen werden.”
Nicht nur der Präsident freute sich über „eine spektakuläre Show”. Selbst golfaffine Menschen zeigten sich beeindruckt, als die Longdriver loslegten und die Bälle im Sekundentakt auf die Reise schickten. Untermalt mit lauter Musik, galt es für die Teilnehmer, sechs Bälle in maximal 2:45 Minuten auf die Reise zu schicken. Noch dazu wurden sie nur gewertet, wenn sie in einem Korridor von etwa 60 Meter Breite landeten.
„Größe und Technik allein ist nicht der Heilsbringer, sonst hätt ich keine Chance”, erklärte der einzige deutsche Teilnehmer, Robin Horvath aus Ingolstadt mit einem Augenzwinkern. Im Vergleich zu vielen muskelbepackten Spielern aus Wales, Irland oder England wirkt Horvath eher schmächtig. Dank seiner Schnellkraft und Beweglichkeit jagte er seine Drives dennoch über 400 Yards (rund 360 Meter) und heizte die Zuschauer mit emotionalen Reaktionen mächtig an.
Am Ende reichte das zu Platz vier, der Sieg im Finale sowie in der Gesamtwertung der Saison ging an James Tait – Schotte und einer der weltbesten Longhitter. Er wuchtete den Ball im Finale trotz ungünstiger Windbedingungen auf spektakuläre 408 Yards und machte sich damit an seinem 36. Geburtstag selbst das größte Geschenk. Nach einem spontanen Happy-Birthday von der Tribüne galten seine ersten Gedanken dem gastgebenden Golfclub, der sich mit rund 40 Helferinnen und Helfern von seiner Schokoladenseite gezeigt hatte. „Ich kann gar nicht oft genug Danke sagen für das, was hier geleistet worden ist. Eine tolle Gemeinschaft. Und das Bier und die Bratwürste waren einfach grandios.”