Essstörungen aller Art: Die Kontaktgruppe Strohhalm hilft Frauen in der Region | FLZ.de

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Veröffentlicht am 05.07.2025 09:00

Essstörungen aller Art: Die Kontaktgruppe Strohhalm hilft Frauen in der Region

Der Blick auf den Teller bereitet keine Freude mehr. Menschen, die eine Essstörung haben, sind mit dem, was dort liegt, oft nicht zufrieden. (Foto: Daniela Ramsauer)
Der Blick auf den Teller bereitet keine Freude mehr. Menschen, die eine Essstörung haben, sind mit dem, was dort liegt, oft nicht zufrieden. (Foto: Daniela Ramsauer)
Der Blick auf den Teller bereitet keine Freude mehr. Menschen, die eine Essstörung haben, sind mit dem, was dort liegt, oft nicht zufrieden. (Foto: Daniela Ramsauer)

Der letzte Strohhalm beim Weg aus der Essstörung, den reicht seit 30 Jahren eine Kontaktgruppe des Gesundheitsamts Ansbach. Nachdem sie auf die Hälfte ihres Ursprungsgewichtes abgemagert war, hat ihn auch Johanna S. (Name geändert) gegriffen.

Ein Abnehmkurs, viel Fitnessstudio und etwas weniger Essen, so hatte sie innerhalb weniger Wochen fünf Kilo abgenommen. „Das hat mir gutgetan”, sagt Johanna S. Die ersten Pfunde weniger haben die damals 18-Jährige motiviert weiterzumachen - und zwar ohne sich eine Grenze nach unten zu setzen. Innerhalb eines halben Jahres hat sich die heute 33-Jährige von 70 auf 39 Kilo heruntergehungert.

„Ich konnte nicht mehr in den Spiegel schauen. Meine Eltern waren entsetzt. Wir waren uns einig, dass ich die Notbremse ziehen muss”, sagt S. Zur akuten Behandlung ihrer Essstörung ließ sie sich ins Bezirksklinikum Ansbach einweisen. Parallel wandte sie sich an die Beratungsstelle für Essstörungen am Gesundheitsamt Ansbach. In der Einzelberatung dort wurde der jungen Frau empfohlen, auch Kontakt zur Selbsthilfegruppe Strohhalm aufzunehmen.

Die Leiterinnen selbst sind nicht betroffen

„Wir sind eine der wenigen Selbsthilfegruppen, die nicht von Betroffenen geleitet wird”, erklärt Isolde Imschloß, von Gesundheitsamt Ansbach, die die Gruppe im Jahr 1995 mit einer Kollegin ins Leben gerufen hat. „Wir hatten damals eine Klientin mit einer Essstörung, die eine Gruppe zum Austausch gesucht hat. Da es keine gab, haben wir eine eröffnet”, denkt sie zurück.

Den Namen „Strohhalm” hat sich die erste Klientin ausgedacht. „Es war der letzte, nachdem sie gegriffen hat”, erklärt Isolde Imschloß. Anfangs war die Gruppe gemischt, Menschen mit Essstörungen und deren Angehörige trafen sich. Die Kombination war nicht optimal, da die Teilnehmenden sich nicht trauten, in der Runde offen über Ängste zu sprechen. Seit dem Jahr 2000 gibt es zwei Gruppen: eine für Angehörige, die sich einmal im Monat trifft, und die für direkt Betroffene, die sich blockweise trifft.

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Die Teilnehmerinnen kennen sich

Immer sechs zusammenhängende Termine bilden eine Kurseinheit, erläutert Martina Hartmann, die die Treffen gemeinsam mit ihrer Kollegin Imschloß organisiert. „So müssen sich die Teilnehmerinnen nicht immer neu vorstellen”, so Hartmann. Auch die Kernprobleme, über die gesprochen wird, sind bekannt. Hartmann sagt bewusst Teilnehmerinnen, denn das Angebot des Strohhalms richtet sich nur an Frauen. Männer hätten häufig andere Krankheitsbilder und würden besser separat behandelt.

Nach dem Angebot des Strohhalms können Frauen mit Essstörungen aller Art greifen. Dabei sind zum Beispiel solche, die unter Anorexie, also Magersucht, Bulimie, dem Erbrechen nach übermäßiger Essensaufnahme, oder Binge eating, der unkontrollierten Nahrungsaufnahme, leiden. „In der Gruppe kommen alle Krankheitsbilder zusammen”, erklärt Imschloß.

Die Probleme sind ähnlich

„Im Gespräch mit den anderen wird klar, dass alle ähnliche Gedankengänge und Probleme haben”, meint die Gesundheitsamtsmitarbeiterin. „Es ist schön zu sehen, dass man nicht alleine ist”, erinnert sich Johanna S. an ihre Zeiten bei Strohhalm zurück. Über Jahre hinweg, immer wenn es ihr schlechter ging, hat sie Kontakt gesucht. Die Treffen waren Teil ihres Lebens. In gemütlicher Runde durfte jede über ihre Themen sprechen. Oft waren es die einzigen sozialen Kontakte, die S. hatte. „Man zieht sich sehr zurück und meidet alles, was mit Essen zu tun hat”, erklärt die 33-Jährige.

„Durch die Gruppe ist eine soziale Verbindlichkeit gegeben. Erscheinen ist gut, denn die anderen warten ja”, sagt Martina Hartmann. In der Runde bringen Hartmann und Imschloß die Teilnehmerinnen zum Nachdenken über sich und ihr Umfeld. Wie sieht es aktuell aus? Wie stelle ich mir meine Zukunft vor? Welche Vorteile bringt mir meine Essstörung? Der Austausch im Strohhalm heilt vielleicht niemanden unmittelbar, zeigt aber Wege aus der Krankheit auf.

Die Krankheitsgeschichte bleibt Teil des Lebens

„Ich habe irgendwann gemerkt: Ich brauche das jetzt nicht mehr”, sagt Johanna S. Inzwischen hat sie wieder Freude am Essen gefunden und ein normales Gewicht. Sie setzt sich feste Essenszeiten, damit sie es halten kann. Verschwinden wird die Krankheitsgeschichte nie mehr aus ihrem Leben. Doch sie kann wieder in den Spiegel schauen.

Die Kontaktgruppe Strohhalm trifft sich das nächste Mal im September. Wer dabei sein möchte, oder vorab eine Beratung wünscht, kann telefonisch Kontakt aufnehmen unter 0981/4687103 oder 0981/4687805. Per E-Mail sind die Ansprechpartnerinnen unter gesundheitsfoerderung@landratsamt-ansbach.de erreichbar.

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