Er schwimmt, er schwimmt nicht: Drama um Buckelwal vor Poel | FLZ.de

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Veröffentlicht am 20.04.2026 05:02, aktualisiert am 20.04.2026 16:02

Er schwimmt, er schwimmt nicht: Drama um Buckelwal vor Poel

Mobilsierungsversuche gab es ab Mittag. (Foto: Jens Büttner/dpa)
Mobilsierungsversuche gab es ab Mittag. (Foto: Jens Büttner/dpa)
Mobilsierungsversuche gab es ab Mittag. (Foto: Jens Büttner/dpa)

Nach drei Wochen Stillstand plötzlich Bewegung - aber nur kurz: Der vor Poel gestrandete Buckelwal ist am frühen Morgen bei steigendem Wasserstand plötzlich von selbst losgeschwommen. Rund zwei Stunden mühten sich Menschen, den zwölf Meter langen Wal von Booten aus in die richtige Richtung zu treiben. Dann war Schluss, der Wal stoppte und blieb am Übergang des Kirchsees zur Wismarbucht, die ihn letztlich in die Ostsee führen könnte, liegen. Mobilisierungsversuche - durch nahes Heranfahren - brachten bis zum Nachmittag keinen Erfolg. 

Der Wal habe sich nach dem Start am Morgen unnatürlich bewegt, sagte der Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter. Grund dafür könne zwar die geringe Wassertiefe gewesen sein. „Es kann aber auch daran gelegen haben, dass er Schmerzen hat oder eine Verletzung und auch daran, dass er eben 20 Tage lang lag. Das macht was mit den Muskeln, das macht was mit dem Organismus.“ 

Auf Livestreams war zu sehen, wie der Wal nahe von Fahrwassertonnen wieder auf Grund liegt. Er liege nach vorliegenden Erkenntnissen nicht vollständig auf, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) am frühen Mittag. „Er könnte nach links ohne weiteres ausweichen, um dann in tiefes Fahrwasser zu kommen, um ihn dann aus dem Kirchsee herauszuführen.“

„Es ist ein Nadelöhr, durch das er durch muss“, sagte Unternehmerin Karin Walter-Mommert, die den privaten Bergungsversuch mitfinanziert. Das Wasser außerhalb der Fahrrinne ist im Kirchsee vielerorts nur hüfttief. Backhaus sagte, man gehe davon aus, dass der Wal sich ausruhe und sich dann wieder aufmache. 

Wasserstände sinken wieder 

Allerdings drängt die Zeit: Der Wasserstand in der Lübecker Bucht sollte ab Montagmittag bis Dienstag wieder sinken. Dem Meeresbiologen Boris Culik zufolge kann das für den rund zwölf Tonnen schweren Wal schlimme Folgen haben: „Wenn er jetzt gemütlich mit dem Bauch auf einer Sandbank liegt und oben guckt das Blasloch raus, alles gut. Aber wenn dann 50 Zentimeter weniger Wasser da sind, dann entwickelt er ein unheimliches Gewicht, das dann auf seinen inneren Organen lastet. Er hat ein ganz schwaches Skelett im Vergleich zu uns.“ Es werde höchste Zeit, ihn von der Stelle wegzubugsieren. 

Culik zufolge könnte der Wal gezielt immer wieder flache Stellen angesteuert haben: Ein geschwächter Wal könne durchaus auch gewollt stranden, wenn ihm dies das Atmen erleichtere. „Dass er in der Ostsee eine Sandbank aufsucht, um sich zu erholen, kann man sich schon vorstellen“, sagte er. Das Tier war seit März bereits viermal an verschiedenen Stellen gestrandet, teils nur einige Stunden lang, zuletzt vor Poel rund drei Wochen.

Walforscher Ritter plädierte dafür, das Tier nun wirklich in Frieden zu lassen. „Dieser Wal macht, was er will. Er ist nicht zu kontrollieren und wir müssen jetzt endgültig einsehen, dass es für uns nicht möglich ist, diesen Wal aktiv zu retten“, sagte der Meeresbiologe. „Wir sollten ihm im Moment nur den größten Gefallen tun, indem wir ihn sein lassen.“ Entweder finde er wieder zu Kräften und die Schädigungen seien nicht so groß, so dass er ohne Zutun den erneuten Aufbruch schaffe. „Oder er ist halt auf dem Weg zu seinem Lebensende. Das müssen wir einfach jetzt akzeptieren.“

Auch Ritter geht davon aus, dass der Wal die ruhende Position im flachen Wasser immer wieder einnimmt, „weil er sich das Leben erleichtern will“. „Er liegt im Wasser, das trägt ihn, das heißt, er erdrückt sich nicht mit seinem eigenen Gewicht. Er muss nicht dafür sorgen, dass er an die Oberfläche kommt. Er braucht sich nicht bewegen, wenn er Schmerzen hat. Und er kann atmen, die ganze Zeit.“

Wal soll noch besendert werden

Sollte sich die Gelegenheit bieten, soll der Wal nach Angaben aus dem Schweriner Umweltministerium noch mit einem Sender versehen werden. Damit ließe sich der Standort auch noch erkennen, sollte der Wal später in tieferem Gewässer abtauchen.

Das Fahrwasser im Kirchsee ist nach Aussage eines Sprechers des Ministeriums etwa zweieinhalb bis drei Meter tief. Ansonsten sei die Bucht etwa zwischen 90 und 110 Zentimeter tief. Deutlich tiefer ist seinen Angaben nach das Fahrwasser der sich anschließenden Wismarbucht mit mehr als neun Metern. Doch auch dann ist der Wal noch nicht wieder in seinem natürlichen Lebensraum: Der Wal müsste wieder zurück in die Nordsee und dann weiter in den Atlantik gelangen.

Eigentlicher Rettungsplan nicht durchführbar 

Der morgendliche Aufbruch des Wals durchkreuzte die eigentlichen Pläne der privaten Initiative. Vorgesehen war, dass unter den Wal eine zwischen Pontons – schwimmenden Plattformen – befestigte Plane geführt wird. Damit sollte er aus dem flachen Bereich geborgen und Richtung Nordsee gebracht werden. Die Pontons sollten dazu von einem Schlepper gezogen werden. Die Netzplane für das Tier war nach Behördenangaben bereits im Wasser. 

Falls der Wal - wie nun geschehen - wegen der steigenden Wasserstände losschwimmt, sollte nach Angaben der Initiative „Plan B“ greifen und das Tier von Booten geleitet werden. 

Auch Plan B klappt nicht

Daher war nun am Montagmorgen von Booten aus versucht worden, den Wal auf Kurs Richtung offene Ostsee zu bringen, der aber wiederholt seine Richtung änderte. Es gab direkt Vermutungen von Wal-Beobachtern zum Hin- und Herschwimmen, dass das Tier so geschwächt sein könnte, dass es versucht, in Küstennähe zu bleiben. Eine andere Erklärungsmöglichkeit wäre demnach, dass der Wal so desorientiert ist, dass er den Weg zurück ins offene Meer nicht allein findet.

Erste Sichtungen bereits vor rund sieben Wochen 

Erste Sichtungen des Wals hatte es Anfang März gegeben. Am 3. März tauchte der Buckelwal im Hafen von Wismar auf und lockt Schaulustige an die Kaikante. Gegen Abend schwamm er wieder Richtung Ostsee. In den Tagen darauf wurde er vor der Ostseeküste Schleswig-Holsteins sowie der Küste Mecklenburg-Vorpommerns gesehen. Das Tier hatte sich Experten zufolge wiederholt in Netzen verfangen. Einsatzkräfte und Meeresschützer der Organisation Sea Shepherd hatten es von einem Teil des Materials befreit. 

Am 23. März strandete der Wal das erste Mal auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand in der Lübecker Bucht. Umfangreiche Rettungsversuche starteten, das Tier schwamm schließlich selbst los. Wenige Tage später strandete es auf einer Sandbank in der Wismarbucht. Bei steigendem Wasserstand schwamm der Wal in der Nacht weiter, lag kurz darauf in der Wismarbucht wieder auf, schwamm erneut weiter. Seit 31. März saß er dann wieder fest, diesmal in der Kirchsee-Bucht. Die aktuelle Strandung im Zuge der morgendlichen Treibversuche ist nun die fünfte in Folge.

© dpa-infocom, dpa:260420-930-967198/12


Von dpa
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