Entdeckungen in Zandt: Ein altes Schulhaus voller Bilder | FLZ.de

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Veröffentlicht am 21.10.2023 14:00

Entdeckungen in Zandt: Ein altes Schulhaus voller Bilder

Im Atelier von Friedrich Rohm wählen der Museologe Bernd Rottenburg (links) und Jakob Merbach, der Neffe des verstorbenen Künstlers, Werke für die geplante Gedenkausstellung aus. (Foto: Lara Hausleitner)
Im Atelier von Friedrich Rohm wählen der Museologe Bernd Rottenburg (links) und Jakob Merbach, der Neffe des verstorbenen Künstlers, Werke für die geplante Gedenkausstellung aus. (Foto: Lara Hausleitner)
Im Atelier von Friedrich Rohm wählen der Museologe Bernd Rottenburg (links) und Jakob Merbach, der Neffe des verstorbenen Künstlers, Werke für die geplante Gedenkausstellung aus. (Foto: Lara Hausleitner)

In der Dämmerung kommen manchmal Rehe nach Zandt. Das idyllische Dörfchen liegt in einem üppig grünen Tal bei Lichtenau. Der Wald ist dicht. Friedrich Rohm hat ihn immer wieder gemalt, gezeichnet. Farbig oder in Schwarz und Grau mit kraftvollen Graphitstift-Strichen. Ein verwirrendes Dickicht, verwunschen wie der Garten am alten Schulhaus in Zandt.

In dem ehemaligen Schulhaus mit 300 Quadratmetern Wohnfläche hat der Künstler Friedrich Rohm rund fünf Jahrzehnte lang gelebt. Er starb am 9. Februar 2023 und hat ein riesiges Werk hinterlassen: um die 2000 Ölgemälde, unzählige Zeichnungen und Druckgrafiken und etliche Keramik-Objekte. Vom 27. Oktober bis zum 4. November wird eine große Gedenkausstellung in der Ansbacher Karlshalle zu sehen sein. Der Titel: „Friedrich Rohm – Entdeckungen“.

Werke in allen Winkeln und an allen Wänden

Entdeckt hat Jakob Merbach, der Neffe des kinderlosen Künstlers, unglaublich viel im Haus des Verstorbenen: Die Kunst war überall, in jedem Winkel, an jeder Wand, in Schränken und Regalen. Denn Rohm verkaufte nicht, verschenkte wenig. „Mein Onkel hat für sich selbst gemalt und wollte nichts dauerhaft hergeben“, sagt Merbach. „Deshalb haben wir nach seinem Tod sein fast vollständiges Werk in seinem Haus in Zandt gefunden.“

Der Diplom-Museologe Bernd Rottenburg, ein Berliner mit Ansbacher Wurzeln, ist seit einigen Monaten damit beschäftigt, das umfangreiche Werk zu sichten, zu erfassen und zu sortieren. Dafür ist er in das alte Schulhaus eingezogen, lebt nun vorübergehend in der Wohnung des Künstlers mit ihren historischen Möbeln, gelb bemalten Türen und einem Holzfußboden, den Rohm einst knallpink gestrichen hat.

Das ganze Erdgeschoss ist Atelier. Zahlreiche Bilder in großem Format lehnen an der Wand, Malutensilien liegen auf den Tischen. Die Werkstätten für Druck und Keramik sind beinah unverändert seit Rohms Tod, ein paar Torsi aus Ton in der Ecke neben dem Waschbecken scheinen auf die Rückkehr des Künstlers zu warten.

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„Die meisten Werke haben keine Titel und sind nicht datiert. Ich arbeite mich nach und nach durch und kann anhand von Friedrich Rohms Ateliertagebüchern zeitliche und inhaltliche Bezüge herstellen“, erklärt Bernd Rottenburg. Rohm habe täglich notiert, was er vollendete, was dabei besonders herausfordernd war und was er fühlte.

Jakob Merbachs Erinnerungen ergänzen die Bestandsaufnahme. „Ich war als Kind sehr oft bei meinem Onkel, so dass ich mit seinen Bildern aufgewachsen bin“, sagt der 54-jährige Ingenieur aus Ansbach. „Es hingen auch immer Bilder bei uns zu Hause.“ Diese Werke waren Leihgaben, die ab und zu ausgetauscht wurden.

Schon während seiner Zeit als Lehrer war Rohm künstlerisch äußerst produktiv. Neben den Gemälden, Druckgrafiken und Keramiken entstanden auch Videokunst-Projekte. Und in einem Anbau an der alten Schule mit einer kleinen Bühne darin wurden Performances aufgeführt, bei denen manchmal auch Rohms Schüler mitwirkten.

„Er war ein beliebter Lehrer, der mit seinen Schülern viele Exkursionen unternahm“, erzählt Merbach. „Nach seiner Pensionierung 2003 hat er dann noch viel intensiver in seinem Atelier gearbeitet. Jeden Tag ein Bild, das war sein Motto.“

Rohms frühe Arbeiten sind unter anderem von Alfred Kubins grafischem Werk und von Edvard Munchs Gemälden inspiriert. Dem „Mann am Strand“, einer silhouettenhaften Gestalt Munch’scher Anmutung, begegnet der Besucher in des Künstlers Wohnzimmer.

Der Mensch mit seinen Leidenschaften

Der Mensch mit seinen Leidenschaften, in Beziehung zu sich selbst und zu anderen, in psychischen und physischen Grenzsituationen – dieser Mensch interessierte Rohm. In einem Triptychon mit Szenen aus dem Ansbacher Stadtbild haben sich Menschen zu wüst feiernden Gruppen formiert. Sie stecken die Köpfe zusammen, hantieren mit Gläsern und anderen Gefäßen, taumeln durch die Menge, stürzen in die Tiefe. Verbindende Motive sind das Trinken, das Spucken und Verschütten – während die drei Nornen mitten in Ansbach den Schicksalsfaden spinnen.

Für das Triptychon mit dem verstörenden Menschengewimmel in grellen, dissonanten Farben – giftiges Gelb, schrilles Pink, eisiges Türkis – wurde Rohm 2009 mit dem Ansbacher Kunstpreis ausgezeichnet. Er gebrauchte in seiner Rede nach der Preisverleihung den Begriff „Terroir“. Das französische Wort bezeichnet die unverwechselbare Charakteristik eines Weines in einem bestimmten Gebiet. „Beim Malen der drei Ansbach-Bilder hatte ich die Vorstellung, ich mache Terroir in der Malerei“, sagte Rohm damals.

Kaspar Hauser, Platen, Novalis und Christus

In anderen Schaffensphasen setzte sich der Künstler intensiv mit berühmten Persönlichkeiten auseinander: mit den Ansbacher Markgrafen und Kaspar Hauser, mit Platen, Goethe – oder Christus. In Rohms Farbradierungen tauchen immer wieder die feinen Züge von Novalis auf, aber auch die Gesichter von Freundinnen des Malers, seinen Musen.

Neben den an der Wand aufgereihten Radierungen ruhen in einer Vitrine und auf einem Tisch zart modellierte Terracotta-Köpfe im Stil der frühen Renaissance. Auch sie werden in der Gedenkausstellung zu sehen sein – wie der gemalte „Feuermann“ in leuchtenden Farben und die „Wasserfrau“, die umflossen ist von kühlem Blau und Silberglanz.

Eröffnet wird die Ausstellung in der Karlshalle am Freitag, 27. Oktober, um 19 Uhr. Zu erleben ist die Retrospektive bis zum 4. November. Geöffnet ist täglich von 11 bis 18 Uhr.


Lara Hausleitner
Lara Hausleitner
Redakteurin für Lokales und Kultur - und Reisende aus Leidenschaft.

"I have never written a word that did not come from my heart. I never shall."
Nellie Bly
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