Das ist alte Eisenbahnromantik: In einem Raum mit Ausblick über die Gleise drückt ein Mann oder eine Frau an einem großen Stellpult Knöpfe. Lichter wandern über die darauf skizzierten Gleisanlagen. Vor dem Fenster rattern Züge vorbei, deren Fahrtweg die Person am Pult gerade noch eingestellt hat. In Ansbach ändert sich dieses Bild bald.
Das alte Stellwerk aus Bundesbahnzeiten soll im Februar außer Betrieb gehen. Statt Relaistechnik, mit der Weichen und Signale für die Züge per Drucktasten eingestellt werden, hält ein Elektronisches Stellwerk (ESTW) Einzug. Hier erfolgt die Steuerung per Mausklick am Rechner. Mit der digitalen Technik können Fahrdienstleitende auch mehr Streckenabschnitte gleichzeitig überwachen.
Die Deutsche Bahn (DB) als Infrastrukturbetreiberin erneuert seit Jahren sukzessive ihre Leit- und Sicherungstechnik. Laut Schienennetz-Zustandsbericht 2024 ist jedes zweite Stellwerk in Deutschland erneuerungsbedürftig. Auf einigen Strecken ist nach wie vor Technik aus der Kaiserzeit in Betrieb, bei der Signale und Weichen mechanisch per Seilzug gestellt werden.
So veraltet ist die Ansbacher Anlage nicht. Die Relais-Technik wurde in den 1960ern verbaut, seit einiger Zeit wird hier auch das Stellwerk in Triesdorf mitgesteuert. Doch Relais gelten inzwischen als störanfällig, auch die Ersatzteilknappheit macht der Bahn zu schaffen. Für Bahnreisende dürfte es also eher eine gute Nachricht sein, wenn in dem markanten Quaderbau mit verglastem Ausguck im Obergeschoss bald das Licht ausgeht.
Das neue ESTW Ansbach kommt deutlich unscheinbarer daher: Ein weißer, containerartiger Funktionsbau an der Draisstraße mit ein paar kleinen Fenstern zur Außenwelt. Hier sind Server und Steuereinheit verbaut. Von diesem Arbeitsplatz aus sollen laut Bahn die Streckenabschnitte Leutershausen–Ansbach–Wicklesgreuth und Ansbach–Triesdorf gelenkt werden. Zudem wird das ESTW Langlau (Strecke Pleinfeld–Gunzenhausen) von Ansbach aus ferngesteuert.
Zugfahrten können hier im Voraus programmiert werden, das System erkennt frühzeitige mögliche Konflikte – etwa wenn ein schneller ICE längere Zeit hinter einem langsamen Güterzug hinterherzuckeln müsste. So kann die Person vor dem Bildschirm computergestützt Lösungen finden, damit der Verkehr möglichst flüssig läuft.
Das neue Stellwerk leiste „einen wichtigen Beitrag für die Digitalisierung der Bahninfrastruktur und sorgt durch eine flexible, digitale Bedienung für einen effizienteren Betrieb”, teilt eine Bahnsprecherin mit. Konkret heißt das: weniger Wartungsaufwand, weniger Störungen, mehr Kapazität auf den Gleisen.
Eigentlich hätte das ESTW Ansbach schon 2022 ans Netz gehen sollen. Der Termin wurde jedoch zuletzt in den Oktober 2025 verschoben. Doch Probleme bei der Anbindung an die anschließenden Stellwerke verhinderten die Inbetriebnahme erneut.
Nun unternimmt die DB einen neuerlichen Anlauf und setzt dafür vom 28. Januar bis 4. Februar 2026 erneut eine Totalsperrung der Strecke Ansbach–Triesdorf an. Bahnreisende müssen mit entsprechenden Ersatzverkehren rechnen.