Eine Beschränkung der Ladenfläche für digitale Kleinstsupermärkte auf 150 Quadratmeter? Keine verkaufsoffenen Sonntage ohne speziellen Anlass? Daniel Stiegler, Geschäftsführer der Baugeräte-Union (BGU) in Brodswinden, gehen diese Regelungen im neuen Bayerischen Ladenschlussgesetz gehörig gegen den Strich. Warum, erklärt er im Interview.
Was ärgert Sie denn an dem Gesetzesentwurf?
Am meisten stört mich, dass es als etwas Neues und als große Chance für den Einzelhandel verkauft wird, obwohl es eine Kopie von dem Ladenschlussgesetz ist, das in Berlin seit den 1950er-Jahren existiert. Oben drauf gepackt werden noch lange Einkaufsnächte, die vielleicht dem Einzelhandel in Großstädten etwas bringen, aber auf dem Land gar nichts. Nach wie vor nicht geklärt ist das Thema der Sonntagsöffnungen.
Erlaubt sind vier verkaufsoffene Sonntage in Verbindung mit bestimmten Anlässen wie einer Messe. Wie stehen Sie dazu?
Gerade für kleine Einzelhändler sind verkaufsoffene Sonntage eine gute Möglichkeit, sich zu präsentieren. Kein Ladeninhaber will ständig am Sonntag öffnen, ein- oder zweimal im Jahr würde reichen – aber ohne bestimmten Anlass.
Wie finden Sie es, dass die verkaufsoffenen Sonntage in Ansbach auf die Innenstadt begrenzt sind?
Wir sind außen vor, obwohl wir auch engagierte Einzelhändler sind. Wir würden uns auch gern präsentieren. Die BGU ist zwar nicht komplett inhabergeführt – wir sind drei Gesellschafter –, aber es ist trotzdem ein Familienunternehmen.
Die BGU darf einen Sonntag im Jahr parallel zur Nachhaltigkeitsmesse „Nature“ öffnen. Lohnt sich das – rein wirtschaftlich gesehen?
Es geht gar nicht um den Verkauf. Wer sagt, dass ein verkaufsoffener Sonntag der umsatzwichtigste Tag im Jahr ist, der lügt. Aber es geht um die Werbung. Wir profitieren von der Messe und vom Basar, weil sehr, sehr viele Leute kommen. Man hört in den Mitarbeitergesprächen im Nachgang, dass Leute da gewesen sind, die noch nie hier waren, und die fanden es total cool bei uns. Das ist etwas, das die Mitarbeiter motiviert.
Die Politik begründet die strenge Regelung der Sonntagsöffnung mit dem Arbeitnehmerschutz. Was sagen Sie zu diesem Argument?
Man spricht mit gespaltener Zunge, wenn andererseits Tankstellen Sortimente anbieten dürfen, die weit über das „Ich-hole-mir-einen-Kaugummi“ hinausgehen. Außerdem frage ich mich, warum es so schwierig ist, dem Einzelhandel einen Tag im Jahr zu genehmigen, wenn Industrieunternehmen 24/7 an 365 Tagen arbeiten. Das verstehe ich bei Krankenhäusern, aber Zündkerzen können theoretisch auch nur Montag bis Freitag produziert werden.
Mit welchen Problemen kämpft der Einzelhandel zur Zeit?
Der Handel ist im Umbruch. Alle haben mehr oder weniger Personalprobleme. Gott sei Dank haben wir in der BGU eine große Stammbelegschaft, auf die ich bauen kann. Aber die Personalkosten steigen; zugleich werden die Margen nicht größer, sondern kleiner.
Als Händler muss ich überlegen: Welcher Standort lohnt sich noch? Auch die Online-Shops machen Probleme und sind zugleich der Grund dafür, dass wir sinnlos Ware durch die ganze Republik verschicken, die es zum gleichen Preis regional gibt. Wir haben selbst einen Online-Shop. Über den bestellen Leute aus Berlin eine Tüte Blumenerde. Da fragen wir uns, ob es in Berlin keine Blumenerde gibt.
Daniel Stiegler (42) ist seit 2018 Geschäftsführer der Baugeräte-Union (BGU) in Brodswinden. Davor war der Industriekaufmann und Diplom-Kommunikationsfachwirt im Marketing bei Herpa in Dietenhofen tätig. Daneben hat er weitere Unternehmen rund um die Themen Marketing und Öffentlichkeitsarbeit beraten. Nach mehreren Stationen beim privaten Rundfunk moderiert der Ansbacher in seiner Freizeit noch ab und zu an Samstagen freiberuflich eine Sendung bei Radio 8.
Wie schafft man es, seine Stammkundschaft zu halten und neue Kunden anzulocken?
Der Handel muss sich neu erfinden. Wenn ich mich als Einzelhändler hinter die Theke stelle und schaue, ob jemand kommt, wird keiner kommen. Ich muss aktiv sein und überlegen: Wie kann ich mit Veranstaltungen, mit Ambiente, mit Aktionen Kunden bei der Stange halten?
Und wie gelingt es, Geschäfte rentabel zu führen und damit Leerstände zu verhindern?
Kleine Läden können bis zu einem gewissen Punkt automatisiert werden. Die Technik ist ja da, das ist kein Hexenwerk, das sich nur die Großen leisten können. Es wäre auch eine Chance für die Innenstädte und kleine Gemeinden. Aber die Beschränkung auf 150 Quadratmeter für automatisierte Geschäfte mit 24-Stunden-Öffnung wird dazu führen, dass wir Läden in den Innenorten nicht erhalten können und auch keine neuen Start-ups hineinbringen. Denn die leer stehenden Läden dort sind größer. Die Folge ist, dass wir neue Läden außerhalb der Städte bauen und mehr Land versiegeln. Innen bluten die Städte weiter aus.
Warum finden Sie die 150-Quadratmeter-Begrenzung problematisch?
Läden in den Innenstädten haben meist eine Größe, die in den 1970er-, 80er- und 90er-Jahren üblich war. Das heißt: um die 300 Quadratmeter. Außerdem: Wie beschränkt man das Sortiment? Ja, man könnte nachts Rollläden herunterlassen, aber die Leute verstehen nicht, warum sie zwar in den Laden rein dürfen, dann aber um acht ein Rollladen heruntergeht und sie das, was dahinter ist, nicht mehr kaufen können. Das hat auch mit Arbeitnehmerschutz nichts zu tun.
Im Dorfladen Tante Enso in Bruckberg kann man mit Kundenkarte rund um die Uhr einkaufen, nur zeitweise ist Personal vor Ort. Was halten Sie von dem Konzept?
Ich bin begeistert und ich glaube, solche Konzepte tragen dazu bei, dass unser ländlicher Raum nicht abgehängt wird. Wir haben weniger Personal zur Verfügung und deshalb sind auch die Arbeitszeiten ein Thema. Man muss überlegen, wie lange es sich lohnt, ein Geschäft auf dem Land offen zu haben. Läden wie diese bieten die Chance, auch kleine Orte bedarfsgerecht mit Waren zu versorgen. Trotzdem funktionieren sie nur, wenn sie wirtschaftlich sind, denn kein Gesellschafter, kein Mitglied einer Betreibergenossenschaft wird jeden Monat 500 Euro in einen Laden buttern, nur damit man ihn hat.
Im Gesetzesentwurf wurde die Ausnahme bei den Öffnungszeiten explizit in Bezug auf digitale Kleinstsupermärkte formuliert. Würde auch ein Laden mit Baumarkt-Sortiment darunter fallen?
Das Sortiment ist nicht definiert. Supermärkte bieten auch oft Birnen und Verlängerungskabel an. Aber ich denke, das Gesetz so zu formulieren, dass es sich auf Läden im Allgemeinen bezieht, wäre die bessere Variante. Auch in Automaten wird ja mittlerweile alles verkauft. In anderen Bundesländern hat zum Beispiel die Hagebau in Innenstädten Automaten mit Silikon und Schrauben aufgestellt.
Welche Überlegungen gibt es Ihrerseits in Bezug auf einen Mini-Baumarkt?
Wir sind schon öfter angefragt worden. Viele Bürgermeister wünschen sich einen Baumarkt in ihrer Kommune. Alle haben leer stehende Geschäfte. Ich denke nicht, dass es Sinn macht, überall einen 1000-Quadratmeter-Markt hinzustellen, aber vielleicht kann man ein kleines, leer stehendes Geschäft mit dem Grundsortiment bestücken – Silikon, Siphons, die wichtigsten Schrauben und Sanitärartikel. Gerade in Dörfern und kleinen Städten hätte man damit eine Grundversorgung, die in dem Bereich mit Personal nicht abbildbar wäre. Denn man macht nicht so viel Umsatz, dass es sich lohnt, dort zwei Leute zu beschäftigen.
Warum halten Sie ein Baumarktsortiment für ebenso sinnvoll wie Lebensmittel?
Ein Beispiel: Vielleicht fehlt mir noch die letzte Dose Silikon oder der letzte Eimer Farbe, damit ich am Samstag fertig werde. In manchen Orten macht aber um zwei alles zu und das nächste Oberzentrum ist 20 Kilometer entfernt. Dort ist sicher Interesse da. Sinnvoll wäre das auch für ältere Leute. Früher ist man zum Sanitärler im Dorf gegangen und hat gesagt: „Ich brauche mal einen Siphon.“ Aber diese Dorfgemeinschaft gibt es eigentlich nicht mehr. Durch die automatisierten Läden bietet sich die Chance, das, was mir jetzt gerade fehlt, zu holen. Natürlich wird es dort keine Fliesen oder so etwas geben, weil die Leute das anschauen und sich darüber informieren müssen.
Sind Sie bereits dabei, so ein Projekt zu realisieren?
Wir haben uns Immobilien angesehen, aber die Rechtslage ist uns zu unsicher. So ein Geschäft hinzustellen, ist eine große Investition, auch wenn die Zugangssysteme selbst gar nicht mal so teuer sind: So ein Automat kostet 13.000 bis 15.000 Euro. Für das gleiche Geld erhalte ich auch Zugangssysteme oder automatische Kassen. Aber in dem Moment, in dem sich jemand gestört fühlt und wegen des Lärms klagt – zum Beispiel, weil ein Motorradfahrer nachts vor dem Geschäft parkt und wieder losfährt – kommt eine Verfügung vom Landratsamt, in der es heißt: „Jetzt bitte nur noch zu den normalen Öffnungszeiten.“ Dagegen gibt es rechtlich keine Handhabe. Dann kann man die Investition vergessen.