Vorsorge kann Leben retten. Doch die Finanzkommission Gesundheit sieht hier Einsparmöglichkeiten: In Zukunft könnte es sein, dass das Hautkrebs-Screening nicht mehr alle zwei Jahre für alle über 35 von den Kassen bezahlt wird, sondern nur noch für gefährdete Personen. Hautärztin Dr. Petra Ziegler aus Dinkelsbühl macht das Bauchschmerzen.
„Ich bin total dagegen”, sagt Ziegler, die sich Hautkrebsvorsorge, so könnte man meinen, zur Lebensaufgabe gemacht hat. Sie selbst beschreibt sich deshalb auch als „leidenschaftliche Verfechterin des Hautkrebs-Screenings”. So geht sie beispielsweise an Schulen, um spielerisch mit einem eigenen Theaterstück über die Folgen von Sonneneinstrahlung auf der Haut aufzuklären. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie in ihrer Praxis in Dinkelsbühl in den vergangenen 30 Jahren laut eigenen Angaben bereits über 100.000 Patientinnen und Patienten behandelt.
Dass hier nun aus ihrer Sicht an der falschen Stelle eingespart werden könnte, „macht mir große Sorgen”. Ziegler findet nämlich: „Das ist zu kurzfristig gedacht.” Denn wenn Patientinnen und Patienten am Ende Hautkrebs haben, der nicht in der Vorsorge frühzeitig entdeckt wurde, kann es für die Krankenkassen sogar noch viel teurer werden. Pro Patient sind da auch mal Kosten zwischen 100.000 und 200.000 Euro möglich, weiß Ziegler. „Da ist dann nichts gespart.”
Außerdem geht es ja auch um den Leidensdruck der Menschen. Laut der Expertin sind die Hautkrebszahlen in den vergangenen fast 20 Jahren enorm gestiegen. So hat sich schwarzer Hautkrebs (malignes Melanom) verdoppelt, weißer Hautkrebs tritt sogar dreimal so oft auf wie früher.
Aber woran liegt das? Petra Ziegler vermutet, dass es mehrere Ursachen gibt. Zum einen kommen die Babyboomer (Generation 1955 bis 1969) jetzt in ein Alter, „wo das Immunsystem geschwächt wird”. Gerade diese Altersgruppe sei es früher gewohnt gewesen, viel Zeit auch ungeschützt in der Sonne zu verbringen. „Alles an Sonne summiert sich”, erklärt Ziegler.
Dann spielt natürlich auch der Klimawandel eine Rolle. Denn die UV-Belastung steigt, so Ziegler. Und auch gesellschaftliche Gründe könnten eine Veränderung angestoßen haben. „Früher war eine Blässe schick”, heute wollen die meisten Menschen lieber braun sein, erklärt Petra Ziegler. Aber, Achtung: „Eine gesunde Bräune gibt es nicht”, warnt die Dermatologin, die seit neun Jahren auch andere Ärztinnen und Ärzte fürs Screening trainiert.
Aber nicht nur die Häufigkeit von Hautkrebs nimmt zu, auch die Dicke, erklärt Ziegler. Die Begründung: Während der Corona-Zeit haben viele Menschen versäumt, ihre Vorsorge zu machen. Dadurch wurde weißer Hautkrebs „dicker und schrecklicher”. Petra Ziegler ist nach eigenen Angaben die erste Ärztin in Deutschland, die dazu geforscht und dies auch statistisch nachgewiesen hat.
Heutzutage gibt es neben dem Hautkrebs-Screening, also flächendeckenden Früherkennungsuntersuchungen, auch Möglichkeiten durch Künstliche Intelligenz (KI). So haben immer mehr Praxen Geräte, die Besonderheiten auf der Haut bei Patientinnen und Patienten erkennen und einordnen können. Petra Ziegler findet: „Das ist eine super Ergänzung!” Aber: „Die KI ersetzt nicht die dermatologische Erfahrung. Am Ende entscheidet der Mensch.”
Sie selbst hat auch schon die Erfahrung gemacht, dass das Gerät das Muttermal einer Patientin als gutartig eingestuft hat. Weil sie sich vergewissern wollte, hat sie es selbst noch einmal untersucht: Es war bösartig. Dabei arbeitet die Hautärztin stets unter der Faustregel „If in doubt, cut it out” (zu Deutsch in etwa: „Im Zweifel lieber herausschneiden”).
Auch, wenn Petra Ziegler eine absolute Gegnerin der möglichen Einsparungen in der Hautkrebsvorsorge ist: Sie weiß auch, dass das Screening für Ärztinnen und Ärzte kaum noch zu stemmen ist. „Es ist fast nicht zu schaffen, alle Gesunden zu screenen.”
Die Überlegungen der Finanzkommission hält sie für schwierig umsetzbar. Denn wenn nicht mehr alle ab einem bestimmten Alter diese Vorsorgeform regelmäßig bezahlt bekommen, wer entscheidet dann, wer sie bekommt und wer nicht? Zahlen die Krankenkassen dann nur denjenigen mit auffällig heller Haut? Jenen, die schon Hautkrebs in der Familie haben? „Und was ist, wenn ich die erste in der Familie bin?”, meint Ziegler. Fragen über Fragen.