Als bekennender Sportpilot landete er seinen größten Hit mit seinem Hobby: Sänger Reinhard Mey und sein Titel „Über den Wolken“. Dorthin – zumindest wenn die Wölkchen (allzu dunkel und schwer sollten sie nicht sein) tief hängen, heben auch jene ab, die sich vorzugsweise am Wochenende auf und gerne auch über dem Neustädter Flugplatz tummeln. „Für mich ist das schon eine Lebenseinstellung“, sagt Stefan Sack.
„Wind Nord-Ost, Startbahn null drei, bis hier hör ich die Motoren. Wie ein Pfeil zieht sie vorbei, und es dröhnt in meinen Ohren.” So geht der Mey-Song los, doch ganz so „dröhnend“ geht es am Flugplatz Neustadt nicht zu. Zunächst mal: Hier gibt es nur eine Start- und Landebahn, niemand muss durchnummerieren: Knapp 800 Meter, asphaltiert, guter Zustand.
„Hier stand auch schon mal ein Grill drauf und es wurden nächtliche Autorennen veranstaltet“, erzählt Stefan Sack. Seither ist der Zugang zum Flugplatz mit Schranken reguliert – „jetzt haben wir solche Probleme nicht mehr“.
Der von Reinhard Mey angesprochene Wind allerdings spielt auch für die Piloten hier in Neustadt eine Rolle – vor allem die Segelflieger wollen schon immer ganz genau wissen, wie es um die Thermik bestellt ist.
Im Erdgeschoss des Towers ist deshalb ein kleiner Briefing-Raum untergebracht. Auf dem Bildschirm dort kann jeder sehen, wie es um den Wind steht. Nord-Ost ist natürlich möglich, aber – rein meteorologisch betrachtet – eher herbstlich. Süd-West ist schöner.
„Und der nasse Asphalt bebt, wie ein Schleier staubt der Regen. Bis sie abhebt und sie schwebt, der Sonne entgegen.”, singt Reinhard Mey. Ob in Neustadt der Asphalt bebt? Na ja – ein bisschen wohl schon, wenn gestartet oder gelandet wird, aber groß sind die Maschinen nicht, die hier stehen.
Der Verein selbst verfügt über zwei Ultraleichtflugzeuge und denkt gerade über die Anschaffung eines dritten nach. „Die Sparte boomt“ sagt Stefan Sack. Dazu kommen ein viersitziger Motorflieger und zwei Segelflugzeuge. Einige Fremdeinsteller gibt es auch noch – eine knapp zweistellige Zahl.
Stefan Sack ist Segelflugreferent der Flugsportgruppe Neustadt. Ab und zu ist er auch Flugleiter, abhängig vom sorgsam gestalteten Dienstplan. Flugleiter? Nun – das ist eine Person, die über ein Flugfunkzeugnis verfügt und damit das Recht erworben hat, mit Piloten per Funk zu kommunizieren.
Aber Achtung – nicht verwechseln: Ein Flugleiter in Neustadt ist kein Fluglotse. „Die Verantwortung liegt hier immer beim Piloten“, sagt Michael Schmid, ein Erlanger, ebenfalls Vereinsmitglied, begeisterter Flieger, einer der die Freiheit über den Wolken kennt und sich die Freiheit nimmt, sich im Verein zu engagieren.
Bei der Sanierung des Towers, die unlängst abgeschlossen wurde, hat er nicht nur den Boden eingebaut, sondern das Material gleich selbst gespendet: Sponsor, Handwerker, Pilot – diese Kombination wäre anderswo so wohl nicht vorstellbar.
Doch noch einmal zurück zum Flugleiter: Der gibt den Piloten Infos zu Wind und Wetter, zum Verkehr auf und um den Platz, zu den aktuellen Lande- und Startrichtungen. Er muss den Flugverkehr digital dokumentieren, muss darauf achten, wann Fallschirmsprunggruppen die Landebahn bevölkern und ist für die Einhaltung der Flugbetriebsregeln und den Zustand der Bahn verantwortlich.
Eine solche Schicht, die jeder der 60 Aktiven (164 Mitglieder hat der Verein insgesamt) mal übernehmen muss („Der Dienstplan wird gerecht gestaltet“) dauert im Sommer von 10 bis 19 Uhr, im Winter ist sie natürlich kürzer, weil der Flugbetrieb mit Eintritt der Dunkelheit endet.
Echter Stress sei das nicht, beteuert Dr. Arno Raupach. „Ich hatte mal einen Tag mit 40 Flugbewegungen. Das ist für uns schon viel, aber verteilt auf neun Stunden ist das locker machbar.“
Raupach, Sack und Schmid sind gute Beispiele dafür, was dieser Verein nicht ist: keine elitäre Ansammlung alter, weißer Männer mit zu viel Geld und wenig Moral. Stefan Sack macht sich Sorgen, dass die vom Luftamt wegen zukünftig zu errichtender Windräder geänderte Platzrunde für Unmut bei den Anwohnern betroffener Gemeinden sorgt. „An Stübach kommen wir jetzt deutlich näher ran. Ich will nicht, dass die Leute am Sonntagnachmittag beim Kaffee gestört werden“, sagt er.
Schriftführer Dr. Arno Raupach betont vor allem den Teamgeist der Mitglieder. „Viele fahren weite Strecken, um hier sein zu können.” Und Michael Schmid hat Nachwuchssorgen: „Es wird halt auch bei uns immer schwieriger, Ausbilder zu finden, aber auch neue, motivierte Flugschüler.“ Klingt nicht nach elitärer und – Achtung Wortwitz – „abgehobener“ Runde, klingt wie ein ganz gewöhnlicher Sportverein.
Andererseits jedoch: In keinem anderen Verein würde jemand die folgenden Sätze sagen: „Unsere Pizzeria zieht natürlich auch Piloten an. Die fliegen mal schnell zum Abendessen ein.“ Und weiter: „Ich bin auch schon mal nach Herzogenaurach wegen einer Tomatensuppe geflogen. Damit kriege ich meine Frau in den Flieger.“
„Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen”: Von der grenzenlosen Freiheit des Mey-Liedes ist hier unten weniger die Rede. Viele Vorschriften, Auflagen und Einschränkungen gebe es mittlerweile, die Veranstaltung eines Flugtages sei seit dem Rammstein-Unglück mittlerweile fast unmöglich, sagt Stefan Sack.
Und die Suche nach einem neuen Pächter für das Flughafenrestaurant wird auch nicht unbedingt weniger dringlich, wenn man viel Zeit in der Luft verbringt: „Unsere aktuelle Pächterin würde gerne nächstes Jahr in den Ruhestand wechseln – wir wollen jemand, der sich hier mit ein bisschen Liebe engagiert.“
„Wir sind kein reicher Flugplatz, wir haben keine Großsponsoren“, sagt Stefan Sack. Viel müsse man aktuell in Sanierungen investieren, viel Arbeit erledigten die Mitglieder selbst. Der Tower ist fertig aufgehübscht, das Betriebsgebäude im Großen und Ganzen auch, es fehlen noch die Sanitärräume. „Du bist unser Toilettenbeauftragter“, sagt Sack zu Dr. Arno Raupach. Der grinst und zuckt die Achseln.
„Ein bisschen ’nen Knall muss man schon haben“, sagt Stefan Sack, aber auch, dass er diesen Flugplatz, der in den 1970er Jahren gebaut wurde, für nichts auf der Welt eintauschen würde: „Gibt nicht viele Flugplätze, wo ich am Abend so schön sitzen kann und der herrliche Sonnenuntergang quasi schon mitgebucht ist.“