Der Schlagring, das ist der untere, schwerste Teil einer Glocke, weist Spuren auf. Spuren, die die Geschichte über Jahrhunderte eingetrieben hat. Es ist 11 Uhr, die Sonne lacht, und es heißt aufsteigen in den Kirchturm in Unterlaimbach bei Scheinfeld (Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim).
Hinter der Orgel befindet sich eine kleine Tür, die zu einer steilen, schmalen Holzstiege führt. Die Stufen sind kaum eine Hand breit. Nicht ganz ungefährlich. In zugiger Höhe wartet Ben Schröder, 21 Jahre jung, der seit zwei Jahren in Bamberg Denkmalpflege und Kunstgeschichte studiert. Damit deckt er schon einmal zwei Bereiche ab, die für eine Glockenbegutachtung wichtig sind. Es fehlt nur noch das Fach Musik. Zum Jubiläum der Stadt Scheinfeld inventarisiert er Glocken im Einzugsgebiet, die sich nicht allesamt nur in Kirchtürmen befinden, und erfasst ihre Daten, besser gesagt, er führt eine formal-ästhetische Beschreibung und Klanganalyse durch. Hierzu soll auch ein Buch entstehen.
Zu sehen sind drei Glocken, groß, mittel und ganz oben eine kleine, ziemlich weit oben versteckt. Neben Ben Schröder sind Stimmgabeln in verschiedenen Größen, Maßband, Block und Stift ausgebreitet. „Meine Begeisterung für Glocken begann schon während der Grundschulzeit“, erzählt der angehende Glockensachverständige. Diese Ausbildung absolviert er parallel zum Studium. Ein bisschen Prägungsphase in Sachen Kirchenglocken ist auch mit dabei, denn sein Abitur machte er am Egbert-Gymnasium in der Abtei Münsterschwarzach. Danach ging es für ein soziales Jahr, vermittelt vom Kloster, nach Rom. Genug Zeit, den Glockenhorizont zu weiten.
Doch nun heißt es Ohren spitzen. Die Stimmgabel wird im unteren Bereich der großen Glocke angesetzt, nachdem die Glocke leicht angeschlagen wurde. Für den Laien schwer zu hören, der Ton teilt sich in mehrere Teiltöne, sechs oder mehr nach oben, ebenso geht es nach unten. Notiert wird auch, wie lange der Ton nachklingt, die sogenannte Abklingdauer, erklärt Schröder. Die Inventarisierung dauert mehrere Stunden. „Für einen perfekten Glockenklang soll der Klöppel die Glocke nur küssen“, erklärt Ben Schröder.
In der Mitte der großen Glocke eingefasst in ein Weinlaubfries steht die Jahreszahl 1847. Jede Glocke hat ein Gießerzeichen, fehlt es, muss man anhand von Verzierungen und Art der Glocke Rückschlüsse ziehen. Diese Glocke hat Adam Klaus gefertigt, überliefert ist es allerdings nicht. Am Ende wird vermessen und das Gewicht geschätzt. In diesem Fall kommt das Archiv der Kirchengemeinde zur Hilfe, es liegt eine summarische Spezifikation des Gewichtes der Glocken zu Unterlaimbach vor, und zwar 1634, 906 und 460 Pfund, demzufolge 817, 453 und 230 Kilo, aus dem sich der Arbeitslohn für den Glockengießer von 255 Gulden berechneten.
Die ältesten Glocken in Unterlaimbach waren von 1495 und 1500. Diese sind beim Kirchenbrand von 1840 geschmolzen.1847 wurden drei neue Glocken gegossen. Der Glockengießer arbeitete mehrere Wochen vor Ort, wurde dort auch verpflegt. Kohlen und Brennmaterialien, Kupfer und Zinn wurden von der Ortsgemeinde gestellt.
1942 wurden dann die große und mittlere Glocke durch die Nazis abgenommen, die mittlere eingeschmolzen, die große kehrte aus dem Hamburger Glockenfriedhof wieder zurück nach Laimbach. Erst 1968 wurde die mittlere Glocke ersetzt, hierfür wurde im ganzen Ort bereits seit Beginn der 60er in einem Glockenfonds gesammelt. Seitdem wird auch elektrisch geläutet. Insgesamt 20 Gebäude mit Glocken hat Schröder bisher erkundet und erklommen, denn das Erreichen der Glocken ist manchmal ziemlich schwierig.
Bei der Inventarisation der Glocken in und um Scheinfeld gab es bereits einige Kuriositäten, erinnert sich Ben Schörder, während er zum Zollstock greift. Meist sind es sehr gefahrvolle Zugänge. Man muss kletterfest sein, oft ist es auch recht dreckig. In Hohlweiler musste ein Teil des Daches abgedeckt werden, um zur Glocke zu gelangen. In Grappertshofen ist noch eine alte Notglocke aus Stahl vorhanden. In Sugenheim hängt eine Glocke von 1930, die ursprünglich aus der katholischen Pfarrkirche in Scheinfeld stammt und anlässlich der Neuanschaffung des Scheinfelder Geläutes 1949/50 nach Sugenheim gespendet wurde.
Die evangelische Kirche in Scheinfeld hat drei neue Glocken von 2010 und eine alte von 1778 mit Reliefs der Heiligen Michael und Frederik. Sie stammt ursprünglich aus einer anderen Kirche, wurde im Zweiten Weltkrieg fast eingeschmolzen und kehrte 1947 als „herrenlose” Glocke nach Würzburg zurück - nachdem sich kein Besitzer fand, wurde sie 1948 dem neugebauten Gemeindehaus in Scheinfeld überlassen.
Abgesehen von Ben Schröders geschultem Auge und Gehör sind das Stadtarchiv Scheinfeld und Archive der Kirchengemeinden hilfreich, dort stößt man auf Quellen, die teilweise bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Abgesehen von Rechnungen und Belegen wird zum Beispiel protokollarisch überliefert, wie früher in den Dörfern geläutet wurde, so gab es Unterschiede beim Tod von Kindern, Frauen und Männer. Ein reicher Fundus für alle angehenden Glockensachverständigen. Wer Bilder oder Daten zu Scheinfelder Glocken in privater Hand hat, kann sich gern bei Ben Schörder melden.
Wer über den Bestand, das Inventar etwas weiß oder auch eine interessante Geschichte hat, kann sich gern bei Ben Schröder melden. Viele Privatpersonen, so wurde schon festgestellt, haben Material und Kenntnisse über einzelne Glocken, eventuell auch Unterlagen oder Fotos. Ebenso von Interesse sind mündliche Geschichten, Zeitungsberichte oder Sagen dazu. Bitte melden Sie sich unter der E-Mail-Adresse: schroeder-glocken@gmx.de oder telefonisch: 0151/70848302