Karl Ruck aus Ammelbruch ist 95 Jahre alt. Noch heute bewegt ihn eine sein Leben prägende Begegnung im April 1945: Babette Lechsel bewahrte den damals Jugendlichen in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges davor, sinnlos in das Kampfgeschehen gezogen zu werden.
Man schrieb das Jahr 1939: Karl Ruck besuchte die vierte Klasse der Volksschule in Ammelbruch. Die Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten machten auch vor dem Unterricht in den Klassenzimmern in der Region nicht halt. Die Reden Adolf Hitlers wurden ausgiebig besprochen. Der Lehrer verlangte von seinen Schülern, die propagandistischen Auftritte aus Sicht eines Zehnjährigen zu beschreiben. Diese Aufsätze von Karl Ruck wurden nach dem Krieg entdeckt und werden im Dokumentationszentrum in Nürnberg aufbewahrt.
Sechs Jahre später, 1945, war aus dem kindlichen Aufsatzschreiber ein junger Bursche geworden, der nach dem Willen der Partei als Unterstützer der Wehrmacht plötzlich mitten im grausamen Geschehen stehen sollte. Die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs wurden somit für den späteren Bürgermeister Karl Ruck prägend für sein ganzes Leben.
Der kürzlich 95 Jahre alt gewordene Ruck erinnert sich noch gut an die ersten Apriltage im Jahr 1945. Ausführlich erzählt er von dem Ereignis, das ihn sein Leben lang begleitet hat. Nach dem Abschluss der Volksschule in Ammelbruch besuchte er die Landwirtschaftsschule in Dinkelsbühl, als unerwartet ein an ihn adressierter Brief eintraf. „Neugierig und gespannt habe ich das Schreiben geöffnet.“ Ebenso wie sein inzwischen verstorbener Nachbar Karl Hornung erhielt Ruck einen Einberufungsbescheid zum Deutschen Volkssturm in das Wehrertüchtigungslager Schwabach.
Eine Verordnung vom März 1945 hatte gerade die Wehrpflicht für alle jungen Männer, die zunächst bis zum Jahrgang 1928 gegolten hatte, auch auf das Jahr 1929 ausgedehnt. Kaum hatte er im März das 16. Lebensjahr vollendet, sollte er sich zusammen mit seinem Kameraden unverzüglich in Ansbach einfinden, um von dort weiter nach Schwabach transportiert zu werden.
Zum Sammelpunkt zu gelangen, war nicht einfach. Knapp 30 Kilometer ohne Bus, Bahn, Auto oder Moped, nicht mal ein Fahrrad war verfügbar. Also machten sich die beiden 16-jährigen Ammelbrucher Burschen zu Fuß auf den Weg nach Ansbach. In einem Tagesmarsch von etwa sieben bis acht Stunden wollten sie das Zwischenziel erreichen. Schlimmer als die körperliche Anstrengung war die Angst vor der ungewissen Zukunft – als junge Soldaten, die die damals längst verlorene Heimat retten sollten.
Über Beyerberg gelangten die beiden Jugendlichen zunächst nach Königshofen. Dort erfuhren sie, dass ihre Gleichaltrigen der Einberufung nicht gefolgt waren. Nun wollten sie wissen, was die Ehinger des Jahrgangs 1929 geplant hatten und kamen auf ihrem Weg dorthin nach Brunn.
Plötzlich stand eine Frau auf der Straße. Die damals 27-jährige Babette Lechsel fragte nach dem Ziel der Burschen. „Stopp! Ihr beiden geht nicht mehr in den Krieg!“, lautete ihre unmissverständliche Ansage. Die Frau versteckte sodann die zwei Ammelbrucher auf dem Dachboden ihres Anwesens. Als nach einigen Tagen ihre Eltern davon erfuhren, schafften sie nachts Verpflegung für die hungrigen Heranwachsenden herbei.
Lebensgefährlich für alle Beteiligten wurde es wenig später, als sich in der „guten Stube“ des Bauernhauses ein Offizier samt seinem Adjutanten einquartierte und eine Soldatengruppe in der Scheune in Bereitschaft war. Die Furcht entdeckt zu werden, wuchs täglich. Es hätte für die Jugendlichen und die mutige Frau ein schlimmes Ende bedeuten können, sie hätten um ihr Leben bangen müssen. Als die Soldaten auf dem Dachboden nach Fahrrädern suchen sollten, musste Babette Lechsel das bis dahin sichere Versteck tauschen und quartierte Ruck und Hornung in ihr Schlafzimmer ein. Dort mussten sie stundenlang im Schrank und unter dem Bett ausharren, bis endlich Entwarnung gegeben werden konnte.
Bis heute ist Ruck dankbar für das mutige und riskante Handeln der Bauersfrau aus Brunn. „Eigentlich hätte Babette Lechsel eine Medaille als Lebensretterin erhalten müssen“, meinen auch Rucks Kinder. „Sie hat meinem Leben eine entscheidende Wendung gegeben“, erinnert sich Ruck auch noch nach 79 Jahren an seinen Schutzengel.
Schwiegertochter Lina Lechsel und ihre Familie bestätigen die Erzählungen: „Ja, alle hatten Angst, dass die Burschen entdeckt werden, aber der Mut von Babette wurde belohnt.“