Andreas Kalb hat sich einen lang ersehnten Traum erfüllt. Der frischgebackene Rentner aus Emskirchen begab sich heuer von Mitte Februar bis Anfang Mai auf einen Pilgerweg in Japan – das Land hat ihn schon immer fasziniert.
Der Weg werde als Henro bezeichnet, was so viel wie „vollständige Umrundung” bedeute, erläutert Kalb. Auf der Insel Shikoku, im Süden Japans, wanderte er 1600 Kilometer zu 88 buddhistischen Tempeln, die alle quer über die Insel verteilt liegen. Es war zwar kalt, aber es lag kein Schnee.
Der 64-Jährige arbeitete als Internet-Spezialist für ein amerikanisches Unternehmen, die letzten 25 Jahre im Homeoffice. Er habe sich immer schon gerne in der Natur aufgehalten und sei mit seiner Frau viel gewandert. Zudem lief er vor seiner Tour einen Marathon, um sich zu beweisen, dass er noch genügend Ausdauer besitzt.
Ausschlaggebend für das große Vorhaben sei aber in erster Linie das beginnende Rentnerdasein gewesen. Kalb wollte nach dem langen Arbeitsleben nicht in ein Loch fallen, wollte verhindern, von 110 auf null Prozent abzubremsen. Es sollte nahtlos in eine Abenteuerreise übergehen.
Gesagt, getan. Er flog mit dem Allernötigsten und rund sieben Kilogramm im Rucksack die gut 9000 Kilometer von München nach Tokio. Mit im Gepäck: ein Gehstock, den Kalb im Baumarkt ergatterte und den er mit einer Gebetsformel in japanischen Zeichen bedruckte, die an den Mönch Kobo Daishi (774 bis 835) erinnern sollen. Den Griffbereich umgab er mit einem edlen Stoff und mit einem Glöckchen, damit er auf seinem Weg von Mensch und Tier gehört werde, erklärt Kalb. Schon ein Jahr vorher reiste er nach Japan, um einen Schnellkurs in der Landessprache zu belegen. Das ließ sich, räumte Kalb ein, allerdings nicht in so kurzer Zeit erlernen.
Wenn er vom Gang auf den Spuren japanischer Mönche auf Jahrhunderte alten Pilgerwegen erzählt, leuchten seine Augen. Kalb wanderte durch sattgrüne Reisfelder, gekleidet in seiner weißen Weste mit japanischen Schriftzeichen. Er hatte jedoch immer den Blick auf die Tempel gerichtet, in denen er sich in den dort ausgelegten Büchern verewigte.
Einige der Bauwerke liegen am Meer, andere einsam in beeindruckenden Bergen. Viele Tempel stehen aber mitten in den Dörfern und Städten. Dort zünden die Pilger eine Kerze und drei Räucherstäbchen an – je eines für die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Fünf Yen spenden die Reisenden in den einzelnen Tempeln. Die Fünf sei eine Art Glückszahl und stehe für fünf Elemente der Erde, erklärt Kalb.
Die Pilger werden von den Einheimischen respektvoll und sehr freundlich begrüßt. „Viele laden dich ein oder schenken dir was“, sagt Kalb. Einmal habe er große Lust auf Kaffee gehabt. Er traute seinen Augen nicht, denn prompt hielt ein Auto und reichte ihm einen Kaffee. „Das war schon sehr verblüffend, und ich bin auch nicht spirituell angehaucht“, sagt Kalb nachdenklich.
Er habe sich jeden Abend in einer Pension eine Übernachtung gegönnt und nicht das Zelt genutzt. Schon vor der Reise hatte der das Quartier gebucht, mit Ausnahme der ersten und letzten Woche. Auch aus dem Grund, um Land und Leute in den gebuchten Unterkünften besser kennenzulernen.
Die Japaner schlafen auf Futons, die für ihn nicht immer bequem waren. Die Wohnräume mit Bad und immer getrennten beheizten Toiletten seien hingegen luxuriös ausgestattet gewesen. Nach dem täglichen Fußmarsch gönnte sich Kalb immer eine ausgiebige Dusche. Danach ging es, wie es alle Japaner in den Hotels tun, noch in eine Badewanne zur Entspannung. Das Badewasser nutzten allerdings mehrere Gäste hintereinander, und es wurde nicht ständig gewechselt, schmunzelt Kalb.
Auf den Holzböden der Wohnräume laufen die Japaner immer barfüßig, erklärt er. Schuhe bleiben am Eingang stehen. Apropos Schuhe: „Ich dachte, ich bin gut ausgestattet und hatte extra ein zweites Paar dabei, doch beide Paare drückten“, sagt er. Er kaufte sich in Japan noch ein weiteres Paar, das eigentlich eine Nummer zu klein war. Seine Größe gab es nicht, da sie in Japan nicht gängig ist. Doch die neuen Schuhe hinterließen zu Kalbs Verwunderung keine Druckstellen.
Von Japans Küche schwärmt der 64-Jährige regelrecht. Das Essen sei hervorragend und genau nach seinem Geschmack. Nicht von ungefähr kocht er nun ab und zu daheim japanisch: abwechslungsreich mit viel Gemüse in zahllosen Variationen, mit frischem, rohen Fisch sowie Reis und immer Suppe. Er habe das Essen genossen, ohne ein Völlegefühl zu haben. Neben grünem Tee haben die Japaner auch hervorragende Biere und Reiswein, also Sake. Bei seiner Tour sah er sich auch Brauereien an. Im Übrigen gebe es an jeder Ecke Getränkeautomaten.
Im Land der aufgehenden Sonne hat Andreas Kalb viele Menschen vieler Nationalitäten kennengelernt, mit denen er Kontakt hält, wie er berichtet. Doch ist er Emskirchener durch und durch, lebt schon immer dort und ist stark verwurzelt. Der verheiratete Familienvater ist in der Soldatenkameradschaft stellvertretender Vorsitzender. Am meisten vermisst hat er in jenen Wochen seine Frau; die beiden waren noch nie so lange voneinander getrennt. Nach seiner Rückkehr freute sich Kalb auf seine goldene Konfirmation, die er mit Verwandten und Freunden feierte.
Auf die nächste Pilgerreise, wünscht er sich, möchte er seine Frau mitnehmen. Ein Ziel hat er auch schon: Nach Südengland soll es gehen.