Hermann Ruttmann ist wieder da. Anders ausgedrückt: Der Pfarrer Dr. Hermann Ruttmann ist wieder da. So richtig weg war er ja auch gar nicht, hatte lediglich beruflich dem Landkreis den Rücken gekehrt. Ab April ändert sich das – zumindest ein bisschen. Dann wird er unter anderem für Altershausen als Geistlicher zuständig sein.
Pfarrer ist man bekanntlich ein Leben lang, die Kirche, die Berufung, die Seelsorge – das lässt nicht los, das hört nicht einfach irgendwann auf, nur weil man in Rente geht. Fast alle Geistlichen im Ruhestand übernehmen noch bestimmte Dienste „nebenbei”, halten aushilfsweise Gottesdienste für erkrankte oder im Urlaub weilende Kolleginnen und Kollegen, Taufen, manchmal sogar Hochzeiten und Beerdigungen.
Ganz so war das bei Hermann Ruttmann allerdings aus zwei Gründen nicht: Zum einen war (und ist) er ja noch gar nicht im Ruhestand, als er seinem Beruf vor einigen Jahren vorübergehend den Rücken kehrte. Zuvor hatte er sich bereits – erwartungsgemäß erfolglos – als Landratskandidat der Linken profiliert, hatte sein Kreistagsmandat angetreten und wenig später wieder darauf verzichtet. Grund: Seit Januar 2018 bis zum heutigen Tag fungiert er als Vorsitzender der Geschäftsleitung bei einer großen Wohnbaugruppe in Nürnberg, bei der er in anderen Funktionen schon seit 18 Jahren tätig ist, und hat auch nicht vor, damit aufzuhören. „Das ist anspruchsvoll und hochinteressant”, sagt Ruttmann.
Zum anderen – und das ist ein eher trauriger Grund – hat Ruttmann seit über zwei Jahren tatsächlich keinen einzigen Gottesdienst, keine Hochzeit und erst recht keine Beerdigung zelebriert. „Ich hab seinerzeit einen Gottesdienst nach der Totgeburt meiner Enkelin gehalten”, sagt Ruttmann. „Ich weiß, das war nicht sehr professionell, vielleicht hätte ich es nicht machen sollen, aber es schien mir damals richtig.” Doch dieses eine, singuläre Ereignis sei ihm so extrem nahegegangen, er habe so schlecht damit umgehen können, „dass ich mir selbst versprochen habe: Der nächste Gottesdienst, den ich halte, ist die Taufe meines Enkels.”
Diese sehr persönliche Art der Trauer- und Traumabewältigung ist mittlerweile geschehen, „Opa” Hermann kann sich seiner Berufung damit wieder deutlich entspannter widmen. Doch wie verträgt sich sein verantwortungsvoller Nürnberger Job mit der künftigen Aufgabe als Pfarrer? „Einfacher als man sich das ausmalen kann”, sagt Ruttmann: Zum einen übernehme er nur die halbe Pfarrstelle für die Kirchengemeinden Kleinweisach, Pretzdorf und Altershausen, die andere Hälfte hat sein Kollege Bernd Wagner inne. Der wird auch das Pfarrhaus in Schornweisach beziehen und die dortige Gemeinde betreuen, so dass für Ruttmann, der nach wie vor in Dietersheim wohnt, keine Präsenzpflicht besteht.
Zum anderen haben seine beiden Arbeitgeber nichts gegen die „Stellenteilung” einzuwenden. Zu notwendigen Besprechungen und Besichtigungsterminen in oder um Nürnberg wird er als „halber” Pfarrer nach wie vor Zeit haben und vor Ort sein, vieles andere lässt sich vom heimischen Schreibtisch aus erledigen. Für die Gottesdienste und andere kirchliche Pflichten wird er in seinen drei Dörfern selbstverständlich ebenfalls präsent sein, beginnend mit dem Einführungsgottesdienst am Ostermontag, 6. April, um 15 Uhr in der Kirche Kleinweisach.
Was diese Konstruktion für die Kirche so besonders attraktiv macht, ist tatsächlich Ruttmanns Expertise in Sachen Immobilien. Der für Ruttmanns künftigen Wirkungskreis zuständige Dekan Ivo Huber sei wohl auch deshalb so begeistert gewesen, den Wohnbau-Pfarrer in sein Team holen zu können. Warum? „Ich kümmere mich nebenher um die kirchlichen Liegenschaften”, sagt Ruttmann. Dabei ginge es in erster Linie darum, „die Gemeinden von Steinen, die nur Geld kosten, zu entlasten” – von leer stehenden Pfarr- oder Gemeindehäusern, von kaputten Mauern und ungenutzten Grundstücken.
Vom Aufsichtsrat seines Nürnberger Arbeitgebers hat er sich die Genehmigung geholt, sein dortiges Netzwerk nutzen zu dürfen, und siehe da: Noch bevor er seinen neuen Job überhaupt angetreten hat, hat diese ungewöhnliche Symbiose schon erste Früchte getragen: Er habe sich die Kirchhofmauer und das Portal in Kleinweisach, die schon seit Jahren einer Sanierung harrten, bereits mit einem ihm bestens bekannten Architekten angesehen, eine Lösung ist in Sicht.
Einfach wird es nicht werden, weiß Ruttmann, „denn die kirchlichen Immobilien müssen langfristig um bis zu 50 Prozent reduziert werden”. Es geht also um Verkäufe und Verpachtungen, ums Sanieren, ums Abreißen und ganz generell um das Einsparen immenser Kosten. Das wird nicht ohne Ärger innerhalb der Gemeinden ablaufen, Konflikte sind programmiert. Doch da hofft der Dekan offenbar darauf, dass der streitbare Immobilienfachmann Dr. Hermann Ruttmann sich notfalls in den zugewandten Geistlichen Hermann Ruttmann verwandelt und besänftigend wirkt.
Der Anfang mit der Kirchenmauer ist gemacht, das nächste Projekt steht schon in den Startlöchern. „Ich bin auch für den Zeltplatz in Schornweisach zuständig”, erzählt Ruttmann. „Der gehört auch dem Dekanat und ist im Sommer immer super gut ausgebucht.” Der Platz soll umgebaut werden, erste Gespräche haben bereits stattgefunden.
Der Zwei-Meter-Hüne Ruttmann, im Talar seit jeher eine beeindruckende Gestalt, freut sich auf den neuen Job. Beim Kleinweisacher Neujahrsempfang sei er bereits eingeladen gewesen, die Zahl von 50 Ehrenamtlichen bei gerade mal 480 Einwohnern habe ihn zutiefst beeindruckt.
Als Pfarrer hat er im Landkreis bereits in Krautostheim, Ingolstadt, Humprechtsau und Deutenheim sowie in Trautskirchen gewirkt – jetzt ist er eben für zwei Orte im Nachbarlandkreis und für Altershausen zuständig. Er, der schon der stellvertretende Sprecher aller lutherischen Pfarrerinnen und Pfarrer in ganz Deutschland war, der in den vergangenen Jahren den Bau von 1100 geförderten Wohnungen verantwortet hat, er freut sich auf den Dienst im Dorf: „Die Menschen sind dort einfach wirklich sehr, sehr nett.”