Am 6. Februar 2023 hat im Südosten der Türkei und im Norden Syriens die Erde gebebt. Ein Jahr nach der verheerenden Katastrophe mit zahlreichen Nachbeben „ist bei den Menschen dort keine Ruhe eingekehrt. Die Angst steckt ihnen noch in den Knochen“, sagt Sibel Hürriyetoglu.
Die Familie der 36-Jährigen, die in Feuchtwangen geboren wurde, stammt aus der Provinz Hatay im Südosten der Türkei. Die meisten ihrer Verwandten leben in der Region nahe der Grenze zu Syrien. Bei dem Erdbeben hat Sibel Hürriyetoglu Angehörige, aber auch Freunde, Bekannte und Nachbarn, die sie seit Kindesbeinen von ihren Aufenthalten in Hatay im Sommer kannte, verloren.
Im vergangenen Jahr reiste die zweifache Mutter, die regelmäßig mit ihren Verwandten vor Ort in Kontakt steht, dreimal in die Türkei. Kurz nach dem Erdbeben war es ihr wichtig, ihre Angehörigen, die überlebt hatten, aber auch die Zerstörung mit eigenen Augen zu sehen.
Ende März 2023 veranstaltete die städtische Musikschule in Feuchtwangen, an der Sibel Hürriyetoglus Tochter Klavierunterricht nimmt, ein Benefizkonzert. Die dabei zusammengekommenen Spenden in Höhe von knapp 1800 Euro und Geld aus eigener Tasche verteilte die 36-Jährige dann bei einem Aufenthalt in den Osterferien an Bedürftige in entlegenen Regionen in den Bergen.
Dabei kam es zu teilweise „sehr emotionalen“ Begegnungen. Die 36-Jährige erzählt von einem älteren Mann, dessen Sohn und Schwiegertochter bei dem Erdbeben ums Leben gekommen waren und der sich jetzt um seine Enkelkinder kümmert. Dieser habe geweint, als sie ihm einen Teil des Geldes übergab.
Im August war Sibel Hürriyetoglu auch in Antakya. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass es Antakya ist, hätte sie die Hauptstadt der Provinz Hatay nicht erkannt. Durch die Aufräumarbeiten stehen kaum noch Gebäude, an denen man sich orientieren kann, schildert Sibel Hürriyetoglu ihre Eindrücke.
Wie sie weiter mitteilt, gibt es Pläne, das Zentrum von Antakya zu 80 Prozent nicht mehr zu bebauen. Sehr viele Menschen, die zuvor dort gelebt haben, hätten somit nicht mehr die Chance zurückzukommen. Was aus den restlichen 20 Prozent werden soll, sei noch nicht bekannt.
„Es verlagert sich jetzt alles ins Umland von Antakya“, so Sibel Hürriyetoglu. Etwa in den 25 Kilometer entfernten Vorort, in dem sich das Haus ihrer Großeltern befindet und der zwar auch vom Erdbeben betroffen war, aber nicht so schwer wie Antakya.
Zwar komme langsam wieder Leben auf. Aber es gebe kaum Arbeit. Wer Rücklagen habe, lebe von diesen. Zudem werde alles teurer. Fleisch, Obst und Gemüse könnten sich viele gar nicht mehr leisten. Und: Die Angst vor weiteren Erdbeben „sitzt extrem tief“. Erst Ende Januar gab es in der Region wieder eines. „Da haben alle ihre Häuser verlassen und einen Tag im Freien verbracht.“
Das Haus, in dem die Großeltern von Sibel Hürriyetoglu seit sie Rentner sind, stets die Hälfte des Jahres verbringen, ist beschädigt. Eine Genehmigung für eine Instandsetzung liegt, wie in allen anderen Fällen, noch nicht vor. „Da lässt sich die Regierung Zeit.“ Ihre Großeltern verbrachten auch den Sommer 2023 vor Ort. „Es ist einfach ihre Heimat“, sagt die Enkelin. Sie kommen jetzt im Haus eines Verwandten unter, das direkt gegenüber von ihrem steht. Der Neubau hatte bei dem Erdbeben nur ein paar Risse abbekommen.
Wer keine andere Möglichkeit, keine Arbeit und keine Rücklagen hat, muss in Containern leben. Nach Regenfällen und Überschwemmungen sind laut Sibel Hürriyetoglu die hygienischen Zustände schwierig gewesen. Außerdem hätte viele der Container keine Heizung. Die Menschen installierten selbst Ölöfen. Es sei zu Bränden und aufgrund nicht richtig funktionierender Abzüge zu Kohlenmonoxid-Vergiftungen gekommen, die weitere Opfer gefordert hätten.
Die medizinische Versorgung in der Provinz Hatay beschreibt Hürriyetoglu als schwierig. Von den privaten Krankenhäusern, die es vor dem Erdbeben gegeben habe, stehe keines mehr. Die staatlichen Einrichtungen hätten das Problem, Personal zu finden.
Ohnehin werde in den türkischen Nachrichten nur noch ganz selten über die Erdbebenregion berichtet, obwohl weitere Unterstützung nötig wäre. Die Hilfsbereitschaft, die zu Beginn enorm gewesen sei, flache ab, erklärt Sibel Hürriyetoglu. Viel Geld sei jedoch gar nicht angekommen. Da ihr von Anfang an das Vertrauen in die türkische Regierung fehlte, sorgte sie vor Ort dafür, dass Spenden da ankamen, wo sie gebraucht werden.
Im August will die 36-Jährige wieder in die Türkei reisen und, wie bereits kurz nach den Erdbeben 2023, privat helfen, wo Bedarf ist. Doch es sei schwierig: „Wo anfangen und wo aufhören? Man kennt so viele.“