Kronstadt im Südosten Siebenbürgens ist mit 250.000 Einwohnerinnen und Einwohnern eine Touristenhochburg. Die Großstadt (rumänisch Brașov, ungarisch Brassó) ist im Süden und Osten umgeben von den Karpaten. Die Bezeichnung Burzenland kommt von dem Bach Burzen. Historisch war sie eines der Zentren der Siebenbürger Sachsen und die wirtschaftlich stärkste Stadt Siebenbürgens.
Es sind kaum 18 Kilometer bis nach Tartlau. Die dortige sehr gut restaurierte Kirchenburg wurde von der Unesco 1998 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Und von dort wiederum sind es nur noch ein paar Hundert Meter bis zum Betrieb der Eheleute Christian und Mirabella Rothe.
Der 43-Jährige stammt ursprünglich aus Poppenbach zwischen Geslau und Colmberg – eine Gruppe aus Geslau hat ihn sogar vergangenes Jahr besucht. Seit 2011 lebt er in Rumänien. Der Landwirt ist weit gereist: Er war drei Jahre im Banat in Westrumänien und drei Jahre in der Ukraine unterwegs, hat Praktika in den USA und in Norddeutschland absolviert und hat nicht nur daheim in Triesdorf, sondern auch im rumänischen Temeswar studiert.
Dort hat er auch seine Ehefrau Mirabella während ihres Studiums kennengelernt. Sie ist als studierte Wirtschaftsingenieurin seine wertvollste Mitarbeiterin und beherrscht fließend die deutsche Sprache. Rothe hat schon immer das Ziel verfolgt, in Rumänien einen landwirtschaftlichen Betrieb zu übernehmen, erzählt er. „Wir haben uns im ganzen Land umgeschaut, wir haben alles gesehen und am Ende stand für uns fest: Hier ist das Schönste, was es gibt. Außerdem gibt es hier ausgezeichnete Böden nahe an den Bergen.“
Der Betrieb ist seither ständig gewachsen, mittlerweile auf sage und schreibe 2400 Hektar. Die Familie Rothe hat Siloanlagen und Büros gebaut und auf dem großen Betriebsgelände auch für sich ein modernes, ebenerdiges Wohnhaus errichtet.
Auf die Frage, ob sie sich denn hier wohl fühlen, antwortet Christian: „Wir sind mit unseren beiden Kindern hier sehr glücklich – ich möchte nicht mehr nach Deutschland zurück. Wir haben hier gute Freunde, denn in der Region gibt es viele deutsche Betriebe.“ Jeden Abend, wenn die Kinder im Bett sind, telefoniert er mit seinem Vater. Christian fliegt mehrmals im Jahr in die Heimat, um seine Eltern und seinen Bruder, der den landwirtschaftlichen Betrieb in Poppenbach führt, zu besuchen. Das Weihnachtsfest feiern die Rothes am liebsten bei der Familie in Franken. „Meistens ist Mirabella auch dabei.“
Dass er seine deutschen Wurzeln in Siebenbürgen gut pflegen kann, gefalle ihm ganz besonders, sagt Christian Rothe. „Wir sind von Kronstadt nur 18 Kilometer entfernt. Dort besucht unser Sohn Johann die älteste deutsche Schule Rumäniens. Unsere Tochter Anna geht dort in einen deutschen Kindergarten.“
Um 6.50 Uhr fährt Vater Christian los, damit er pünktlich um 7.45 Uhr wieder zurück ist. Denn um 8 Uhr ist Arbeitsbeginn für die Angestellten.
Johann und Anna wurden beide nach evangelischem Ritus in der Tartlauer Kirche getauft. Die ökumenische Trauung des Ehepaares fand in Deutschland statt: in der Binzwanger Kirche – die 38-jährige Mirabella ist orthodoxe Christin.
Auf dem Hof der Rothes gibt es eine stattliche Anzahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: unter anderem fünf Schlepper-Fahrer und einen Lkw-Fahrer, einen Werkstatt-Leiter, einen Hausmeister, drei Büro-Angestellte und einen Manager in der Silo-Anlage.
Außerdem schauen weitere Angestellte in den umliegenden Dörfern nach dem Rechten und kümmern sich um Verpächter und Pachtverträge. „Wir haben nämlich insgesamt 1200 Verpächter. Wir haben zwar viele kleine Felder, aber wir haben auch Felder, die teilweise bis zu unglaublichen 80 Hektar groß sind. Allein die evangelische Kirche hat uns zwischen 50 und 60 Hektar verpachtet.“
Von einem der größten Masthähnchenbetriebe Europas bezieht der Betrieb fünfmal pro Woche je 80 bis 100 Tonnen Hühnermist als Dünger. Den können die Landwirte allerdings wegen des strengen Geruchs in der Regel nur nachts ausbringen. Die extreme Trockenheit habe im vergangenen Jahr für katastrophale Zustände gesorgt. Auch das Jahr 2025 habe sehr trocken begonnen, aber im Mai habe es wenigstens 220 Liter Niederschläge gegeben.
Die Zuckerrüben hätten wegen der Kälte erst am 5. April gesät werden können. „Wir haben ungefähr 550 Hektar Zuckerrüben“, so Rothe. Er liefert seine Früchte an eine Tochter von Südzucker in Roman, eine etwa 220 Kilometer entfernte Stadt in der Region Moldau.
Für den Weizen gibt es zwei Lager mit einem Fassungsvermögen von jeweils 5000 Tonnen. Das Roden beginnt am 20. September und zieht sich bis Anfang Dezember. In der Hauptsaison wird oft bis spät in der Nacht gearbeitet. „Wir dreschen pro Tag mindestens 1000 Tonnen. Wenn der 1,80 bis zwei Meter hohe Raps gedroschen wird, sehen die Angestellten jedes Jahr regelmäßig Bären aus den Feldern rennen.“
Welche Zukunftsperspektiven haben Christian und Mirabella Rothe? „Wir machen hier unsere Arbeit, weil es uns echt viel Spaß macht. Wir haben wahnsinnig viel investiert und wir haben auch ganz viele Verpflichtungen.“ Die Preise seien aktuell eher bescheiden, aber die Landwirte hoffen, dass sie für ihre Produkte in diesem Jahr wieder ein bisschen mehr bekommen.
Einen wichtigen Schritt in die Zukunft hat Christian Rothe allerdings schon mit der Eröffnung eines Schotterwerkes vollzogen. Die vielen Steine auf Feldern werden gesammelt und beim Straßenbau wiederverwendet. „Wenn es sich ergibt, wollen wir in Richtung Betriebserweiterung schon noch etwas machen, aber bestimmt nicht um jeden Preis.“
Ein bodenständiger Franke, der mit Leib und Seele Landwirt ist, hat sich mit bewundernswerter Zielstrebigkeit und Erfahrung eine neue Existenz im 1400 Kilometer entfernten Burzenland in Siebenbürgen aufgebaut. Dort ist er glücklich – auch wenn ihn an manchen Tagen schon auch einmal das Heimweh nach Franken überfällt.