„Ein brennender Wasserfall“: Flugzeugabsturz vor 60 Jahren bei Petersdorf | FLZ.de

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Veröffentlicht am 15.07.2024 07:00, aktualisiert am 15.07.2024 11:05

„Ein brennender Wasserfall“: Flugzeugabsturz vor 60 Jahren bei Petersdorf

Unter anderem dieses Foto vom Absturz der Passagiermaschine hat Hermann Ruth vor 60 Jahren gemacht. Seine Schwarzweißfotos hat er vor Jahren für sein Archiv digitalisiert. (Foto: Hermann Ruth)
Unter anderem dieses Foto vom Absturz der Passagiermaschine hat Hermann Ruth vor 60 Jahren gemacht. Seine Schwarzweißfotos hat er vor Jahren für sein Archiv digitalisiert. (Foto: Hermann Ruth)
Unter anderem dieses Foto vom Absturz der Passagiermaschine hat Hermann Ruth vor 60 Jahren gemacht. Seine Schwarzweißfotos hat er vor Jahren für sein Archiv digitalisiert. (Foto: Hermann Ruth)

Es sollte ein routinemäßiger Übungsflug sein, doch er endete als tragisches Unglück – und schrammte nur knapp an einer großen Katastrophe vorbei. Am 15. Juli 1964 stürzte zwischen Petersdorf und Forst (Gemeinde Weihenzell) eine Boeing 720 B ab. Einer der Ersten vor Ort war der mittlerweile 89-jährige Hermann Ruth.

Der Ansbacher war an jenem Mittwoch vor 60 Jahren auf dem Weg zur Arbeit nach Nürnberg. Es war kurz nach 10 Uhr. Kaum war er mit seinem Cabrio oben am Windmühlberg angelangt, sah er über dem Urlas „einen brennenden Wasserfall“. So sah es für ihn aus.

Kurz darauf hörte er einen donnernden, dumpfen Knall. Und wiederum Sekunden später stieg am Horizont eine gigantische Rauchwolke auf. Geistesgegenwärtig hielt er an und holte seine Spiegelreflexkamera – eine Voigtländer Bessamatic – aus dem Handschuhfach und machte aus der Ferne erste Fotos.

Das Flugzeug zerriss es in der Luft

Doch Hermann Ruth wollte es genauer wissen. Er fuhr von der Bundesstraße ab und steuerte die Unfallstelle an. Irgendwann lenkte er sein Auto querfeldein über Wiesen und Äcker und stand schließlich vor einem riesigen Wrackteil, das sich in die Erde gebohrt hatte. Neben ihm standen ein paar Landwirte, die bei der Feldarbeit gewesen waren. Alle starrten auf die noch immer dampfenden Metallteile.

Bis zu diesem Moment hatte Hermann Ruth noch angenommen, es wären zwei amerikanische Hubschrauber in der Luft zusammengestoßen und abgestürzt. Doch nun zeigte sich das gesamte Ausmaß. Die 41,60 Meter lange Boeing 720 B mit einer Spannweite von fast 40 Metern, die je nach Ausstattung bis zu 149 Passagieren Platz bot, hatte es in der Luft regelrecht zerrissen. Die Wrackteile des 103 Tonnen schweren Flugzeugs waren in einem Gebiet mit fast zwei Kilometern Durchmesser verstreut.

Flugzeug war ohne Passagiere unterwegs

Das Flugzeug mit dem Namen „Bremen“ und einem Anschaffungswert von damals 24 Millionen D-Mark war am Morgen noch von einem Linienflug von Lagos in Nigeria nach Frankfurt am Main unterwegs gewesen. Nach dem Entladen, Säubern und Durchchecken starteten der 45-jährige Kapitän Werner Baake, sein 44-jähriger Co-Pilot Werner Hans Zimmermann und der 30-jährige Bordingenieur Kurt Burghard zu einem Übungsflug – ohne Passagiere.

Nach der Auswertung der Flugschreiber durch amerikanische Behörden stellte das Luftfahrtbundesamt in Braunschweig im September 1964 fest, dass „ungeheuerlicher Leichtsinn“ der Piloten die Ursache des Absturzes war. Offenbar wollten sie testen, was die Passagiermaschine aushält und flogen eine Rolle mit dem Düsenjet mit seinen vier Triebwerken. Weil es beim ersten Mal funktionierte, wiederholten sie das verbotene Flugmanöver.

Flugzeug zerbrach auf 1500 Metern

Diese Belastung hielt die Maschine aber nicht aus. Das Flugzeug zerbrach in einer Höhe von etwa 1500 Metern in der Luft, geriet in Brand und verwandelte sich in eine herabstürzende brennende Fackel, oder in Hermann Ruths Worten in „einen brennenden Wasserfall“ am Himmel. Die Polizei fasste das Geschehen vor 60 Jahren so zusammen: „Zunächst sind die Spitzen der Höhen- und Seitenleitwerke abgebrochen und danach haben sich die anderen Flugzeugteile zerlegt.“

So tragisch das Geschehen auch war, es hätte alles noch viel schlimmer kommen können. „Nach Weihenzell waren nur ein paar hundert Meter“, erinnert sich Hermann Ruth. Die beiden Ortsteile Petersdorf und Forst lagen noch näher. Einige große Wrackteile krachten ganz nah bei Wohnhäusern in die Erde.

Feuerwehren konnten die Flammen schnell löschen

Ein Stück des explodierten Flugzeuges schlug „knapp hinter dem letzten Haus von Petersdorf“, ein anderes „unmittelbar vor Forst“ ein, berichtete die FLZ am Tag nach dem Absturz. Die brennenden Triebwerke und Tragflächen entzündeten mehrere Bäume. Doch die Feuerwehren aus Ansbach, Katterbach, Heilsbronn und Neustadt schafften es mit Unterstützung von Löschtrupps der Bundeswehr, der US-Armee sowie zahlreicher kleinerer Wehren, die Flammen rasch zu bändigen.

Die FLZ ließ sich damals von der Ehefrau des Petersdorfer Bürgermeisters Christian Hecht das Geschehen schildern. „Wir waren in der Küche, als wir den Knall hörten. Ich habe meinen kleinen Enkel geschnappt und bin mit ihm vor das Haus gerannt. Was ich sah, war schrecklich. Überall brennende Teile und eine riesige Rauchwolke. Ich dachte, die fallen uns alle aufs Haus. Ich habe mich geduckt und unseren Buben an mich gedrückt. Dann habe ich gesehen, wie die Teile doch noch über unsere Scheune gingen und gleich danach auf dem Feld aufprallten.“

Hermann Ruth hat sich noch ein wenig am Unglücksort herumgetrieben. Er hat fotografiert, bis die deutsche Polizei den Absturzort derart abgeriegelt hatte, dass er nicht mehr herankam. „Dann bin ich auf die Arbeit gefahren. Ganz normal.“

Ein Leben voller Abenteuer

Um zu verstehen, warum der damals junge Mann so abgebrüht reagieren konnte, müsste man tiefer in seine Biografie einsteigen. In aller Kürze: Hermann Ruth hat in seinem Leben viel mitgemacht. 1934 geboren, wuchs er im Zweiten Weltkrieg auf, war schon als Zehnjähriger Zeuge eines Flugzeugabsturzes in Ansbach, und beim Einmarsch der Amerikaner in die Stadt flogen Granatensplitter nur wenige Zentimeter an seinem Kopf vorbei.

Der junge Mann landete nach einer Zimmermannslehre beim Bundesgrenzschutz, wo ihn sein Vater ungefragt angemeldet hatte. Er saß nur deshalb nicht in der 1958 verunglückten Drachenfels-Bahn bei Königswinter, weil er und seine Kameraden ein paar Minuten zu spät dran waren. Als er 1960 nach Moskau fliegen wollte – er war an die dortige deutsche Botschaft abgeordnet – geriet beim Start in Düsseldorf ein Vogelschwarm in die Triebwerke der Maschine. Der Pilot konnte sie gerade so wieder landen. Aufregung gab es bei Hermann Ruth also reichlich.

„Ich habe viel Glück gehabt in meinem Leben“, sagt er beim Blick auf diese Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte. Er lächelt milde. Angst habe er dennoch nie gehabt, versichert er überzeugend. Schon gar nicht vorm Fliegen.

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