Vladimir Hubert aus dem Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim ist zu seinen Wurzeln gereist. Dorthin, wo seine Vorfahren gelitten und trotz aller Widrigkeiten versucht haben, sich ein neues Leben aufzubauen: nach Aktjubinsk in Kasachstan, wo auch er geboren wurde. Noch einmal will er nicht dorthin zurück: Das Land ist ihm fremd, nicht mehr seine Heimat – nie wirklich gewesen.
Denn seine Familie war nicht freiwillig in dieses „Niemandsland aus Steppe und Wüste“ gegangen. Sie war verschleppt worden: Am 20. Oktober 1941 hatte man sie im Nordkaukasus in Viehwaggons gezwungen und zum Kaspischen Meer gebracht. Anschließend war es mit einem Schiff weitergegangen. Huberts Ur-Ur-Oma Ella Riffel war eine der Vertriebenen. Während der Fahrt übers Kaspische Meer erfror ihr Kind in ihren Armen. Es war ein Mädchen. Rebecca. Die Peiniger warfen den leblosen Körper einfach über Bord.
Im Exil in Kasachstan angekommen, sorgte sich niemand um sie. Doch es ging weiter. Irgendwie. Es wurde gelebt, geliebt, geheiratet, gelitten, gestorben und neues Leben geboren: Vladimir Hubert war dieses neue Leben.
Als er 18 Monate alt ist, reist er gemeinsam mit seinen Eltern nach Bayern, um fortan dort zu leben – am 23. September 1993 kommt er an. Damit gehört die kleine Familie nun zu den „Spätaussiedlern“. Also zu den Russlanddeutschen, die aus der ehemaligen UdSSR zurück nach Deutschland gegangen sind.
30 Jahre später nun hat Hubert damit begonnen, sich mit der Geschichte seiner Familie zu beschäftigen und sie aufzuschreiben. Im Frühjahr dieses Jahres ist sein 48 Seiten umfassendes „Familienbuch“ über seine russlanddeutschen Vorfahren fertig geworden. Darin berichtet er in Wort und Bild, woher sie kamen, was ihnen widerfahren ist und wie sie schließlich in ihre deutsche Heimat zurückkehren konnten. Einige wenige Exemplare des Buches hat Hubert drucken lassen, um sie an seine Verwandten zu verschenken.
Ein Exemplar hat er auch Gulmira Sibgatova übergeben, der Leiterin des Museums in Martuk. Sie hat er während seiner zehntägigen Reise durch Kasachstan besucht. Im Gepäck hatte er neben dem Buch auch Fotos aus dem Familienalbum. „Was ich von meiner Familie erzählt habe, ist von den Museumsmitarbeitern dokumentiert worden“, erzählt Hubert. Denn sie wollen im Museum das Schicksal der Russlanddeutschen thematisieren und zeigen, wie sich die Verschleppten in der Fremde eine neue Existenz aufgebaut haben. „Dieses dunkle Kapitel der Geschichte soll nicht vergessen werden.“
Hubert war bereits vor rund 20 Jahren auf den Spuren seiner Vorfahren in Kasachstan unterwegs – damals gemeinsam mit seiner Großmutter. Diesmal hatte er seine Lebensgefährtin Anja mit dabei. „Mir war wichtig, dass sie das alles auch einmal sieht“, sagt Hubert. Sie sei beeindruckt gewesen, teilweise erschüttert, verwirrt und traurig. Es sei eine emotionale Reise gewesen.
Viele Friedhöfe haben sie besucht, jeden Tag. Dazu Gedenkstätten. Sie haben Kränze gegen das Vergessen niedergelegt und um die Toten zu ehren. So hat Hubert das Grab seines Ur-Ur-Großvaters Karl Messerle besucht und ihm ein Blumengesteck mit Schleife da gelassen. „Die Gräber werden nicht mehr gepflegt, entsprechend hoch war das Gras gewachsen“, erzählt Hubert, dessen Ur-Ur-Großvater im Jahr 1959 gestorben war, nachdem er zuvor als angeblicher deutscher Spion ins Arbeitslager gesteckt worden war.
Dort sei er schwer krank geworden und drei Monate nach seiner Entlassung gestorben. „In ewigem Gedenken, Deine Familie“, steht auf der Schleife, die Hubert in Deutschland hatte anfertigen lassen. Die Kranzniederlegung war ihm ein Bedürfnis. Genauso wie der Besuch des Hauses, das seine Familie einst aufgebaut und bewohnt hatte. Viel ist davon nicht übrig. Mitgenommen hat Hubert von dort ein bisschen Erde. Die will er im Garten seines Hauses verstreuen, das er in Sugenheim baut.
Informiert hat er sich gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin während dieser Reise auch darüber, wie es der noch immer in Kasachstan lebenden deutschen Minderheit ergeht. Ihre Dachorganisation ist die gesellschaftliche Stiftung „Vereinigung der Deutschen Kasachstans ,Wiedergeburt‘“. Ihr gehören 21 regionale Vereinigungen der Minderheiten mit mehr als 50 Begegnungsstätten und Filialen an. Swetlana Viktorowna ist die örtliche Leiterin der deutschen Vereinigung „Wiedergeburt“ in Badamscha und hat dem Paar aus Deutschland viel gezeigt und erzählt.
Beispielsweise vom Arbeitslager in Badamscha: Die Deportierten mussten dort Nickel abbauen. Nur mit ihren bloßen Händen. „Heute sind aus den Abbaugruben idyllische Seen geworden, in denen die Einheimischen trotz der immer noch messbaren Strahlenbelastung baden“, sagt Hubert und erzählt von den Erdbunkern, in denen die Inhaftierten nach einem schweren Arbeitstag „im Stehen hätten schlafen müssen“. Von dem Leid und der Hoffnungslosigkeit ist nichts mehr sichtbar. Nur wer weiß, wonach er suchen muss, wird die Umrisse der früheren Bunker inmitten der Steppe erahnen können.
Diese Reise sei wichtig für ihn gewesen, um seine Spurensuche abschließen zu können, betont Hubert. Wiederholen will er sie nicht. „Für mich war das alles fremd. Das ist nicht unsere Heimat – und das war sie auch nie.“ Er sei froh gewesen, wieder zurück nach Deutschland fliegen zu dürfen.
Beeindruckt sei er von der Landschaft gewesen, von den frei laufenden Wildpferden. Seine Gespräche mit den Kasachen hätten immer wieder eines gezeigt: Das Land kommt nicht vorwärts und ist abhängig von Russland. Dort wird die deutsche Minderheit weiterhin unterdrückt. „Die Leute leben arm, und viel verändert hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht.“
Für Hubert gehört Kasachstan zur Familiengeschichte. Aber seine Zukunft liegt in Deutschland. Mittlerweile hat er sich von Bad Windsheim nach Sugenheim orientiert, wo er sich mit seiner Anja ein Zuhause aufbauen will. „Wir sind angekommen.“