Stefan Vögel ist ein gewiefter Stückeschreiber. Er verpflanzt das Thema Organspende in ein Boulevardstück und entdeckt den komödiantischen Nutzen einer Niere. Das ist lustig, aber nicht bloß. Am Landestheater Dinkelsbühl trifft der Regisseur Tom von der Isar auch die Schmerzpunkte zweier Ehen.
Dass „Die Niere“ von Stefan Vögel als Komödie firmiert, fällt in die Rubrik „Täuschungsmanöver“. Der österreichische Autor hat in Wahrheit ein flottes Boulevardtragikomöderl geschrieben. Allen Lachern zum Trotz geht das Ganze nicht so versöhnlich wie üblich aus. Es nimmt vier, fünf scharfe Kehrtwendungen, bis dass am Ende ein Nierenbraten in der Röhre brutzelt. In Dinkelsbühl dreht Tom von der Isar die Wohlfühltemperatur sogar stellenweise ungemütlich weit herunter – was eine schätzenswerte Qualität ist.
Der Konflikt beginnt mit einer Vorsorgeuntersuchung. Kathrin und Arnold waren beim Arzt. Er ist kerngesund und in Feierlaune. Sie kommt mit der Diagnose einer Niereninsuffizienz nach Hause. Ihre Hoffnung, dass Arnold ihr eine Niere spendet, schnurrt schnell zusammen. Arnold spreizt sich. Argumente werden ausgetauscht. Er sagt nicht ja, er sagt nicht nein. Er ringt mit sich. Ein vorläufiger Nieren-Versager.
Bei Diana und Götz, einem befreundeten Ehepaar, liegt der Fall umgekehrt. Götz würde Kathrin sofort eine Niere geben. Diana pocht hingegen auf seine Verantwortung für die Familie, während Arnold nun wieder auf sein Spender-Vorrecht als Ehemann besteht, sich dann aber gegen freudianische Diagnosen verwehren muss: Er ist Architekt und wird in Paris ein Hochhaus bauen, was Kathrin und Götz für phallisch halten und auf einen tiefsitzenden Komplex schließen lässt. Da schaukelt sich was auf. Zwei Ehekrisen brechen sich Bahn. Diese Niere ist ein Scheidungsorgan.
Tom von der Isar hat sich für seine Inszenierung ein schickes Architektenwohnzimmer mit Terrassenblick ins Grüne einfallen lassen. Draußen wuchert ein kleiner Gartendschungel, drinnen werden zwischen Sofa und Esstisch existenzielle Fragen verhandelt. Fragen die, na ja, an die Nieren gehen und den blanken, animalischen Überlebenswillen freisetzen.
Tom von der Isar inszeniert das pointiert. Er erfasst auch den Ernst der Lage und schaut in die Tiefe, die Stefan Vögel nur andeutet. Der Regisseur baut dazu eine nächtliche Albtraumszene ein. Kathrin, Diana und Arnold huschen zum Paganini-Violinkonzert in Wildtiermasken durchs Zimmer und rekapitulieren ihre Probleme – ein spukhafter Irritationsmoment.
Simon Fleischhacker, Hände in den Taschen, zeigt einen unbedarften, tapsigen Götz, Diana Barth als Diana eine kämpferische Apothekerin mit Löwenmähne. Andreas Peteratzinger spitzt die Ängste von Arnold verzweiflungskomisch so weit zu, dass vom Stararchitekten nur ein Häuflein Elend übrig bleibt. Und Nicole Janze gibt der Kathrin von Anfang an etwas Gekränktes, Verletztes mit. Sie versteckt das hinter ihrem selbstbewussten Auftreten und einer kalkulierten Freundlichkeit. Am Ende, das die letzte Wende bringt, weiß man warum.