Eine Leiche wird aus der Fränkischen Rezat geborgen. Ein Dutzend Schaulustige steht auf einer Brücke und schaut der Wasserwacht zu. Eine Szene wie im Film. Und das ist es auch tatsächlich. Die Produktionsfirma Aptos Film drehte in Windsbach. Ein Blick hinter die Kulissen von „Willkür”.
Mit dicken Neoprenanzügen gewappnet, machen sich die Einsatzkräfte bereit. Sie müssen in die Rezat steigen. Ein menschlicher Körper treibt darin, und das schon seit ein paar Tagen. Das ist die Szenerie, um die es geht. Das Wasser ist knietief, es ist kalt an diesem Morgen und die Stimmung angespannt. Die Sonne spitzt ein bisschen hervor. Rot-weißes Absperrband soll Passanten fern halten. Es ist ein Horrorszenario.
Menschen mit gelben Warnwesten und Funkgeräten wuseln hin und her. Zwei schwarze Pavillons sind auf einem Parkplatz nahe der Altstadt aufgebaut und der Zugang zur steinernen Markgrafenbrücke ist gesperrt. Achtung, Set. Die Stadt Windsbach im Landkreis Ansbach hat sich in eine Filmkulisse verwandelt. Seit 2 Uhr in der Nacht dreht die Schwabacher Produktionsfirma für ihren neuen Film „Willkür”.
Darin geht es um acht junge Menschen, die Schauspiel studieren. Sie müssen sich durch das Aufnahmeverfahren an einer Schauspiel-Akademie beißen – zwischen Leistungsdruck, Konkurrenzkampf und dem Zusammenhalt als Gruppe. Eine Gruppe, die glaubt, „ihr ganzes Schicksal hängt daran”, erzählt Michael Christian. Er ist einer der Geschäftsführer der Firma, gleichzeitig Drehbuchautor und für die Regie zuständig.
Es ist der zwölfte von insgesamt 33 Drehtagen. Die ersten Szenen sind schon im Kasten. „Ein Außendreh ist immer etwas herausfordernd”, sagt Christian. „Wir kämpfen immer gegen Sonnenuntergang, gegen Sonnenaufgang und die Zeit.” Auch Nebengeräusche, wie die Signaltöne der Züge, die an Windsbach vorbeifahren, stören. Autos sind laut, eine große Gruppe an Kindern läuft vorbei und auch der Hahn hat schon gekräht.
Gegen 8 Uhr treffen die ersten Komparsen ein. Sie werden eine Gruppe an Gaffern darstellen, die den Einsatz der Leichenbergung beobachten. Nach einer Einweisung durch Aufnahmeleitung Carina Christian werden alle Anwesenden erst noch begrüßt. Dann marschieren sie los auf die Brücke.
Das Licht ist schon aufgebaut, ein schwarzer Vorhang steht. Weil der Wind so stark ist, müssen die eisernen Metallständer, an denen der Stoff befestigt ist, festgehalten werden. Mehrere Bildschirme für die Regie, die mit der Kamera verbunden sind, werden platziert und der Ton eingestellt.
Simon Fischer, der zweite Geschäftsführer, zieht sich eine Art Weste mit Stativ am Rücken an. Er ist der Kameramann. Die Anspannung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Noch einmal darauf achten, dass die Crew nicht im Bild steht und kein Anwohner aus einem Fenster schaut: „Kamera ist set. Ton auch. Und Action.”
Rückwärts bewegt sich Fischer durch die Gruppe an Komparsen, verfolgt mit der Linse einen der Hauptdarsteller, Fabian Feldhusen. Damit er nicht stolpert, leitet ihn Regisseur Michael Christian. Ein-, zwei-, dreimal: mehrere Aufnahmen werden benötigt, bis die perfekte dabei ist. Eine Passantin läuft durchs Bild – trotz Schildern und Sicherheitspersonal.
Während gefilmt wird, ist es still auf der Brücke. Nur die Komparsen dürfen reden. Der Film soll in einer fiktiven Stadt in Baden-Württemberg spielen. Dafür wird neben Windsbach in Ansbach, Langenzenn, Nürnberg, Erlangen und Roth gedreht. Das Problem dabei: „Ich höre euer Fränkisch bis hinter den Vorhang”, sagt Carina Christian. Eines der vielen Details, auf die geachtet werden muss.
Der erste Teil ist geschafft. Schnell muss das gesamte Equipment von der Brücke getragen werden. Lautes Surren ist zu hören. Jetzt kommt die Drohne. Sie fliegt über die Rezat und die Wasserwacht, hoch zu den Schaulustigen. Michael Christian rennt herum und gibt Anweisungen. „Und Action.” Alle Crewmitglieder auf der Brücke ducken sich. Fischer sitzt angespannt mit dem Rücken an der Mauer – damit er nicht in der Aufnahme zu sehen ist.
Mittlerweile sind die Einsatzkräfte der Wasserwacht Roth schon seit Stunden im Wasser. Kalt ist ihnen trotzdem nicht. Sieben Millimeter sind ihre rot-blauen Anzüge dick. Die ausgebildeten Wasserretter waren „voll begeistert”, als sie für den Film angefragt wurden, erzählt Ortsgruppenvorsitzender Michael Weigand. Er hat das Filmemacher-Duo auf einer Veranstaltung kennengelernt. Speziell für den Film haben die Wasserretter sich nicht vorbereitet. Derartige Rettungsaktionen sind Teil ihrer Ausbildung und werden regelmäßig geübt, erzählt er.
Der Reißverschluss geht zu. Nicht nur einmal, sondern gleich mehrmals. In einem weißen Leichensack wird der geborgene Körper – nur eine Attrappe – verstaut. Simon Fischer sitzt auf dem nassen Gras, die Kamera fest umklammert. „Und, Cut!”
Bis September werden die restlichen Szenen gedreht. In etwa einem Jahr soll der Film fertig sein, sagt Fischer. „Er wird definitiv in regionale Kinos hier in Mittelfranken kommen.”