Fränkische Fachwerkromantik als Kulisse für englische Ritter-Action: Das Freilandmuseum in Bad Windsheim ist seit Wochen Drehort für den Hollywood-Blockbuster „The Uprising”. Die Geheimniskrämerei ist groß, die Locations sind streng abgeschirmt. Unsere FLZ-Fotografin Evi Lemberger hat sich trotzdem einen Tag auf die Pirsch rund ums Set gewagt – und stand plötzlich auf einer Wiese vor einem Dutzend Leichen.
Protokolliert von Johannes Hirschlach
Es herrscht perfektes Herbstwetter am Fränkischen Freilandmuseum: Die Sonne blitzt durch rot verfärbtes Laub, die Temperaturen sind fast sommerlich. „Die Sonne lacht, Blende Acht” ist ein Merkspruch unter Fotografinnen und Fotografen für die richtigen Kamera-Einstellungen. Ob die Filmcrew für „The Uprising” das wohl auch beachtet?
Am Parkplatz herrscht jedenfalls schon Betriebsamkeit: Schilder für „Komparsen”, „Catering” und „Costume” weisen den Weg. Ein schwarzer VW-Bus kriecht einer emsigen Ameise gleich über das Gelände. Ob darin Kameras transportiert werden? Teile der Crew? Vielleicht gar die Stars, darunter Spiderman-Darsteller Andrew Garfield und Regisseur Paul Greengrass?
Was jedenfalls schnell auffällt: Zwischen all die Museumsbesuchenden an diesem Morgen (das Freilandmuseum hat während der Dreharbeiten regulär geöffnet) gesellen sich immer wieder Menschen in ungewöhnlichen Klamotten: Männer und Frauen in braunen Mänteln, eine Nonne, Ritter zu Pferd. Es sind Komparsinnen und Komparsen, die für den Filmdreh angeheuert wurden.
In „The Uprising” soll es um den englischen Bauernaufstand von 1381 gehen – einem einschneidenden Ereignis für das mittelalterliche Großbritannien. Die Kämpfe rund um den Aufständischen Wat Tyler (gespielt von Andrew Garfield) gingen blutig zu, auch König Richard II. mischte mit.
Im Freilandmuseum herrscht dagegen friedliche Stimmung. Zwei als Bauern verkleidete Männer blicken schweigend aufs Handy, andere genießen die Sonnenstrahlen. Von Blutdurst keine Spur.
In der Baugruppe West entstanden in den vergangenen Tagen schon häufiger wichtige Szenen. Davon zeugt unter anderem ein von Kulissenbauern extra errichtetes Stadttor aus Steinimitat. Auf den Wegen stehen Handkarren und andere Requisiten. Ein großer grüner Kran hält ein gewaltiges Metallgerüst. Wozu das dienen soll? Schwer zu erraten.
Im der Scheune aus Mailheim laufen Vorarbeiten: Lichter stehen im Eingang, im Inneren werkeln Mitarbeiter an einer Erhöhung herum. Eine Familie linst ebenfalls neugierig in das Gebäude. Sie seien Stammgäste im Freilandmuseum, erzählen sie. Schön sei das hier vor allem für die Kinder – keine Autos, viel zu entdecken. Von den Mitarbeitern in der Scheune ist noch eines zu hören: Interviews sollen hier an diesem Tag entstehen, also vermutlich für das Making-of.
Nur wenige hundert Meter weiter am Steinbruch löst sich das Rätsel um das Stahlgerüst: Weitere Kräne sind dort platziert. Auf deren Konstrukte sind schwarze Planen gespannt, anderswo sind blaue Stoffe zu sehen – eindeutig ein Bluescreen, um im Bild digital den Hintergrund austauschen zu können.
Wer für Fotos die Kamera ansetzt, bekommt es aber direkt mit einem Mann in rotem T-Shirt zu tun. Er hebt die Hand und schüttelt den Kopf. Ziemlich eindeutig, dann bleibt die Knipse wohl unten.
Für einen besseren Blickwinkel bietet sich der nahe Weinberg an. Außerdem ist das weit weg von Männern in roten Oberteilen. Ein bisschen verdächtig ist das zwar schon, denn welcher Gast erklimmt einfach so einen Weinberg? Aber egal, es lohnt sich: Der Blick fällt auf eine Gruppe „Bauern”, die auf der anderen Seite des Hügels lachend vorüberzieht.
Eine etwas veränderte Position gibt eine noch bessere Sicht auf einen Schauplatz in einiger Entfernung: Menschen in Alltagskleidung, Planen, Pferde – und da: eine goldene Krone! Studiert etwa König Richard II. eine Szene ein? Welcher Schauspieler mag das sein? Die Besetzung für die Rolle ist bislang nicht durchgesickert. Und auch in diesem Moment ergibt sich nicht mehr, die Entfernung ist zu groß.
An der Wegkapelle aus Mitteleschenbach galoppieren ein paar Reiter vorbei, während Besucher neugierig zuschauen. Am Straßenrand döst ein Ritter. Die Szenerie wirkt wie in einem Freizeitpark für Mittelalterfans. Da schreckt eine Frau die andächtige Stille auf: „Please, no further. They are filming right now“ – hier wird tatsächlich gerade gedreht. Einige Sekunden später preschen wieder die Reiter vorbei.
Einen Rundgang durchs Museum später bietet sich an der Wegkapelle bereits ein anderes, skurriles Bild: Crewmitglieder beladen einen blauen Pick-up mit Gegenständen, die im ersten Moment wie Körper wirken. Und das sind sie auch, allerdings keine echten: Immer mehr Puppen türmen die Arbeiter auf die Ladefläche des Autos, bis ein Berg entsteht. Mit der Fracht geht es in Richtung Badhaus.
Im Schatten auf einer Wiese werden die Puppen am Boden verteilt. Um die Fotografin nur 50 Meter entfernt schert sich niemand. Kaum zu glauben. Erste Darsteller kommen hinzu, legen sich hin. Ein junger Mann steckt Pfeile in den Boden. Offenbar entsteht gerade ein blutiges Schlachtfeld. Und schon ertönt das ikonische „Action!”
Es vergehen rund zwei Minuten der absoluten Stille. Niemand bewegt sich – wieso auch, immerhin sind sie tot, die aufständischen Bauern. Dann folgt der Ruf „Cut!” Eine Erlösung für die Reporterin, immerhin ist jetzt die Gelegenheit für einige Fotos. Die Darsteller müssen allerdings liegen bleiben. Die Crew überprüft noch, ob die Aufnahmen gepasst haben.
Nach kurzer Zeit ist klar: Die Schauspieler haben noch nicht Feierabend. „One take more, please!“, ruft jemand.