Von der schüchternen Schülerin zur Stimmungsmacherin für Hunderte von Menschen: Nena Polap startet als DJ in Berlin durch. Der Aufbruch von ihrer Heimat Dietenhofen in die Hauptstadt und der Weg zum Traumjob sind geprägt von enthusiastischen Entscheidungen, Rückschlägen und jeder Menge Mut.
Es ist der Tag der letzten Fachabi-Prüfung im Jahr 2019: Die Schülerinnen und Schüler der FOS Ansbach ziehen los, um zu feiern. Eine Absolventin hat jedoch etwas ganz anderes vor: Nena Polap. Noch am selben Tag sucht und findet sie über ein Online-Portal ein Zimmer in Köpenick bei Berlin. Schon am Tag darauf packt sie ihre Taschen und zieht um.
„Ich wollte einfach nicht mehr hier sein“, erzählt Polap rückblickend. Der Zeitpunkt nach der letzten Prüfung schien ihr geeignet: „Jetzt kann ich gehen.“ Eine ähnlich impulsive Entscheidung wird den Lebensweg der heute 24-Jährigen einige Jahre später wieder verändern.
Ich dachte, Berlin ist der Platz, an dem ich mich wohlfühlen kann.“
Warum ausgerechnet die Hauptstadt? „Ich dachte, Berlin ist der Platz, an dem ich mich wohlfühlen kann“, erklärt Polap. Nur ein einziges Mal war sie davor selbst in der Stadt. Das war auf der Abschlussfahrt in der Realschule im Jahr 2015. Ansonsten kannte sie das Leben dort nur aus Instagram und Co.
Schon während ihrer Schulzeit fühlte Polap sich in Mittelfranken nicht daheim – obwohl sie in Ansbach geboren und in Dietenhofen aufgewachsen ist. Sie hatte keinen Platz sich zu entfalten, war eine zurückhaltende Schülerin und wusste nicht, wohin es beruflich gehen sollte. Das Leben hier war ihr zu ländlich, an Berlin dagegen faszinierte sie die Offenheit.
Sie zog also in die Hauptstadt. Doch auch da wurde nicht alles schlagartig besser. Polap erzählt von schweren Phasen: „Als ich in Berlin war, war ich depressiv.“ Freunde und Familie haben gefehlt. Es folgte ein rastloses Leben: Sie arbeitete nacheinander als Hostess, in der Gastronomie, im Personalbereich und im Sales-Management – und kündigte alles wieder. „Ich konnte nie etwas durchziehen“, blickt Nena Polap zurück. Irgendwann war das so schmerzhaft, dass sie einen Neuanfang wagte.
Als sie während des Corona-Lockdowns bei ihren Eltern in Dietenhofen war, entdeckte sie in einem Freundebuch ihren Berufswunsch aus der Kindheit: DJ. In diesem Moment beschloss sie, dass sie Musik machen möchte. Sie bestellte sich also kurzerhand das Equipment und lernte mit Hilfe von Youtube-Videos das Mixen und Scratchen.
Ihr eigener Musikstil ist über mehrere Jahre gewachsen. Polap hat sich schon lange in der Techno-Szene wohlgefühlt. Sie schätzt die Aufgeschlossenheit und Akzeptanz der Menschen. Die Musik fand sie jedoch bald zu eintönig. Sie blieb den elektronischen Klängen zwar treu, wählte aber sanftere und rhythmischere Genres.
Warum sie nicht schon viel früher auf die Idee gekommen ist? „Die Schule fördert keine Selbstständigkeit und keine kreativen Menschen“, findet die junge Frau. Sie hatte als Kind angefangen Klarinette, Gitarre und Keyboard zu spielen, hörte jedoch alles wieder auf – aus der Angst heraus, nicht gut genug zu sein. Dennoch: Kreativ war Polap schon immer.
Mit ihrem DJ-Equipment übte sie jedoch weiter. Dann die nächste Impuls-Entscheidung: An einem Abend stellte sie ihr Handy auf und filmte ein Musikset mit. Das Video verschickte sie direkt im Anschluss an über 70 Clubs, Bars und Veranstalter in Nürnberg, München und Berlin. Schon eine Woche darauf hatte sie ihren ersten Auftritt in einer kleinen Bar in Nürnberg.
Bevor es losging, wurde ihr übel. „Ich war kurz davor wegzurennen“, gibt die 24-Jährige zu. Eine Gage habe sie damals nicht verlangt, erinnert sie sich. Schon einer der folgenden Gigs war dann in einer anderen Größenordnung: die Frankfurter Fashion Week. Es folgte ein Auftritt dem nächsten.
Wenn Polap Musik macht, läuft ein Mix aus Tech House, Afro House und Melodic Techno. Sie beschreibt das als „soft und verträglich“. In der Musik kommen rhythmische Trommeln, ruhiger Gesang und melodische Elemente vor.
Heute ist Nena Polap selbstständig und verdient ihr Geld nur mit der Musik. „Mittlerweile ist das ein Selbstläufer“, meint sie. Zwei bis vier Mal legt sie pro Woche auf. „In den Stammlocations sind so 500 bis 600 Menschen über den Abend verteilt“, schätzt Polap. Der größte Auftritt war im Maui Beach Club in Haltern am See. Rund 1500 Menschen haben Ende April dort zu ihrer Musik getanzt.
Wenn es nach Polap geht, war dies jedoch noch lange nicht alles. Sie möchte ihre „eigenen Grenzen testen und sprengen“. Ein wirkliches Vorbild hat sie deshalb nicht, sie möchte nicht den Erfolgen und Dimensionen anderer nachstreben. Die Großen der Branche dienen ihr als „Inspirationsquellen“.
Auch abseits vom Beruf hat sich im Leben der Musikerin viel getan. Sie geht viel auf Reisen, entdeckt meist allein neue Länder und macht regelmäßig Sport. Weil ihr das Konzept von Miss Germany 2022 gefallen hat, beschloss sie spontan sich zu bewerben – und kam bis zu den Top 80. Von der schüchternen Schülerin ist kaum noch etwas übrig.
In Mittelfranken ist Polap inzwischen nur noch selten. Doch auch hier kann sie jetzt sie selbst sein. Als sie durch Ansbach läuft, sagt sie: „Es ist auch schön, wenn es mal so ruhig ist.“ Nach ein paar Tagen hier sehnt sie sich aber schon wieder nach ihrem neuen Zuhause in Berlin.