Den höchsten Pro-Kopf-Flächenverbrauch hatte 2022 der ländliche Raum Westmittelfranken mit 9,5 Quadratmetern pro Einwohner. Um den Flächenfraß und seine weitreichenden Folgen für Mensch und Natur ging es bei der jüngsten „Grüne Couch“-Veranstaltung in den Kammerspielen.
Der ehemalige Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Ansbach, Wolfgang Kerwagen setzte mit dem politisch und gesellschaftlich relevanten Thema Flächeninanspruchnahme seine von ihm initiierte Veranstaltungsreihe fort. Als Diskussionspartner hatte er Mittelfrankens BBV-Präsident Peter Köninger, Milchviehhalter aus dem Landkreis Fürth, Franziska Wurzinger, Flächensparmanagerin der Regierung von Mittelfranken und Vorsitzende der grünen Stadtratsfraktion in Herrieden, sowie Manuel Döhler, Bürgermeister der Gemeinde Neusitz und ausgebildeter Landwirt, aufs Podium geholt.
Einigkeit herrschte darüber, dass der Flächenfraß in Bayern einer der größten regionalen Umweltprobleme ist. Tag für Tag werden mehr als zwölf Hektar freie Flächen für Siedlungen und Verkehr, Gewerbegebiete, Einkaufszentren, Photovoltaik-Freiflächen verbraucht. Etwa 50 Prozent der Flächen werden komplett versiegelt. Zusätzlich fallen Ausgleichsflächen an, die für die landwirtschaftliche Nutzung verschwinden, hieß es. Seit 1960 sind im Freistaat 840.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche „verloren gegangen“, so Kerwagen.
Die Versiegelung macht Böden undurchlässig für Niederschläge und zerstört die Funktionen wie Wasser- und Kohlenstoffspeicherung, Bodenfruchtbarkeit sowie Lebensraum für heimische und oft gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Werden neue Flächen erschlossen, so folgen neue Straßen, Ortsumfahrungen, Ausdehnung der Ortsränder, während die alten Ortskerne veröden.
Der Neusitzer Bürgermeister zeigte an Sanierungsbeispielen die Bemühungen der Gemeinde um eine Innerortsentwicklung und die gelungene Umnutzung eines ehemaligen TÜV-Gebäudes in einen Dorfladen. Man versuche, auch Leerstände und Restflächen nutzbar zu machen oder Baulücken zu schließen im Innenbereich. Ein früheres Gasthaus wurde zu modernem Wohnraum umgebaut.
Die Bemühungen sind nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass Neusitz in der Nachbarschaft zu Rothenburg und zur Frankenhöhe zunehmend an seine Gemeindegrenzen stößt und Flächen eine endliche Ressource sind. Zur Wahrheit gehört auch, wie der Bürgermeister vor den Zuhörern einräumte, dass man den Wohnungsbau auf der „grünen Wiese“ wegen der Nachfrage fortführe. Die Privilegierung PV-Freiflächen am Ortsrand an Autobahn sehe der Gemeinderat auf Grund des Ausmaßes inzwischen kritisch, so Döhler.
Die beiden Seiten Kommunalpolitik und Landwirtschaft kennt auch Peter Köninger durch sein Engagement auf Gemeinde- und Kreisebene. „So kann es mit dem Flächenverbrauch nicht weitergehen“, meinte er. Der Neusitzer Bürgermeister plädierte für einen „schonenden Umgang“ und für ein „sorgsames Abwägen“ bei der Gemeindeentwicklung.
Flächensparmanagerin Franziska Wurzinger erläuterte die Schwerpunkte ihrer Arbeit bei der Regierung von Mittelfranken. Dazu gehören neben der Beratung für Städte und Gemeinden auch die Ziele der Landesentwicklungsplanung Bayern als Orientierungsrahmen. Zur Reduzierung der Flächeninanspruchnahme hat die Bayerische Staatsregierung 2019 eine „Flächensparoffensive“ ins Leben gerufen.
In der anschließend lebhaften Diskussion schilderten Wortbeiträge aus den Zuhörerreihen eine andere Realität. Als Beispiele führten sie das geplante gigantische Sondernutzungsgebiet Interfranken am Autobahnkreuz Feuchtwangen/Crailsheim an, aber auch die Entstehung der Lager- und Logistikkomplexe in Dombühl und die Ausweitung der Gewerbeflächen in Feuchtwangen um rund elf Hektar. „Steuert man so nicht in die falsche Richtung?“, lautete der Tenor der Zuschauerfragen. Eine Bäuerin vermisst eine deutliche Position von Bauernverbandsvertretern gegen immer neuen Flächenverbrauch. Ein langjähriger Kreisobmann sei sogar ein entschiedener Interfranken-Befürworter gewesen, führte sie aus.
Kritisiert wurde aus dem Publikum, dass klare Vorgaben zur Flächenbegrenzung fehlen und freiwillige Absichtserklärungen nicht funktionieren. Sowohl Landespolitik als auch Landkreise, Städte und Gemeinden würden weiter auf eine überholte Wachstumsstrategie setzen und dabei immer noch mit niedrigen Grundstückspreisen um Einwohner oder Unternehmen konkurrieren.