Viele Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Stunden am Tag am Handy. Kein Wunder also, dass dies ein Thema für Wissenschaft und Politik ist. Auch aufgrund der Aktualität des Themas begrüßte der Vizepräsident der Hochschule Ansbach, Dr. Markus Paul, etwa 100 Interessierte zur zweiten Auflage des Formats Campus Wissen.
Thematisiert wurde die Handy-Nutzung von jungen Menschen und die Frage, wie viel Handy sie vertragen würden, aber auch wie man diese reglementieren könne. Hierzu waren Fachleute aus verschiedenen Feldern vor Ort im Ambrosius Auditorium der Hochschule im Brückencenter, um ihre Perspektive zu beschreiben und anschließend in einer Podiumsdiskussion zusammenzusitzen.
Aus der Perspektive der Wissenschaft gab Professorin Dr. Marion Händel einen Einblick, die seit drei Jahren Medienpsychologie an der Hochschule Ansbach lehrt. Man müsse sich immer die drei Fragen stellen, wann, wo und wozu man das Handy nutze. sagte sie. Auch machte Händel darauf aufmerksam, dass 83 Prozent der befragten Jugendlichen in einer Studie von Vodafone angaben, dass sie über soziale Medien wichtige Lerninhalte finden würden, aber gleichzeitig 75 Prozent der Meinung seien, dass die sozialen Medien sie ablenken würden. Diese Spannungsfelder zu untersuchen, sei nun Aufgabe der Wissenschaft.
Auch ob man eher zu Verboten oder Aufklärungsarbeit tendieren solle, sei ein wichtiges Thema. Eine Überblicksarbeit von 22 Studien ergab, dass man nicht klar sagen könne, dass Verbote an Schulen Leistung und Wohlbefinden der Schüler verbessern: „Ein Smartphone-Verbot ohne Vermittlung von Medienkompetenz erscheint wirkungslos“, berichtete Händel.
Thomas Feibel ist Leiter des Büros für Kindermedien in Berlin. Er sieht Eltern und Schulen in der Verantwortung aufzuklären, schlägt aber auch vor, dass Bibliotheken bei der Medienbildung eine größere Rolle spielen könnten. „Der Begriff der Lesefähigkeit ist besser als der der Medienkompetenz. Jedes Medium muss man anders lesen. Ein Buch liest man linear, ein Lexikon nicht“, erklärte Feibel, „das Internet erfordert seine ganz eigene Lesefähigkeit.“ Auch müsse man sich im Klaren darüber sein, dass auch viele Erwachsene hierbei Probleme haben. Man müsse sich überlegen, was wirklich stimmt und was eigentlich Werbung oder Fake-News ist: „Wir wollen Kinder vor Dingen beschützen, wo wir selbst nicht wissen, wie es geht.“
An eine weitere Sache erinnerten alle drei immer wieder. Man müsse sich im Klaren sein, dass mit den Daten von Kindern, aber auch Erwachsenen, sehr viel Geld gemacht wird: „Oft werden Nachrichten zu einem Shop. Am Anfang sind viele große Zeitungen einfach Online gegangen und haben sich erst später Gedanken gemacht, wie man damit Profit machen kann“, erklärte Feibel. Je mehr die Kinder am Bildschirm kleben, desto mehr ihrer Daten können Zweite weiterverkaufen.
Der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums Nürnberg, Dr. Patrick Nonell, gab Feibel recht: „Macht nicht die Kinder verantwortlich. Man muss das Datengeschäftsmodell erst verstehen und verändern.“ Auch erklärt er die sogenannte „FOMO“, die englische Abkürzung für die Angst, etwas zu verpassen. Wer sein Handy verliert oder weggenommen bekommt, ist nicht mehr vernetzt, dies kann im schlimmsten Fällen zu starken Angstzuständen führen. Eine diagnostizierbare Handysucht gibt es medizinisch nicht. Computerspielsucht hingegen ist diagnostizierbar, der Vergleich hinke aber in Nonells Augen.
Nonell ist es als Psychiater auch wichtig, dass Eltern hier immer Vorbild sind und sich bewusst sind, wie sie selbst ihr Handy nutzen. Man könne zum Beispiel eine handyfreie Küche einführen oder einfach wieder analoge Alternativen wie Wecker oder Uhren benutzen.
In der folgenden Podiumsdiskussion, die von Vizepräsident Paul und der Professorin Dr. Julia Sasse aus dem Studiengang Medienwirkungen und Medienpsychologie geleitet wurde, kamen noch weitere Ideen auf.
Man könne zum Beispiel ab einer gewissen Uhrzeit den Handybildschirm schwarz-weiß stellen, damit einem so die Lust daran vergingen. Am Ende war man sich auch einig, dass man zusammen mit den Kindern Lösungen finden muss, da Verbote sehr schwer seien: „Man müsste die Zeit zurückdrehen. Mit Verboten ab gewissen Altern würde man einige Kinder ausschließen.“ Auch Feibel betonte nochmal, dass es nicht „das eine“ Kind gäbe. Regeln zusammen mit den Kindern zu machen, sei aber ein guter Ansatz für Eltern – dabei aber nicht zu spionieren oder die ganze Zeit zu belehren, sei sehr wichtig.