Zu ihrem 50. Geburtstag hat sich Stefanie Suhr-Meyer im vergangenen Jahr einen Wunsch erfüllt: Sie reiste zum Dia de los Muertos, zum Tag der Toten, nach Mexiko. Der wird nicht düster und traurig begangen, sondern farbenfroh und fröhlich. Stefanie Suhr-Meyer ist Sterbe- und Trauerbegleiterin. Vor dem Tod hat sie keine Angst.
„Es war schon lange mein Traum, den Tag der Toten in Mexiko in der Stadt Oaxaca mitzuerleben. Dort wird er besonders groß gefeiert“, erzählt die Colmbergerin. Sie unternahm die Reise mit ihrem Mann und hatte eine private Führerin gebucht, die das Paar an dem Festtag zu den „coolsten Locations“ brachte. „Wir bekamen die besten Tipps und durften Familien daheim besuchen, die in ihren Häusern Altäre aufgebaut hatten. Dann waren wir natürlich auf dem Friedhof, wo die Gräber mit Kerzen und Blumen üppig geschmückt waren.“
Das Fest findet immer rund um den 31. Oktober und Allerheiligen statt. „Mit Halloween hat es aber nichts zu tun, denn es ist ein ganz traditionelles Fest “, erklärt Stefanie Suhr-Meyer. „Viele Leute verbringen die ganze Nacht auf dem Friedhof, es wird Musik gemacht, getanzt und an den Gräbern gepicknickt. Viele verkleiden und schminken sich im Stil der Skelettfrau La Catrina. Die Idee dahinter ist, dass man den Toten ähneln möchte, um sich die Endlichkeit bewusst zu machen.“
Auch die Mittelfränkin ließ sich als La Catrina schminken und mischte sich unter die Feiernden. „Es war ein total tolles Erlebnis, ein echtes Geschenk für mich.“
Mit dem Tod war die Colmbergerin konfrontiert, als ihr erster Mann mit 34 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb. „Das war schlimm. Es ist natürlich immer ein Drama, wenn jemand so jung stirbt“, sagt sie. „Unsere Kinder waren damals drei, fünf und acht Jahre alt. Ich musste mich meinen Gefühlen stellen, was bedeutete, dass ich mich völlig neu kennengelernt habe. Natürlich kamen Trübsinn, Sehnsucht, Selbstmitleid und auch Wut auf meinen Mann auf, weil er sich aus dem Staub gemacht hatte.“
Sie habe sich „erlaubt zu trauern“, denkt die 50-Jährige zurück. „Ich bin da hindurchgegangen und habe mein Leben neu sortiert. Dabei waren gute Freunde wichtig, bei denen ich meine Gefühle ehrlich zeigen durfte.“
Begegnet war Stefanie Suhr-Meyer dem Tod schon viel früher, wenn auch nicht so unmittelbar. „Meine Oma war Aushilfsleichenfrau in Leutershausen, und ich war oft mit ihr auf dem Friedhof. Dann habe ich im Altenheim Ferienarbeit gemacht, später habe ich Krankenschwester gelernt, und schon während der Ausbildung fand ich die Arbeit mit Schwerkranken am interessantesten.“
Stefanie Suhr-Meyer war eine Zeit lang im ambulanten Pflegedienst tätig, Gespräche mit den Angehörigen von Sterbenden gehörten dazu. „Hier habe ich gemerkt, dass mir diese Art von Begleitung liegt“, sagt sie. „Als ich dann in einem Seniorenheim arbeitete, habe ich mich sehr für die Abschiedskultur eingesetzt und zum Beispiel einen Raum zum Abschiednehmen gestaltet.“
Parallel zu einer Weiterbildung als Palliativpflege-Fachkraft begann Suhr-Meyer, sich ehrenamtlich beim Hospizverein Ansbach zu engagieren. Etliche zusätzliche Fortbildungen folgten, zum Beispiel zum Thema Demenz. Und inzwischen ist die Colmbergerin bundesweit als freiberufliche Dozentin im Gesundheitswesen im Einsatz – als Ausbilderin für Palliativfachkräfte an verschiedenen Akademien. Zudem ist sie freie Trauerrednerin.
Der Terminkalender ist somit voll. Dennoch setzt die 50-Jährige ihr ehrenamtliches Engagement für den Hospizverein Ansbach intensiv fort: mit Sterbebegleitungen, Kindersterbebegleitungen und Trauerbegleitungen, mit Besuchen auf der Palliativstation am Klinikum Ansbach und mit Seminaren an Altenpflege- und Krankenpflegeschulen. Zudem leitet sie eine Selbsthilfegruppe für jung verwitwete Männer und Frauen.
Sind die Begleitungen nicht hart, vor allem bei Kindern? „Es ist viel Not in den Familien, aber es wird auch viel gelacht, wenn ich in einem Kinderhospiz bin“, sagt Stefanie Suhr-Meyer. „Die Dramen sind schon da, ich muss also etwas anderes mitbringen – nämlich Freude und Spaß. Es ist mein Anliegen bei jeder Begleitung, das Leben, das noch bleibt, so gut wie möglich zu gestalten. Die Krankheit ist ja nur ein Baustein des Lebens, nicht das ganze Leben.“
Bei Kindern erstrecke sich eine solche Begleitung oft über Monate oder Jahre, weil sie bereits mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit beginne, schildert Suhr-Meyer. „Die Kinder kennen mich deshalb sehr gut. Das ist eine ganz andere Situation als bei alten Menschen, wo eine Begleitung oft nur wenige Wochen dauert.“
Aber wie kommt sie selber damit klar? „Vor dem Leid habe ich keine Angst. Ich bin empathisch, weiß aber, es ist nicht mein Schicksal. Ich lasse mich berühren, aber ich kann danach wieder aus der Situation gehen. Ich lasse das Elend dort, wo es ist. Mitnehmen kann ich es sowieso nicht.“
Auch die Trauer von Angehörigen könne sie nicht lindern. „Ich kann nichts leichter machen, nur mitgehen kann ich. Hindurchgehen muss jeder selbst.“
Und dabei müsse jeder seinen ganz persönlichen Weg finden, und der sei ebenso unterschiedlich wie das Sterben selbst, meint Suhr-Meyer. „Die Leute sterben, wie sie gelebt haben. Manche sind total d’accord, haben keine Angst, sondern sind voller Vorfreude auf etwas Gutes. Andere kämpfen bis zum Schluss. Oft kommen auch noch ungeklärte Sachen hoch.“
Neben all ihren beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeiten im Bereich der Palliativversorgung engagiert sich die 50-Jährige auch noch als Gemeinderätin für die Grünen in Colmberg. Sie macht sich für die Flüchtlingshilfe stark und ist zudem bei den Kindergottesdiensten aktiv. Beim Ferienprogramm bringt sie sich ebenfalls gerne ein – mit ihrem Spezialgebiet. „Im Sommer waren wir mit den Kindern auf dem Friedhof, haben uns die Gräber und die Bestattungskultur angeschaut und die ältesten Bewohner gesucht“, schildert Suhr-Meyer. „Die Kinder haben wahnsinnig coole Fragen gestellt, und sie durften einen Sarg bemalen.“
Für ihre eigene Beerdigung hat sich Stefanie Suhr-Meyer übrigens schon einen Sarg anfertigen lassen, von dem Allgäuer Künstler Alfred Opiolka. Leuchtend gelb ist er, mit bunten Blumen außen und innen. Am vergangenen Wochenende wurde er geliefert und ins Haus getragen. „Ich nutze ihn jetzt erstmal als Truhe für Arbeitsmaterial“, sagt die Colmbergerin und schmunzelt. „Für eine Stunde Trauerfeier ist er zu schade.“
Und nach dem Tod? „Ich hoffe, dass etwas sehr Schönes kommt. Aber es kommt eben, wie es kommt, da bin ich gechillt. Denn jetzt lebe ich ja und erlaube mir, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Ich freue mich über alle tollen Erlebnisse wie zum Beispiel die Reise nach Mexiko und darüber, dass ich gesund bin.“