Die 19-Jährige Greta Gehringer sitzt entspannt auf dem Sofa in Neustadt, die leicht gewellten Haare tanzen bei ihren lebhaften Schilderungen um ihren Kopf. Wenn sie sich an die Kinder erinnert, die sie während ihres einjährigen Auslandsdienstes in Südamerika kennengelernt hat, beginnen ihre blauen Augen zu leuchten.
Ende Juli kehrte Greta Gehringer von ihrem Auslandsjahr zurück. Organisiert wurde dies vom Kindersmissionswerk „die Sternsinger” der katholischen Kirche. Hier werden junge Menschen im Alter von 18 bis 28 Jahren im Rahmen des „weltwärts”-Programms nach Afrika, Asien und Lateinamerika entsendet, um dort an Projekten in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Umwelt- und Klimaschutz, Menschenrechte, Kultur oder Landwirtschaft mitzuwirken.
So auch bei der Neustädterin, die sich die ersten sechs Monate in Medellín (Kolumbien) im Frauennetzwerk „Republicanas Populares” für politische Bildung und gesellschaftliche Aktionen engagierte. Hier vermittelte sie in einem Freizeitprogramm zweier Schulen in ärmeren Vierteln den Kindern Werte wie Gleichberechtigung. Dann ging es darum, dies in eine musikalische Form umzuwandeln und daraus ein Video und eine Aufführung zu kreieren.
Nach Quito kam sie anschließend durch einen Zufall: In Medellin fiel ihre Aufgabe weg, „Tierra Nueva” in der Landeshauptstadt von Ecuador suchte dagegen Verstärkung. Sie beteiligte sich an einem Integrationsprogramm für Kinder und Jugendliche mit geistigen und vereinzelt körperlichen Behinderungen.
Auch wenn Greta Gehringer zuvor noch keine Erfahrungen in diesem Bereich hatte, schaffte sie es mit ihrer zugewandten, fröhlichen Art, das Vertrauen der Fünf- bis Zwölfjährigen zu gewinnen. „Ein großer Vertrauensbeweis für mich war, als die Kleinen nach einiger Zeit meinen Namen riefen. Die meisten konnten nur einzelne Wörter sprechen. Und dass sie meinen Namen kannten, war für mich das Zeichen, dass ich für sie zu einer Bezugsperson geworden bin”, erinnert sich die junge Frau.
Der Abschied fiel entsprechend schwer, da nicht alle Kinder begriffen, dass sie Greta nach den Ferien nicht wiedersehen würden. Die Bindung an die Schützlinge waren bei einer Erzieherin und einer Freiwilligen, die für sieben Kinder zuständig waren, sehr eng. Die täglichen Aktivitäten wie Physiotherapie und Sprechtraining wurden intensiv begleitet. Auch Alltagsrituale wie Schuhebinden oder Händewaschen mussten geübt werden.
Auf die Frage, ob sie sich in den Ländern unsicher fühlte, antwortet die 19-Jährige, dass sie bei den Kursen in Aachen auf die Kriminalität in den Ländern vorbereitet worden war. „Ich hatte die Erwartung, dass man in Kolumbien mehr aufpassen muss. Die Sicherheitslage ist in Quito und Medellín gleich. Trotzdem habe ich die Lage in Ecuador als angespannter erlebt. Hier kam es für mich auch zur gefährlichsten Situation meiner Reise: Ein Mann stand plötzlich vor mir, zog ein Messer und bedrohte mich. Ich gab ihm mein Smartphone. Natürlich hatte ich in der Situation Angst und fühlte mich in den Tagen danach unsicher.”
Alsbald erlangte Greta Gehringer dann aber ihre gewohnte Unbeschwertheit wieder. Auch mit einer anderen, nicht alltäglichen Situation ging sie souverän um: „Ganz zu Anfang habe ich die Aufgabe bekommen, einen Text aus dem Spanischen ins Englische zu übersetzen. Der Artikel handelte von Femiziden in Kolumbien”, erzählt sie nachdenklich.
Für sie überwogen jedoch zu jeder Zeit die positiven Aspekte der Länder: Voller Freude erzählt sie von der offenen, herzlichen Art der Einheimischen, dass sie in den Gastfamilien von Beginn an wie eine Tochter behandelt wurde, von netten Plaudereien mit Taxifahrern und Ausflügen mit einer Erzieherin zu Aussichtspunkten in Medellín, welche auch als „Stadt des ewigen Frühlings” bekannt ist.
Auch Sprachbarrieren waren für die junge Frau kein wirkliches Problem. Spanischkenntnisse auf B1-Niveau werden für den Aufenthalt in Ecuador und Kolumbien vorausgesetzt, im Land selbst lernte Greta Gehringer jedoch sehr schnell, sich zu verständigen.
Was nimmt Greta Gehringer aus ihrem Auslandsaufenthalt mit? „Meinen dicken Alpaka-Wollschal, ohne den ich in Ecuador nicht aus dem Haus lief, Kaffee aus Kolumbien und viele, viele Erinnerungen”, so die Frohnatur.
„Was mir nach meiner Rückkehr in Deutschland sofort auffiel, war die Stille. In Quito und Medellín spielte überall Musik, wo man auch war, und das ziemlich laut. Als ich nach Berlin zurückkehrte, war es schlagartig still. Von Neustadt ganz zu schweigen”, lacht die 19-Jährige.
Die Arbeit mit den Kindern habe sie sehr geprägt, sagt Greta Gehringer. Hatte sie vor ihrer Reise noch keine konkreten Zukunftspläne, so steht nun für sie fest: Sie wird ein Lehramtsstudium beginnen.