Seit 30 Jahren bietet der Ansbacher Verein Rauhreif Hilfe bei sexualisierter Gewalt. Der Bedarf ist so hoch, dass die Beratungsstelle eigentlich zusätzliches Personal benötigen würde. Dennoch steht der Verein vor dem Aus. Es sei denn, es gelingt, bis zum Sommer ausreichend verlässlich planbare finanzielle Unterstützung zu generieren.
Die Sozialpädagogin Christine Schwab, seit zehn Jahren Fachkraft in der Beratung bei Rauhreif, und der Vereinsvorsitzende Dr. Eckhard Göritz, sind frustriert. Zwar bekommen sie von allen Seiten gesagt, wie wichtig die Arbeit ist, die Rauhreif seit drei Jahrzehnten leistet, und der Bedarf an den Beratungs- und Präventionsangeboten ist so hoch, dass der Verein ihn gar nicht stemmen kann, ohne Personal aufzustocken. Doch um die Zukunft des Vereins zu sichern, muss Rauhreif es schaffen, in die Personalkostenförderung des Freistaats Bayern zu kommen.
„Wir machen unsere Arbeit wirklich gerne“, sagt Christine Schwab. „Aber es ist belastend, jedes Jahr aufs Neue nicht zu wissen, ob das Geld reicht, damit wir unsere Jobs behalten können.“
Bei Rauhreif angestellt sind mittlerweile drei Fachkräfte in Teilzeit, die insgesamt 60 Stunden pro Woche arbeiten, sowie eine Bürokraft mit acht Stunden. Bis 2022 waren die Stellen alle auf ein Jahr befristet. Das sind sie jetzt nicht mehr. „Aber was hilft uns das, wenn kein Geld da ist und der Verein irgendwann insolvent ist?“, gibt Schwab zu bedenken. Schon im vorigen Jahr habe Rauhreif Defizite in Höhe von 15.000 Euro aus Rücklagen ausgleichen müssen. Noch seien zwar Rücklagen vorhanden, aber die seien auch irgendwann aufgebraucht.
„Um in die Personalkostenförderung zu kommen, müssen wir zwei Hürden meistern“, sagt Göritz: Es müsse gelingen, jährlich verlässlich 66.000 Euro kommunale Zuschüsse zu bekommen. Außerdem müsste der Verein 80 Stunden an Beratung von Fachkräften bewältigen. Nur unter diesen Bedingungen besteht eine Chance auf die staatliche Personalkostenförderung. Mit ihr übernimmt das Land Bayern 50 Prozent der Personalkosten.
„Dadurch wären die Angebote der Beratungsstelle langfristig gesichert und könnten weiter ausgebaut werden“, sagt Christine Schwab. Die Krux für den Verein: Die kommunalen Fördermaßnahmen belaufen sich derzeit nur auf 40.000 Euro. Außerdem fehlen dem Verein derzeit 20 Stunden in der Beratung.
Um an die fehlenden 26.000 Euro aus kommunaler Förderung zu kommen, wird Rauhreif laut Göritz in Kürze alle Bürgermeister im Landkreis anschreiben und ihre Gemeinden um Hilfe bitten. „Wenn wir es schaffen würden, 25 bis 30 Cent pro Einwohner zu bekommen, würden wir den fehlenden Betrag zusammenbekommen“, sagt er.
Rauhreif ist eine von ganz wenigen Beratungsstellen in Bayern, die nicht in der staatlichen Personalförderung sind. „Die Förderung würde einen Betrag in Höhe von 160.000 Euro ausmachen“, verrät Göritz. Zehn Prozent müssen wir aus eigenen Mitteln beisteuern, der Rest käme vom Freistaat und von Kommunen.
Problematisch für den Verein sei auch, dass er, um in die Personalförderung zu kommen, eine weitere Fachkraft in 20 Stunden anstellen und einstweilen vorfinanzieren muss. Um nächstes Jahr in die Personalförderung zu kommen, muss der Verein im Herbst einen entsprechenden Antrag stellen und bis dahin alle beiden Hürden überwunden haben.
Sicher ist jedoch: „Wir werden weiterhin auf Bußgelder und Spenden angewiesen sein“, betont Christine Schwab.
Ohne finanzielle Sicherheit stehen die Beratungsstelle und die Unterstützung für betroffene Menschen in Stadt und Landkreis Ansbach vor dem Aus. Dabei hat Rauhreif sein Angebot 2020 und 2021 ausgebaut. Dank einer Bundesfinanzierung. Denn der Verein wurde damals ausgewählt, als eine von nur acht Beratungsstellen am Modellprojekt „Wir vor Ort gegen sexualisierte Gewalt“ des Bundesfamilienministeriums teilzunehmen. Ziel war es, die Beratungs- und Präventionsangebote im ländlich geprägten Raum zu verbessern und auszubauen.
Damit konnte eine weitere Mitarbeiterin eingestellt werden. Präventionsangebote wurden weiterentwickelt und neu konzipiert, die telefonischen Beratungszeiten ausgeweitet, eine Onlineberatung etabliert und eine Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen.
Die ehrenamtliche Vorstandschaft, auf der, wie Christine Schwab betont, eine enorme Verantwortung laste, und die Mitarbeiterinnen von Rauhreif hoffen auf eine gute Zukunft der Beratungsstelle. Ideen gebe es nämlich genug. Inhaltlich solle es darum gehen, in der Prävention weitere Zielgruppen – etwa Kindertagesstätten, behinderte oder geflüchtete Menschen, in den Blick zu nehmen, erläutert die Sozialpädagogin. Außerdem würde Rauhreif gerne eine Außensprechstunde im Landkreis anbieten.
Sie gibt zu bedenken: Jeder achte Bürger in Deutschland ist laut Studien irgendwann im Leben von sexualisierter Gewalt betroffen. Und man gehe davon aus, dass in jeder Klasse ein betroffenes Kind sitzt. „Sexualisierte Gewalt ist nicht irgendwo draußen. Sie findet hier bei uns in Familien in der Stadt und im Landkreis Ansbach statt.“
Das steht an:
Anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Beratungsstelle veranstaltet Rauhreif am 27. April eine Fachtagung in der Dinkelsbühler Schranne. Sie richtet sich an pädagogische Fachkräfte aus Schule und Kita sowie an Ärzte, (Schul-)Psychologen und Psychiater. Am Abend hält die Diplom-Pädagogin Barbara Kerzel-Horn von Rauhreif einen Fachvortrag. Das genau Programm wird noch bekanntgegeben.
Außerdem plant Rauhreif in Kooperation mit dem Kunsthaus Reitbahn 3 in Ansbach vom 5. bis zum 23. Mai eine Ausstellung mit Gemälden von Thalia Ruby Hahn. Die junge Frau gewann voriges Jahr den Jugendförderpreis für Bildende Kunst der Stadt Ansbach. In ihren Bildern verarbeitet sie traumatische Erlebnisse aus ihrer Kindheit.
Ferner würde sich das Rauhreif-Team freuen, wenn sich ein Sponsor für eine stabile rote Bank finden würde. Die Idee der „Panchina Rossa“ stammt aus Italien. Das Projekt startete 2016. Damals wurde erstmals eine rote Bank aufgestellt, um Menschen für das Thema geschlechtsspezifische Gewalt zu sensibilisieren. Seither sind rote Bänke in vielen Städten Europas zu sehen. Das Rauhreif-Team wünscht sich, solch eine rote Bank auch in Ansbach im öffentlichen Raum aufstellen zu dürfen und will die Bank zu Veranstaltungen mitnehmen.