Sie ist weit mehr als nur die Bibliothek der Neustädter Stadtkirche. Sie beherbergt Schätze vergangener Jahrhunderte. Während der Renovierungs-arbeiten sind diese im Landeskirchlichen Archiv in Nürnberg eingelagert. Einige Exemplare konnten nun beim Festakt zum 500. Geburtstag der Bibliothek trotzdem angeschaut werden.
Darunter etwa ein altniederländisches Stundenbuch von 1464 auf Pergament. Es zeichnet sich durch etliche Initialen und farbige Randverzierungen aus. Zu sehen war ferner ein Messbuch von 1491. Ein wahrer Schatz und Hingucker ist auch das Buch der Chroniken und Geschichten von 1493. Die Schedel'sche Weltchronik enthält mehr als 1900 prachtvolle Holzschnitte.
Wie den beiliegenden Info-Zetteln zu entnehmen war, gilt dieser Band als eine der aufwendigsten und schönsten Inkunabeln. Darunter versteht man Werke aus der Frühzeit des Buchdrucks (vor 1500). Stolz ist man in Neustadt, auch die erste überhaupt gedruckte jüdische Grammatik zu besitzen, die der bedeutende Gelehrte Elias Levita 1543 herausgebracht hatte.
Wie viele literarische Zeugen der Vergangenheit die Kirchenbibliothek beherbergt, führte die stellvertretende Vorsitzende des Förderkreises „Kirchenbibliothek” der evangelischen Kirchengemeinde Cristina-Gabriela Leiding, stellvertretend für den erkrankten Vorsitzenden Dr. Wolfgang Mück, aus. Tausende Bände, historische Drucke sowie Handschriften und rund 250 Manuskripte gibt es. Das älteste Fragment ist mehr als 1000 Jahre alt.
Angelegt wurde die Kirchenbibliothek während des Bauernkrieges 1525. Zu dieser Zeit brannten das Schloss in Dachsbach ebenso wie die Klöster Birkenfeld und Riedfeld nieder, riefen Leiding und zuvor auch Bürgermeister Klaus Meier in Erinnerung. Die Franziskaner aus dem Riedfelder Kloster schafften es noch, ihre Bücher nach Neustadt zu retten.
Nachdem das Kloster nicht wieder aufgebaut wurde, blieben die wertvollen Werke dort und wurden in den Räumlichkeiten über der Sakristei aufbewahrt – bis heute. „Die Bibliothek war offensichtlich von Gott gut behütet, überstand sie doch alle Kriege”, so Meier.
Leiding griff einige Beispiele aus dem umfassenden Bestand heraus, der über die Jahrhunderte gewachsen war. Erwähnt wurde etwa das Werk von Roswitha von Gandersheim (935–980), die Schedel'sche Weltchronik, Werke aus der Reformationszeit, Briefe Luthers, die hebräische Grammatik und die Kettenbücher, von denen eines zur Ansicht bereitlag.
Was es damit auf sich hat, erläuterte Leiding. Mittels einer Kette, die in einer Halterung am Pult oder Buchregal befestigt wurde, sicherte man die wertvollen Bücher, die Wissensspeicher ihrer Zeit waren, gegen Diebstahl. Die Werke wurden bis dahin allesamt per Hand geschrieben und reich illustriert.
Die Bibliothek wuchs mit der Zeit. Das ist sicherlich, so Leiding, Dekan Georg Leutner zu verdanken, der jeden Geistlichen des Dekanats verpflichtete, eines seiner besten Bücher abzugeben. So wuchs der Bestand bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts auf 1000 Bände. Es waren keinesfalls nur theologische Werke. Auch aus den Bereichen Historie, Recht und Medizin gesellten sich wertvolle Stücke hinzu.
Superintendent Georg Matthäus Schnizzer, der 50 Jahre in Neustadt gewirkt hatte, erwarb auf eigene Kosten viele Werke und Manuskripte und übergab vieles aus dem Familienbesitz der Bibliothek. Der Brauch, ein Buch abzugeben, kam im 19./20. Jahrhundert zum Erliegen.
Auf die Bedeutung des wertvollen Archivs ging auch der stellvertretende Landrat Reinhard Streng ein. Er wies darauf hin, dass der Buchdruck der Eckpfeiler der Entwicklung der modernen Zivilisation gewesen sei. Dieser Schritt förderte die Verbreitung des Wissens, veränderte religiöse und politische Strukturen, unterstützte die Entwicklung von Wissenschaft und Literatur. Er trug ferner maßgeblich zur Demokratisierung des Wissens bei und stieß grundlegende Veränderungen an, die bis heute die Gesellschaft prägen, so Streng, und das trotz der gegenwärtigen Übergangszeit zur digitalen Informationsgesellschaft.
Als Problem nannte er, dass sich Fakten und Wissen von Behauptungen und Meinungen immer schlechter unterscheiden ließen. „Das macht uns große Sorgen.” Statt zur Demokratisierung der Welt beizutragen, mehrten sich Bedenken, dass genau das Gegenteil der Fall sein könnte. Diese Emotionalisierung könne, so der stellvertretende Landrat, irrationale Entscheidungen auslösen und zu gesellschaftlichen Problemen führen.
Auf den besonderen Wert der Kirchenbibliothek ging auch Bürgermeister Klaus Meier ein. Der originale historische Zusammenhang sei noch erhalten und dank der handschriftlichen Vermerke konkreten Personen aus der Stadt und dem Umland zuzuordnen. Besonders stolz sei man auf die Originalbriefe von Martin Luther neben den vielen anderen kostbaren Bestandteilen der wertvollen Sammlung.
Dank sagten der Bürgermeister und später auch Leiding Reinhold Ohlmann, der seit 1965 die Bücher betreut und fachliche Auskünfte erteilt. „Das tut er mit viel Herzblut und Hingabe. Das ist eine schier unglaubliche Leistung für unser Gemeinwohl”, stellte Meier fest.
Der Bürgermeister würdigte ferner die Arbeit des Förderkreises Kirchenbibliothek. Dieser habe es sich zur Aufgabe gesetzt, die evangelische Kirchengemeinde bei den Kosten, die zum Erhalt der wertvollen Bibliothek entstehen, mit Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Sponsorengeldern zu unterstützen. In seinen Dank schloss er die Manfred-Roth-Stiftung ein, die die Sanierung des Raums unterstützt, und die Messerschmitt-Stiftung, die die Sanierung des Kärnters, des wohl ältesten Gebäudes der Stadt, finanziell mitträgt. Meier sprach die Hoffnung aus, dass der Rückführung des Kirchenschatzes nun bald nichts mehr im Wege steht.
Das hofft auch Pfarrer Christian Schäfer, der, wie er sagte, eine ganze Bibliothek dabei hatte. In dem Fall war es eine Bibel, ein Buch mit sieben Siegeln, wie er sagte. Die Bibliothek sei nie eine Gemeinde-, sondern eine Universalbibliothek gewesen. Der Buchdruck, der mit Luther gekommen sei, habe es ermöglicht, dass jeder, der lesen konnte, „sich bilden und seinen Reim aufs Leben machen konnte”. Literatur habe einen materiellen und einen tatsächlichen Wert. Denn: „Bücher sind der Versuch, Gedanken zu bewahren, sie lebendig zu halten.”