Die Molkerei in Ippesheim – weit mehr als ein ortsansässiges Gewerbe | FLZ.de

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Veröffentlicht am 13.01.2026 15:29

Die Molkerei in Ippesheim – weit mehr als ein ortsansässiges Gewerbe

So sah das Molkereigebäude um 1960 aus, noch ohne Vordach über der Rampe, doch ansonsten ist das heutige Gebäude schon gut zu erkennen.  (Foto: unbekannt (übermittelt von Karl Schmidt))
So sah das Molkereigebäude um 1960 aus, noch ohne Vordach über der Rampe, doch ansonsten ist das heutige Gebäude schon gut zu erkennen. (Foto: unbekannt (übermittelt von Karl Schmidt))
So sah das Molkereigebäude um 1960 aus, noch ohne Vordach über der Rampe, doch ansonsten ist das heutige Gebäude schon gut zu erkennen. (Foto: unbekannt (übermittelt von Karl Schmidt))

Norbert Geuder ist mit seinem Bruder Eigentümer eines Gebäudes, das für Ippesheim eine große Bedeutung hat. Von etwa 1903 bis 1972 war darin die Molkerei untergebracht, bis 1983 diente es noch als Milchsammelstelle. Ein Bericht über ein „Dorfgemeinschaftshaus” aus früheren Tagen.

Geuder bereitete die Geschichte der Molkerei, die mit mehr als 20 Angestellten zeitweise eine wichtige Arbeitgeberin im Dorf war, unterhaltsam auf und weitete dabei den Blick über Ippesheim hinaus auf die allgemeine Entwicklung. Deutschlandweit hatte es 1950 noch 3400 Molkereien gegeben, 65 Jahre später waren es nur noch 70, darunter keine einzige mehr im Altlandkreis Uffenheim. Ganz anders Ende der 1930er Jahre, als allein dort fünf Molkereien existierten: neben Ippesheim in Uffenheim, Bad Windsheim, Unternzenn und Ipsheim.

Fünf Landwirte gründen eigene Molkerei

In Ippesheim waren es fünf Landwirte, die 1900 eine eigene Molkerei gründeten, vermutlich nach dem Modell der Genossenschaften: der Bauer Johann Leonhard Rahn, der Webermeister, Unterhändler und Landwirt Johann Georg Schlee, der Bierbrauer, Wirt und Bauer Johann Friedrich Spöhrer, der Bauer und spätere Bürgermeister Andreas Wießner sowie der Zimmerermeister Johann Michael Zinßer. Das Haus wurde vom Bauer und Gütler Friedrich Allmoslechner gekauft.

„Der kleine Betrieb lief langsam an. Es wurden zwei Mädchen als Helferinnen angestellt“, schreibt Ludwig Reizlein in seiner Dorfchronik. Butter wurde bis nach Dresden verkauft und mit der Bahn dorthin transportiert. „Den fünf Unternehmern fehlte aber noch der betriebliche und wirtschaftliche, unternehmerische Überblick, und so kam es dazu, dass schon nach fünf Jahren der Verkauf in Erwägung gezogen wurde.“ So geriet die Molkerei über die Witwe Allmoslechner schnell in den Besitz Auswärtiger: Der zweite Besitzer hielt die Molkerei sechs, der dritte sieben Jahre. Erst 1919 begann mit dem Molkereifachmann und Milchhändler Hugo Gressert aus Würzburg eine Phase der Stabilität.

TBC-Erreger-freie Milch gibt einen Pfennig extra

Eine Nebenwirkung der zentralen Milchverarbeitung sei der Verlust der geschmacklichen Vielfalt gewesen, berichtet Geuder: Statt der Holz-Butterfässer mit eigenen Bakterienstämmen wurden Zentrifugen und Butterfertiger aus Edelstahl verwendet. Man kann es auch positiver sehen: Die hygienischen Standards wurden erhöht. Geuder hat Zettel gefunden, auf denen rostige Deckel und dreckige Milchkannen moniert wurden. Bei der Milchpreisberechnung gab es noch einen Pfennig extra, wenn die angelieferte Milch frei von TBC-Erregern war.

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In der Molkerei in Ippesheim wurde nicht nur die Milch von den ortsansässigen Bauern verarbeitet, sondern auch jene aus Bullenheim, Frankenberg, Geckenheim, Geißlingen, Gollachostheim, Gollhofen, Gülchsheim, Hemmersheim, Herrnberchtheim, , Lipprichhausen, Oberickelsheim, Pfahlenheim, Reusch, Rodheim, Seinsheim, Unterickelsheim und Weigenheim.

Zwang zur Lieferung in den 1930er Jahren

Ab den 1930er Jahren wurden die milchviehhaltenden Betriebe über die sogenannte „Agrarkartellierung“ gezwungen, ihre Milch an eine bestimmte Molkerei innerhalb eines Einzugsgebietes abzuliefern. Ziel war die autarke Versorgung der Bevölkerung im Kriegsfall.1936 ging die Molkerei in Uffenheim in Betrieb und einige der Ortschaften, die zuvor nach Ippesheim geliefert hatten, wurden nach Uffenheim verwiesen. Zum Ausgleich lieferten Enheim, Gnodstadt, Gnötzheim, Herrnsheim, Hüttenheim, Iffigheim, Martinsheim, Wässerndorf und Winkelhof neu nach Ippesheim.

Die Unternzenner Molkerei entstand in etwa gleichzeitig mit der in Ippesheim; Bad Windsheim und Uffenheim sind jünger, wurden aber schnell größer als ihre Vorgänger. Nach alten Unterlagen zum „Reichsnährstand“ von 1939 gab es damals insgesamt 299 Kühe in Ippesheim, wobei der größte Bauer gerade mal acht Kühe im Stall hatte.

Kannen von 15 bis 20 Liter

Die Milch wurde in Kannen von 15 oder 20 Litern angeliefert und mit einem Rollband zur Waagschale transportiert. Dort wurde der Inhalt gewogen und die Menge auf der jeweiligen Lieferkarte eingetragen.

Der Milchprüfer entnahm acht Kubikzentimeter zur Bestimmung des Fettgehalts und überprüfte die Qualität, also den Schmutzgehalt, die Frische oder ob Krankheitserreger enthalten waren. Dann wurde die Milch auf 40 Grad erhitzt, in der Zentrifuge entrahmt und durch den Filter-Vorgang gereinigt. Bei 72 bis 74 Grad wurde die Milch dann durch Pasteurisieren haltbar gemacht und danach im Tiefkühlbecken für die Lagerung und den Versand vorbereitet.

Ein-Liter-Sahne-Beutel ist sehr beliebt

In Ippesheim wurde die ganze Palette an Molkereiprodukten produziert: von Butter über Buttermilch und Quark zu den Käsesorten Tilsiter, Limburger und Romadur. Geuder erinnert sich noch an den Ein-Liter-Sahne-Beutel, der sich besonders zur Erdbeerzeit großer Beliebtheit erfreute. Nach Gebrauch wurden in seiner Familie die Beutel recycelt – Himbeeren und andere Früchte wurden darin eingefroren.

Das Gebäude wurde in der Folge immer wieder umgebaut: Wohngeschosse wurden aufgestockt, ein Schweinestall angebaut. 1950 wurde neben der Molkerei das Trafohäuschen errichtet. 1952 übernahmen die Söhne Otto und Peter Gressert die Molkerei. Otto Gressert wohnte mit seiner Familie bis zu seinem Tod auch darin.

Nicht nur die Jugend trifft sich an der Rampe

1972 wurde der Molkereibetrieb eingestellt, doch bis 1983 war darin noch die Milchsammelstelle der MohaMilchwerke in Frankfurt mit vier Angestellten zu finden. Statt des Rollbands wurde ein Saugsystem für die Milch installiert.

Der 55-jährige Norbert Geuder erinnert sich noch, wie er als kleiner Bub die Milchkannen zur Molkerei in der Mühlstraße brachte. Das war auch die Gelegenheit zum Austausch der neuesten Nachrichten. „Gerade am Abend war die jüngere Generation häufig mit dem Milchabliefern betraut”, berichtet er. „Für die war es eine gute Gelegenheit, sich mit anderen zu treffen, Neuigkeiten zu erfahren und etwas zu tratschen.” Da bis in die 1970er Jahre fast jeder zumindest noch ein oder zwei Kühe im Stall stehen hatte, fand fast jede Familie innerhalb der Ablieferstunde den Weg mit dem „Milchwägele” zur Molkerei, wo hoher Andrang herrschte.

Gerade die Jugend sei anschließend noch häufig an der Rampe sitzen geblieben. Selbst die „milchviehlosen“ Zeitgenossen fanden dann häufig den Weg dorthin und gesellten sich hinzu, erinnert er sich. Manchmal startete man dann direkt von dort zu weiteren abendlichen Unternehmungen – inklusive der geleerten Milchkannen und gegebenenfalls Milchwägelchen.

1983 wurde ein Liefervertrag mit den „Zott Milchwerken” in Mertingen bei Günzburg geschlossen, die Molkerei schloss endgültig. 1991 kauften die Eltern von Norbert Geuder die Molkerei und nutzten das Gebäude privat.

Der Artikel basiert auf einem Vortrag, den Norbert Geuder Mitte Dezember anlässlich des „1200+5”-jährigen Jubiläums in Ippesheim gehalten hat. Seine Quellen waren Gespräche mit Ludwig Reizlein, Oskar Oppitz und Karl Schmidt sowie eigene Unterlagen.


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
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