Wie verändert sich die Wahrnehmung? Was passiert, wenn die Realität ins Wanken gerät? Antworten darauf gibt die Ausstellung „Verrutscht“, die derzeit im Kunsthaus R3 in Ansbach zu sehen ist. Kuratiert wurde sie von der Künstlerin Silke Aurora, die einst in Ansbach lebte und nun als Mittlerin zwischen der luxemburgischen Kunstszene und Franken tätig ist.
Es ist eine Ausstellung, die keinen roten Teppich webt, sondern viele Fäden spinnt. Fäden, die sich kreuzen, verheddern, manchmal reißen – und trotzdem eine Verbindung schaffen. Vertreten ist die Luxemburger Künstlervereinigung ARC, gegründet 1959, mit einer Auswahl von Werken ihrer aktuellen Mitglieder. Insgesamt zählt die Gruppe rund 60 Kunstschaffende und hat sich über Jahrzehnte als konstanter Akteur in der Kunstszene Luxemburgs etabliert. Dass ihre Werke nun ausgerechnet in Ansbach Station machen, ist auch Silke Aurora zu verdanken, die das Ansbacher Kunsthaus kennt und hier bereits ausgestellt hat.
Das Spektrum der Arbeiten ist breit. Linoldrucke treffen auf großformatige Acrylgemälde, feine Kohlezeichnungen hängen neben spiegelnden Fotoarbeiten. Fotografien auf Alu Dibond, mit glänzender Oberfläche und satten Farben, geben der Ausstellung etwas Zeitgenössisches – fast Digitales. Acrylmalerei und Kohlezeichnungen erinnern dagegen an klassische Ausdrucksformen, die hier neu interpretiert werden.
Schon beim Betreten der Ausstellungsräume zieht eine Werkserie den Blick förmlich an: Am Ende des Raums leuchten die farbintensiven Fotografien von Stefan Seffrin, in denen ein Mann in einem weißen Raumanzug zu sehen ist. Die Serie trägt den Titel „Psychonaut“ – eine assoziative Reise ins Innere, in ferne oder vielleicht ganz nah liegende Bewusstseinsräume.
Ein paar Schritte weiter geht es vom Kosmos zurück auf den Boden – allerdings nicht minder komplex. Dort, an der rechten Wand, reihen sich zahlreiche Zeichnungen aneinander. In ihrer Fülle und der engen Hängung erinnern sie an Wimmelbilder: vielgestaltig, fragmentarisch, aufgeladen mit Details. In anderen Räumen dann wieder eine ganz andere Sprache: Linolschnitte, kontrastreich und mit expressiven Umrissen, zeigen abstrahierte Körper – oft weiblich konnotiert.
Tatsächlich scheint die Darstellung des weiblichen Körpers eines der wenigen verbindenden Motive dieser sehr unterschiedlichen Positionen zu sein. Mal erscheint er als verwaschenes Porträt auf Leinwand, mal als fotografisches Fragment, dann wieder als abstrahierte Silhouette im Linolschnitt. Doch eine klare thematische Linie sucht man vergebens – und vielleicht ist genau das der Punkt.
„Verrutscht“ heißt die Ausstellung nicht ohne Grund. Laut der Website des Kulturforums Ansbach wollen die Künstlerinnen und Künstler mit Mitteln wie Spiegelung, Verzerrung und Mehrfachbelichtung spielen. Bewegung, Überlappung und Verschiebung werden nicht nur formal eingesetzt, sondern auch inhaltlich befragt.
Was bleibt übrig, wenn Identität, Erinnerung oder Perspektive aus dem Gleichgewicht geraten? Dabei wirkt jede Arbeit für sich. „Die Werke und Konzepte der Künstler wirken für sich selbst. Um sie einschätzen zu können, müssen sie isoliert betrachtet werden“, heißt es treffend im Begleittext. Und doch entsteht – bei aller Unterschiedlichkeit – ein Spannungsfeld zwischen Verletzlichkeit, Isolation und Unsichtbarkeit, wie es die Kuratorin Silke Aurora beschreibt. Durch Schichtung und Materialtransformation wird das scheinbar Feste durchlässig, das Sichtbare hinterfragt.
Die Ausstellung balanciert zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Reibung und Harmonie. Und sie fordert dazu auf, sich selbst zu hinterfragen.
Die Ausstellung „Verrutscht“ ist bis zum 22. Juni im Ansbacher Kunsthaus Reitbahn 3 zu sehen. Geöffnet ist Mittwoch und Samstag von 10 bis 13 Uhr und von 14 bis 17 Uhr, Donnerstag, Freitag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr.