Eli Wasserscheid lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Ein ums andere Mal führt sie, barfuß am Schreibtisch sitzend, ein imaginäres Handy-Telefonat. In ihrer Rolle als Kommissarin Wanda Goldwasser ermittelt sie in einem Mordfall – und das im FLZ-Gebäude, mitten in Ansbach. Es ist einer der Drehorte für den jüngsten Franken-Tatort.
Wo sonst ausgemusterte Möbel lagern und Topfpflanzen überwintern, ist ein Großraumbüro samt Konferenzraum entstanden: Acht Schreibtische in Vierer-Formation, reihenweise Aktenordner, eine etwas zerrupfte Zimmerpalme als einziger Farbtupfer in monotonem Grau und Anthrazit.
Die Tristesse einer deutschen Polizei-Amtsstube, durchbrochen nur von ein paar verspielten Details wie einer Alien-Tasse oder einem Vier-Gewinnt-Spiel. Und alles echt: Möbelhaus-Attrappen aus Pappe finden sich in dem Kommissariat auf Zeit nicht.
Wasserscheid alias Goldwasser sticht mit ihrem rosaroten Oberteil etwas heraus – im Gegensatz zu ihrer Kollegin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und ihrem Chef, Polizeipräsident Dr. Mirko Kaiser (Stefan Merki), beide ganz in Schwarz. „Ruhe bitte im Haus, wir drehen“, ruft der Regieassistent, „Ton ab!“.
„Ton läuft“, schallt es zurück aus dem Vorraum, in dem technisches Equipment kaum ein Durchkommen lässt. „Und bitte“, folgt das Kommando von Regisseur Michael Krummenacher, der das Kamerabild auf einem Monitor verfolgt. Szene 91-3, die Dritte. Klappe. Wanda telefoniert.
Im düsteren Flur vor dem Kripo-Büro wartet Stefan Merki hoch konzentriert auf seinen Einsatz. Gerade hat ihm die Maskenbildnerin nochmal schnell die Haare gezupft und das Gesicht getupft, während er sich murmelnd den Text zurechtlegte. „Ich hab schon gehört, dass es da Unterschiede gibt zwischen Mittelfranken und der Oberpfalz“, lautet einer seiner drei Sätze. Einer mit Tücken. Set-Aufnahmeleiter Paul Beck tippt dem Schweizer Schauspieler auf die Schulter: Dr. Kaiser marschiert energischen Schrittes los.
„Und gleich nochmal, bitte“, wünscht der Regisseur am Ende des kurzen Chef-Auftrittes im Büro. Stefan Merki hatte einen Dreher drin. „Totale Verwirrung – Ober-, Unter-, Mittelfranken“, sagt er grinsend und begibt sich zurück auf seine Startposition. Klappe, die Vierte.
Zwei Durchgänge noch, dann ist die Szene im Kasten. Das heißt: Aus dieser Kameraperspektive. Jetzt wird umgebaut. Wartepause für Merki und Wasserscheid, während Michael Krummenacher und Kameramann Jakob Wiessner die nächste Einstellung besprechen. Die ist nicht etwa ein Zufallsprodukt, das vor Ort entsteht, sondern im Drehplan bereits ziemlich präzise vorgegeben.
Totale Verwirrung: Ober-, Unter-, Mittelfranken.
Wieviel ist also Handwerk beim Entstehen einer Tatort-Folge, und wieviel Raum bleibt für Kunst und Kreativität? „Schwierige Frage“, sagt der Regisseur im bunten Heavy-Metal-T-Shirt: „Zum Film gehört immer beides.“ Eine möglichst gute Vorbereitung diene auch dazu, Raum zu schaffen für Spontanität am Set.
Doch die findet ihre Grenzen im straffen Zeitplan. Eine Szene beliebig oft zu wiederholen, das lässt die enge Taktung nicht zu. Acht Szenen müssen an diesem Tag abgedreht werden. „Wir haben uns ja schließlich auch an Arbeitszeitgesetze zu halten“, sagt Producerin Mariella Santibáñez von der Berliner Produktionsfirma X Filme Creative Pool, die im Auftrag des Bayerischen Rundfunks die neunte Folge des Franken-Tatortes mit dem Titel „Hochamt für Toni“ dreht.
Im FLZ-Abstellraum-Polizeipräsidium ist inzwischen Dagmar Manzel eingetroffen, eine der Hauptdarstellerinnen. Während dienstbare Geister die große Milchglas-Fensterfront von außen mit schwarzen Tüchern abdunkeln, um am helllichten Tag eine Abendszene zu ermöglichen, während Scheinwerfer und Reflektoren aufgebaut, Kamera-Schwenkarme montiert und Mikrofone an langen Teleskopen ausgerichtet werden, geht sie mit ihrer Kollegin Wasserscheid und dem Regisseur die nächste Einstellung durch. Von wo kommen, wie stehen? Set-Umbau und Szenen-Vorbereitung laufen parallel – bloß keine Zeit verlieren am Set.
Wir versuchen, dem Regisseur Freiraum zu verschaffen.
Denn Zeit ist Geld. Vier bis fünf Minuten Sendezeit pro Drehtag: Das ist laut Mariella Santibáñez in etwa die Vorgabe für Fernsehfilme. 18 500 Euro brutto kalkuliert die ARD für eine Minute Tatort. Macht gut 1,5 Millionen Euro für eine Folge der quotenstarken Krimireihe.
Kein Wunder, angesichts des Aufwandes. An den beiden Drehtagen in Ansbach in dieser Woche waren etwa vier Dutzend Leute beteiligt. Mehr als ein halbes Dutzend Lastwagen lieferten das nötige Material. Auf dem Parkplatz hinter der Stadtverwaltung hatte das Team eine Wagenburg aufgebaut – die „Base“, das Basislager. Maske, Garderobe, Catering. „Wir proben“, funkt Aufnahmeleiter Paul Beck der Mannschaft ins Ohr.
Augenblicklich kommt das Gewusel am Set zum Erliegen. Auch wenn es für Beobachter drunter und drüber zu gehen scheint am Drehort: „Hier weiß jeder, was er tut – das funktioniert wie ein gut geöltes Uhrwerk“, sagt Beck: „So versuchen wir, dem Regisseur Freiraum zu verschaffen.“ Ton läuft. Klappe. Szene 113, die Erste.
Und gleich noch einmal. „Batteriewechsel bei der Eli“, lautet das Kommando des Toningenieurs. Ein Techniker macht sich an Wasserscheids Wade zu schaffen, tauscht den dort versteckten Akku ihres Funkmikrofons. 113, die Zweite.
Ist das Stakkato der Wiederholungen nicht ermüdend für Schauspieler, das häppchenweise Drehen kurzer, zusammenhangloser Ausschnitte? „Ach, das hier ist ja noch harmlos“, meint Stefan Merki lachend. Die Kunst sei es, den Zuschauer nicht spüren zu lassen, wie hart manche Szene erarbeitet wurde.
18.30 Uhr. Zeit für die Mittagspause – so gibt es der Drehplan vor. Punktlandung: Die 113 ist abgedreht. Die Mannschaft macht sich auf den Weg zur Base. Heute gibt’s Gulasch. Und dann geht es weiter – vor 22.30 Uhr ist an Feierabend nicht zu denken.
Der Artikel erschien am 23.7.2022 in der FLZ