Am Anfang stand eine Bitte: Karlheinz Seyerlein sollte ein Foto zuordnen, das US-Truppen zeigt. Die Aufgabe war leicht, entstand die Aufnahme doch 1945 in Seyerleins Heimatstadt Leutershausen. Es folgte ein Vortrag über das Ende des Zweiten Weltkrieges. Nun liegt zu all dem ein Büchlein vor.
Die Katastrophe für Leutershausen geschah im April 1945. Die Stadt „geriet unter schweren amerikanischen Artillerie- und Bombenbeschuss – ein ungewöhnlich harter Angriff“, wie Seyerlein schreibt. Schließlich sei Leutershausen nicht verteidigt worden.
Dr. Rainer Schulz war sieben Jahre Pfarrer in dem Städtchen an der Altmühl. Er setzt sich seit Jahren dafür ein, Licht in die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt zu bringen. Nach seinen Erfahrungen beschäftigt die Stadt die Frage, wer für den Angriff verantwortlich ist, bis heute.
Er nennt im Gespräch mit der FLZ zwei Gründe: Zum einen waren die Schäden enorm. „Insgesamt entstanden 121 Totalschäden, darunter 43 Wohnhäuser, 38 Scheunen und Lager und 33 Ställe“, zählt Seyerlein auf. Dazu kamen viele schwere, mittlere und leichte Schäden. Tote waren nicht zu beklagen. Zum anderen, so Pfarrer Dr. Schulz, lasse sich die Schuldfrage nicht eindeutig beantworten.
Seyerlein, so sein Vorwort, ist es darum zu tun, „ein ausgewogenes Bild zu gewinnen“. Die Vorwürfe, wie sie nach dem Bombenangriff erhoben wurden: „Dem Hauptlehrer Friedrich Rüger, damals Kompanieführer des Volkssturms Leutershausen-Land, wurde vorgeworfen, er hätte die SS am 18. April zur Verteidigung Leutershausens gerufen. Ihm, als „scharfer Hund“ bekannt und bis zum Ende eifriger Nazi, trauten viele diese Schandtat zu.“
„Der zweite Beschuldigte war der Bürgermeister Georg Schiller. Ihm warf man vor, den Luftangriff auf Leutershausen nicht verhindert zu haben. Es hätte die mehrfache Gelegenheit gegeben, den Amerikanern durch einen Parlamentär mitzuteilen, dass die Stadt von Truppen frei sei und nicht verteidigt werde. Schiller, ein besonnener und gewissenhafter Mensch, hat die Beschuldigungen bis zu seinem Lebensende nicht verwunden.“
„Zuletzt wurden die Amerikaner beschuldigt. Die hätten doch sehen können, dass ihr Spähtrupp beim Friedhof nicht aus der Stadt heraus beschossen wurde, sondern vom Höllbuck aus. Die Bomber-Piloten hätten bemerken müssen, dass sich in Leutershausen keine Verteidiger mehr befanden.“
Seyerlein urteilt nicht. Stattdessen schildert er die Geschehnisse mit vielen Einzelheiten. Er bezieht dabei die Situation an jenem verhängnisvollen18. April im nahen Jochsberg ein. „Ein junger polnischer Fremdarbeiter, der als Knecht bei Bürgermeister Mack einquartiert war,
befand sich auf dem Kirchturm, von wo aus er auf ein Zeichen eine weiße Fahne heraushängte, als die Amerikaner über die Altmühlbrücken fahren.”
Es gibt keinen Widerstand. Der erste Panzer fährt durch den Ort bis zum sogenannten Schaf-Haus auf der Höhe der Straße zur Untreumühle. Dort wird der Panzer plötzlich beschossen. „Der Schäfer Heinlein kann mit Mühe erklären, dass der Beschuss nicht aus Jochsberg erfolgt. Er kommt von der SS auf dem Höllbuck gegenüber.“ Zerstörungen gibt es nicht.
Nach seinem Vortrag beim „Club reifere Jugend“ und vielen neuen Hinweisen aus der Bürgerschaft schickt Seyerlein das Manuskript an Pfarrer Dr. Schulz. „Er war der Meinung, daraus müsse ein Buch werden“, sagt Seyerlein. Schulz habe sich um das Nachwort, Erläuterungen, Ergänzungen, Bilder und die gesamte Gestaltung gekümmert.
Der Pfarrer überraschte Seyerlein noch zweimal mit Veröffentlichungsvorschlägen zu früheren Arbeiten von ihm: „Jüdische Mitglieder im Turnverein Leutershausen” und „Erschießung von zwei Wehrmachtsangehörigen durch die SS”. Die erste ist bereits erschienen, die zweite ist in Druck.
Derweil wartet Leutershausen auf die Dokumentation über die Jahre 1933 bis 1945, welche die Stadt bei der Historikerin Maria Dechant von der Universität Eichstätt in Auftrag gegeben hat. Wie Dr. Laura Gebauer von der Stadtverwaltung auf Anfrage sagte, sollte der erste Entwurf noch 2025 fertiggestellt sein. Bis zu einer Veröffentlichung werde aber noch Zeit vergehen. Im Lauf des Jahres 2026 soll es schließlich soweit sein.
Karlheinz Seyerlein, Rainer Schulz (Hg.) Das Kriegsende in Leutershausen und Jochsberg, Paperback, 56 Seiten, ISBN-13: 9783819231650, Verlag BoD - Books on Demand, 6,99 Euro.