Die Premiere des diesjährigen Derbleckens lieferte deutlich weniger Schenkelklopfer als in der Vergangenheit. Dafür erhob Fastenprediger Thorsten Siebenhaar seine Stimme gegen den politischen Rechtsruck und zeigte sich von einer emotionalen Seite.
Beinahe auf den Tag genau vor 20 Jahren hatte in Ansbach erstmals ein Derblecken die Menschen angelockt, damals noch im Mohren vor einer relativ kleinen Fan-Gemeinde. „Das ist daraus geworden, das ist nicht schlecht“, durfte Florian Brendel, Geschäftsführer der gastgebenden Kammer-Events, nun unter dem Beifall des mit etwa 300 Menschen voll besetzten Saales verkünden. Dort, wo einst ein cineastischer Amüsierbetrieb für Erwachsene angesiedelt war – nun, die Zeiten haben sich geändert. In vielerlei Hinsicht.
Wer sich die Spannung erhalten will, sollte jetzt nicht weiterlesen. So locker, entspannt, fröhlich und womöglich ein wenig arglos der Schauspieler in den beiden zurückliegenden Jahren die Absurditäten des Stadtgeschehens über „kommunalpolitische Exorzismen“ pointiert herausgearbeitet hatte, konnte es in einem Jahr, in dem sich eine in Teilen als gesichert rechtsradikal anzusehende Partei wie die AfD zunehmender Beliebtheit erfreut, wohl nicht werden.
Nach der bierlastigen Begrüßung durch Kardinal Fehler („Der Herr schütze uns vor Sturm und Wind und Bratwürsten, die nicht aus Franken sind“) und einem Oberbürgermeister, der sich seine bis zum Mittwochabend tadellose Anzapfbilanz mit sieben Schlägen verhagelte, nahm sich Thorsten Siebenhaar als „Nörgler vom Dienst“ und „fleischgewordener Ansbach-Faktor“ die Kuriositäten in seiner Heimatstadt vor.
Spott musste etwa die wegen ihrer Liebe zu Motorrädern „Biker-Branka“ getaufte Stadtwerke-Chefin aufgrund eines Abrechnungsfehlers zum Jahreswechsel ertragen. „Wir haben die Zählerstände diesmal früher abgelesen, damit wir früher unsere falsch berechneten Abschläge bekommen“, lästerte Siebenhaar.
Auch die überschaubare Kreativität der Stadtverwaltung im Kulturbereich, die bei den einzelnen Programmpunkten der Grünen Nacht jedes Mal den gleichen Textbaustein verwendet hatte, ließ der Derblecker natürlich nicht unkommentiert.
Ohnehin standen die ausführenden Organe der Stadt mitsamt Ansbachs Oberhaupt Thomas Deffner nicht selten im Zentrum der Kritik. Die ausgewählten Bürger beim Losverfahren zur Rezat-Renaturierung würden wohl „per Fax von der Verwaltung“ informiert, die von Siebenhaar bemühte und derzeit allgegenwärtige Künstliche Intelligenz riet ihm quasi zur OB-Kandidatur.
„Tommy, du musst einsehen, beim nächsten Mal werden sie dich nicht mehr wählen. Vielleicht bist du zu alt oder liegt es am Schalk?“, eröffnete Siebenhaar durchaus melodiös in einem Singspiel den kommunalen Wahlkampf für 2026. Ob der OB im kommenden Jahr wieder antritt, wollte er noch wissen, doch Deffner ließ sich zu keiner Aussage verleiten.
Dafür war Siebenhaar in eine neue Rolle geschlüpft, „der Alptraum des Heimatvereins“, wie er augenzwinkernd meinte. Im Markgrafen-Kostüm zog er unter herrschaftlichen Klängen in die Kammer ein, zeigte sich dem stehenden Publikum geneigt und nahm den Kuss Deffners auf den güldenen Siegelring des Markgrafen wohlwollend an.
Beinahe allgegenwärtig, also ein Abbild der Realität, trat im Programm auch Landesvater Markus Söder in den Vordergrund. Mal attestierte ihm Siebenhaar eine politische „Ego-Macho-Show“, mal nahm er den Bratwurst-Regenten wegen seiner unzähligen kulinarischen Posts in den sozialen Medien und seiner gezielten Attacken auf Grünen-Minister Robert Habeck aufs Korn.
„Da hätte er sich lieber an der Weidel abarbeiten sollen“, leitete der Derblecker den ungewohnt ernsten Teil des Abends ein. Der Stimmenanteil der AfD in Ansbach, „ein ähnliches Wahlergebnis wie vor 100 Jahren“ , ist für Siebenhaar ein persönlicher Kampf: für ein demokratisches Miteinander, ohne Hetze und Ausgrenzung. „Wer stolz darauf ist, arisch zu sein, hat definitiv ein i zu viel.“ Zumal er seit einigen Monaten zweifacher Familienvater ist. Den Tränen nahe, fand er aber ein stimmiges Ende. „Ansbach lieben ist gar nicht so schwer, mein Herz gehört hierher.“ Das ist Heimat, so wie sie der Mensch Siebenhaar versteht.