Es gab Beifall, so wie für die zahlreichen anderen Beiträge, als beim diesmal als „Jubiläumsauftakt” bezeichneten Scheinfelder Neujahrsempfang ein historisch anmutender Film über die Leinwand lief. Der Streifen von Jörg Hohbaum war sozusagen eine Weltpremiere.
Hohbaum? Man muss jemand Alteingesessenen fragen. Denn der inzwischen 82-Jährige lebt längst nicht mehr im Steigerwald. Er hatte sich einst im Oberscheinfelder Ortsteil Schönaich eine Firma aufgebaut und war in den End-80er-Jahren nach Scheinfeld übergesiedelt.
Hohbaum stammt aus Frankfurt, dem großen am Main, nicht dem kleinen gleich ums Eck bei Markt Taschendorf. Er hatte bei Siemens eine kaufmännische Lehre absolviert, wurde Handelsvertreter und machte sich wenig später selbstständig. Nach Schönaich kam er Anfang der 1970er-Jahre zufällig, wie er am Telefon berichtet. Er konnte dort ein stattliches Fachwerkhaus am Dorfeingang erstehen.
Er baute eine Firma für Audio- und Video-Kabel auf, zunächst mit einem Handelslager im ehemaligen Schweinestall des Anwesens, bis er auf die Idee kam, Lautsprecher-Kabel selbst herzustellen und zu vertreiben. Rasch hatte der Betrieb eine Handvoll Angestellte und in Spitzenzeiten bis zu hundert Heimarbeitskräfte, berichtet Hohmann.
Es waren gute Zeiten, in denen er auch viel Freude an seinen Hobbys hatte. So gehörte er zu den Pionieren im Neustädter Tauchklub. Und schon von Jugend auf fotografierte er gerne; seine Realschul-Abschlussarbeit schrieb er über Fotografie. Als dann die Super-8-Filmerei Mode wurde, machte Hohbaum auch bewegte Bilder, später dann mit der 16-Millimeter-Variante. Der beim Jahresauftakt erstmals öffentlich vorgeführte Film vom Jubiläumsfestzug 1978 (siehe Kasten) zeugt vom Geschick, zu dem es Hohbaum bis dahin gebracht hatte: wohldosierte Szenenschnitte zu einer durchlaufenden Tonspur – offenkundig keine Anfängerproduktion.
Mit Köpfchen agierte Hohbaum auch in seiner Kabelfirma. Sein Clou waren lötfreie Phono-Stecker, blickt er zurück, eine Brancheninnovation, die bei der Kundschaft gut ankam. Das Unternehmen wuchs, aber für seine Expansionspläne hatte er in Oberscheinfeld keine passende Möglichkeit. Der Umzug nach Scheinfeld Ende der 80er-Jahre wurde Hohbaum vom dortigen Bürgermeister Wolfgang Graf schmackhaft gemacht. Dieser habe ihm, so entsinnt sich der 82-Jährige, ein 5000-Quadratmeter-Grundstück im Gewerbegebiet Süd an der Bauhofstraße zum damals günstigen Preis von 25 Mark je Quadratmeter verkauft.
Schwieriger sei es gewesen, eine Bank als Kreditgeber zu gewinnen. In Kitzingen seien er und der von ihm zu Rate gezogene, nach Hohmanns Angaben mit so manchem Wasser gewaschene auswärtige Bauunternehmer fündig geworden. Die Bank gewährte ein vom Bauunternehmer auf anderthalb Millionen Mark kleingeredetes Darlehen für das Vorhaben – das letztlich zum Unmut der Kreditgeber noch eine Million Mark mehr kostete.
Das Geschäft lief. 1988 verdoppelte sich der Umsatz des Unternehmens auf acht Millionen Mark, erinnert sich Hohbaum. Doch die Geschäfte liefen auch nicht so ganz sauber, wie Hohbaum einräumt. Von ein paar der eingenommenen Märker wusste das Finanzamt nichts. Doch als es davon erfuhr, war das Erwachen ein durchaus schmerzhaftes, nicht nur finanzieller Art. Seine Schwarzgeldkasse „war ein Fehler, und ich habe dafür bezahlt”, sagt er rückblickend.
Es führte zur Pleite der Firma, die dann von einem Konkurrenten übernommen wurde. „Ich wäre in Franken geblieben, aber ich stand mit leeren Händen da”, sagt Hohbaum. Im dörflichen Scheinfeld, so fand insbesondere seine Ehefrau, könne man sich mit so einer Blamage kaum mehr blicken lassen. Obwohl ihnen der Steigerwald sehr ans Herz gewachsen war (und bis heute geblieben ist), zogen sie fort. Seine Frau und er kamen „durch einen irren Zufall” an eine Immobilie in Brandenburg. Dort sind sie hingezogen und haben es sich zur neuen Heimat gemacht. Hohbaum baute eine neue Firma auf und fühlt sich ebenfalls wohl.
Tauchen ist längst nicht mehr. Im Alter ist Hohbaum zum Hobbykoch geworden. So gut wie seine Frau könne er es zwar nicht, sagt der Senior, aber beide genießen es, wenn er – ziemlich regelmäßig – den Kochlöffel schwingt.
Von den Jubiläumsüberlegungen und -vorbereitungen in Scheinfeld wusste Hohbaum nach eigenen Bekunden nichts. Er war vorigen Herbst lediglich darüber, zu Hause mal klar Schiff zu machen. Da fielen ihm die Fotos und Filme in die Hände. Bevor er sie wegwirft, kann er ja mal fragen, ob sie in Scheinfeld jemand haben mag. Ein bisschen Kontakt hat er noch in den Steigerwald. Sein Haupt-Hausarzt, den er einmal im Jahr konsultiert, sei in Oberscheinfeld, berichtet der 82-Jährige. Und den Scheinfelder Grafikdesigner Oliver Hug kannte er auch noch, den rief er an.
Erst durch Hug erfuhr er, dass es bei der Stadt aktuell vielleicht sogar großes Interesse an solchen historischen Aufnahmen gibt – wegen der 1250-Jahr-Feier. Hug vermittelte Hohbaum ans Kulturamt, zu Carmen Wiesinger. Dort war man über die unverhoffte Besonderheit freilich erfreut und baute sie kurzum ins Jubiläumsauftakt-Programm mit ein.
Zu seiner Weltpremiere nach Scheinfeld anzureisen, hätte Hohbaum nach eigenem Bekunden gereizt. Aber in diesem Alter und zu dieser Jahreszeit sind Reisen recht beschwerlich. Wenn im Sommer das große Festwochenende gefeiert wird, denkt Hohbaum über einen Besuch aber noch mal neu nach, versichert er.
Die Stadt Scheinfeld feiert heuer ihr 1250-jähriges Bestehen. Der von Jörg Hohbaum gefilmte Festumzug zur 1200-Jahr-Feier fand jedoch 1978 statt, also vor 48 Jahren. Kann da jemand nicht rechnen?
Der Grund für die Ungenauigkeit liegt in der Geschichtsschreibung. Das 1200-Jahr-Fest basierte auf der Annahme, dass 778 das Datum der ersten urkundlichen Erwähnung Scheinfelds sei. Auf 776 als Bezugsjahr kam man erst etwas später, um die Jahrtausendwende. Die 1225-Jahr-Feier fand dann bereits 2001 statt.
Bürgermeister Claus Seifert bekannte beim Jubiläumsauftakt, dass man das genaue Jahr eigentlich nicht kenne, sondern nur die Lebensdaten des Urkundenschreibers. Diese erlauben es, das Schriftstück auf die Zeitspanne zwischen 776 und 796 zu datieren – 776 ist also lediglich das frühestmögliche Bezugsdatum.
Seifert wies noch auf etwas anderes hin: Dass Scheinfeld – eventuell – 776 erstmals erwähnt wurde, bedeutet hauptsächlich, dass der Flecken damals schon besiedelt gewesen sein muss. Wann diese Besiedlung begann, liegt nach wie vor im Dunkel der Geschichte. anr