Die prächtigen Sonnenblumen bei Bad Windsheim ziehen seit Monaten Kameras und Komplimente auf sich. Hinter dem ungewöhnlichen Anblick steckt Johannes Gräf, ein Mensch, der Landwirtschaft neu denkt. „Für mich privat ist es auch ein Highlight. Ein solches Blütenmeer beim morgendlichen Kaffeetrinken hat schon was für sich.“
„Ich möchte etwas produzieren, auf das ich einen gewissen Stolz empfinde. Bei Futter-Mais oder Getreide gibt es kein persönliches Verhältnis zur Frucht“, sagt der 37-jährige Landwirtschaftsmeister. Aus den Sonnenblumen werden je nach Sorte Speiseöl, Snacks oder Ziervogelfutter produziert.
Gräf, Vater zweier Töchter und Pflegevater eines inzwischen volljährigen Geflüchteten, geht gerne neue Wege. Für den Anbau von Sonnenblumen gab es zwei Gründe. Die Entscheidung dafür fiel nach einem kleinen Planungsfehler: „Ich hatte zu viel Mais vorgesehen. Da Sonnenblumen ähnlich in der Bewirtschaftung sind und in der Firma, in der ich arbeite, noch Kontraktmengen frei waren, habe ich kurzerhand umgeplant.“ Das Interesse entstand aus dem Wunsch heraus, seine Fruchtfolge zu erweitern und etwas Neues auszuprobieren.
Gräf hatte bereits vor Jahren seine Schweinemast eingestellt – die Tierhaltung war immer jener Betriebszweig, der ihm am wenigsten Freude bereitete. Als er aufgehört hatte, musste sein Ackerbau umgestellt werden. Die Gegend um Bad Windsheim ist ausgelegt auf „Veredelung“: Kulturen werden hauptsächlich zur Produktion von Tierfutter angebaut.
Das bedeutet, es werden hauptsächlich Futterweizen, Gerste, Triticale und Mais angebaut. Die „Marktfrüchte“, die es in der Gegend gibt, sind hauptsächlich Raps, Dinkel und Zuckerrüben. Um hier eine breite Fruchtfolge realisieren zu können, hatte er sich überlegt, welche Früchte möglich wären. Er suchte nach Kulturen, die nicht nur rentabel, sondern auch nachhaltig und sinnvoll seien.
Seitdem experimentiert Gräf mit alternativen Ackerkulturen: Linsen, Kichererbsen, Kidneybohnen – und nun eben Sonnenblumen. Die gelben Blüten passen gut in sein Konzept: vielfältige Fruchtfolge, weniger Dünger, mehr Biodiversität. Inzwischen gibt Johannes Gräf seine Erfahrung an Betriebe im ganzen Bundesgebiet weiter.
Das Bestellen von Sonnenblumen in Bayern ist noch die Ausnahme – sie wachsen auf nur etwa 0,5 Prozent der Ackerfläche. Für Gräf ist sein Sonnenblumenfeld weit mehr als nur ein Anbauexperiment. Es ist ein Ort der Begegnung geworden. „Ich habe Anrufe bekommen, ob man Blumen für Hochzeiten oder Taufen schneiden darf.”
„Während der Blütezeit war nie ein Tag ohne Fotografen im Feld“, erzählt er. Manchmal war der Enthusiasmus auch etwas zu groß – etwa, wenn ein ganzer Kofferraum mit Blumen gefüllt wurde. „Aber insgesamt war ich sehr begeistert von den Reaktionen.“ Für Ärger bei Gräf sorgen die Menschen, die ohne Erlaubnis Sonnenblumen ernten und große Lücken im Feld hinterlassen. Dadurch entstehen ihm finanzielle Einbußen.
Ob sich der Anbau finanziell lohnt, lässt sich erst nach der Ernte feststellen. Die Herausforderungen sind da: starker Unkrautdruck, fehlende zugelassene Herbizide, späte Ernte bei möglicher Nässe. Heuer ist jedoch eine wesentlich geringere Ernte zu erwarten.
Für Gräf ist aber nicht der reine Ertrag entscheidend. Vorfruchtwert, Arbeitszeitbedarf, Erfahrungsgewinn und ökologische Aspekte sind ihm ebenfalls wichtig. Der Landwirt denkt bereits an die nächsten Schritte. Erste Gespräche über die Verwendung der Körner – etwa als Snack oder Müslizutat – laufen. Ein befreundeter Imker hat vier Bienenvölker direkt am Feld platziert, und auch sonst herrscht reger Besuch von Hummeln und anderen Insekten.
„Ich sehe das Ganze als Teil meiner Weiterentwicklung“, sagt Gräf. „Ich möchte Kulturen finden, die zur Region passen – und zur Zukunft der Landwirtschaft.“ Der Arbeitstag von Johannes Gräf beginnt ruhig: Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee, die frische Morgenluft und das strahlend gelbe Sonnenblumenmeer vor seiner Haustür machen ihn glücklich.