Das Zirkelmuseum in Wilhelmsdorf: Warum die Einrichtung gerade hier entstand | FLZ.de

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Veröffentlicht am 20.06.2025 08:57

Das Zirkelmuseum in Wilhelmsdorf: Warum die Einrichtung gerade hier entstand

Manuel Barth (rechts) und Peter Kastner führten durch das sehenswerte Zirkelmuseum in Wilhelmsdorf. Hier zeigen sie den Maschinenraum. (Foto: Ute Niephaus)
Manuel Barth (rechts) und Peter Kastner führten durch das sehenswerte Zirkelmuseum in Wilhelmsdorf. Hier zeigen sie den Maschinenraum. (Foto: Ute Niephaus)
Manuel Barth (rechts) und Peter Kastner führten durch das sehenswerte Zirkelmuseum in Wilhelmsdorf. Hier zeigen sie den Maschinenraum. (Foto: Ute Niephaus)

Wilhelmsdorf hat ein Kleinod, das vielen nicht bekannt ist – das Rathaus beherbergt im Obergeschoss ein Museum, das einmalig sein dürfte. Dort dreht sich alles um die Reißzeugindustrie, um Zirkel. Sie löste die rund 100 Jahre währende Ära der Strumpfwirkerei im Ort ab. Bis auf das Zunftzeichen erinnert kaum mehr etwas daran.

Damit die für Wilhelmsdorf so wichtige Zeit der Reißzeugindustrie nicht ebenfalls in Vergessenheit gerät, wurde das Museum gegründet, erzählen der Vorsitzende des Heimatvereins Eintracht Wilhelmsdorf, Manuel Barth, und sein Stellvertreter Peter Kastner. So wurde unter der Federführung des Heimatvereins, der als Träger fungiert, das „Reißzeugmuseum“ eingerichtet und 1992 eröffnet. Später nannte man es in „Zirkelmuseum“ um.

Blütezeit in den 1950er und 1960er Jahren

Wer die Holztreppen ins Dachgeschoss hochsteigt, begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Beim Rundgang durch die Räume wird die frühere Fertigung der Zirkel erläutert. Zirkelschmiede, Maschinenraum, Poliererei, Galvanik, Justiererei, Etui-Macherei und Etui-Fertigung geben nebst der angebrachten Erläuterungen einen guten Einblick, wie schwer und teils gesundheitsschädlich diese Tätigkeiten waren.

Diese sicherten allerdings vielen Menschen im Ort ein festes Einkommen. Die alten Gerätschaften stehen da, als wären sie nur für kurze Zeit von den Arbeiterinnen und Arbeitern verlassen worden. Die Hocker sind abgewetzt, ein Hammer hat eine Einbuchtung, die durch den jahrzehntelangen Gebrauch entstand.

„Die Blütezeit erlebte die Reißzeugindustrie in Wilhelmsdorf in den 1950er und 1960er Jahren. Ein Drittel der Weltproduktion wurde damals hier gefertigt“, erzählt Kastner. Gegründet worden war die erste Reißzeugfabrik 1896. Zu Spitzenzeiten arbeiteten rund 800 Menschen in diesem Sektor. Genauso viele Einwohner zählte der Ort damals. „Die Arbeitskräfte pendelten deshalb ein.“

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Die Zahl der Exponate ist nicht genau bekannt

Mit dem Aufkommen von CAD, dem computergestützten Konstruieren, aber auch durch die Produktion in „Billiglohnländern“ sank die Produktion. Inzwischen gibt es nur noch einen Betrieb aus diesem Bereich im Ort. Er stellt unter anderem Marinezirkel her. Kastner erklärt, woher der Name Reißzeug rührt: Er stammt aus der Ära, als die Zirkel statt eines Bleimineneinsatzes nur zwei Spitzen aus Metall hatten. Die Kreislinien wurden nur angerissen und später nachgetuscht.

Wie viele Exponate das Museum zählt, wissen Barth und Kastner nicht genau. Rund die Hälfte wurde inzwischen digital erfasst. Als der Heimatverein Eintracht das Museum einrichtete, war das eine äußerst schweißtreibende Angelegenheit – die alten, von Transmissionen betriebenen Maschinen, die wieder instandgesetzt worden waren, mussten, wie auch die Geräte für die Zirkelschmiede und die Rohrfertigung, ins Obergeschoss geschleppt werden. Authentizität wurde beim Einrichten des Museums groß geschrieben – und so fehlen in der Rohrfertigung die Schneide-, Fräs- sowie Bohrmaschinen ebenso wenig wie ein Loch in der Wand. Um Platz zu sparen, wurden die langen Stangen früher von außen durch die Wand geschoben, während innen ein Arbeiter das Material auf die richtige Länge zuschnitt, erläutern die Vorsitzenden beim Besuch.

Arbeitsschutz war früher kein Thema

Im nächsten Raum ist die Poliererei zu sehen, wo die Zirkelteile auf Hochglanz poliert wurden, um sie für die Galvanisierung vorzubereiten. Giftige Dämpfe traten dabei aus. Arbeitsschutz war damals kein Thema – wie zu dieser Zeit eigentlich nirgends. Die Frauen, die die Teile vernickelten und verchromten, bekamen täglich eine Ration Milch, das sollte ihre Gesundheit schützen. Immer noch sind Zirkelteile auf den Gestellen aufgereiht, als ob sie darauf warten, ins Entfettungsbad getaucht zu werden.

Danach geht es in die Justiererei. Dort wurden früher die Zirkelteile zusammengebaut und ausgerichtet. Ihr schließen sich die Etui-Schreinerei und Etui-Macherei ein. Solche Betriebe gab es etwa in Nürnberg. Die Etuis wurden dort mit Samt ausgeschlagen und außen mit Papier oder Leder bezogen. In der Buchbinderei wurden gerne Frauen beschäftigt, die etwas mehr auf die Waage brachten. Den Grund erläutern die Vorsitzenden. Nach dem Bekleben der Etui-Außenflächen – etwa mit Papier – musste dieses festgedrückt werden. Deshalb wurde das Etui auf die Sitzfläche des Hockers gelegt und mit dem Körpergewicht der Arbeiterin festgedrückt.

Produkte gingen in alle Welt

Bevor die Zirkel in alle Welt geschickt wurden, legte man sie in Pappkartons und verpackte sie dann in Kisten. Natürlich sind am Ende des Rundgangs zahlreiche Exemplare in den Schaukästen zu sehen. Der Besucher erfährt viel über ihre Formen, Entwicklungen und die technischen Neuerungen. Spezialgeräte fehlen ebenso wenig. Da gibt es den „fünfschnäbeligen Rastal“, den Ellipsenzirkel, den aufklappbaren vierschenkeligen Reduktionszirkel, Zirkel mit Querstangenverlängerung und Parallelzirkel.

„Leider wissen wir bei den meisten Zirkeln, die wir schon inventarisiert haben, nicht, wer der Hersteller ist“, bedauern Barth und Kastner. Gravierungen und dergleichen fehlen. So bleibt manches aus der Historie im Dunkeln. Dafür wurden viele andere Dinge für die Nachwelt erhalten und lassen die Vergangenheit lebendig werden.

Eintauchen kann man in die Welt der Zirkel jeden dritten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr. In Absprache sind auch Führungen außerhalb der regulären Öffnungszeiten möglich. Weitere Infos finden sich auf der Homepage des Zirkelmuseums, das am Hugenottenplatz 8 zu finden ist.

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