Das Kürzen der Schweineschwänze: Kritik am geplanten Gesetz | FLZ.de

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Veröffentlicht am 27.05.2024 19:59

Das Kürzen der Schweineschwänze: Kritik am geplanten Gesetz

Jürgen Dierauff mit seinen Mastschweinen. Auch bei ihm im Stall kommt es vor, dass ein Schwein den Ringelschwanz eines Artgenossen anknabbert. In so einem Fall greift er schnell ein. (Foto: Anita Dlugoß)
Jürgen Dierauff mit seinen Mastschweinen. Auch bei ihm im Stall kommt es vor, dass ein Schwein den Ringelschwanz eines Artgenossen anknabbert. In so einem Fall greift er schnell ein. (Foto: Anita Dlugoß)
Jürgen Dierauff mit seinen Mastschweinen. Auch bei ihm im Stall kommt es vor, dass ein Schwein den Ringelschwanz eines Artgenossen anknabbert. In so einem Fall greift er schnell ein. (Foto: Anita Dlugoß)

Jürgen Dierauff, Kreisobmann im Bauernverband für den Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim aus Herbolzheim, ist verärgert, da das Tierschutzgesetz geändert werden soll. Die Bundesregierung will das Kürzen der Schwänze von Schweinen verbieten. Vor allem konventionelle Halter sehen darin aber ein großes Problem.

Das Kürzen von Tierschwänzen – Kupieren genannt – zur Verhinderung von Schwanzbeißen ist durch eine EU-Richtlinie bereits seit dem Jahr 1991 eigentlich verboten. Der Eingriff ist nur im Einzelfall zulässig, wenn er für die „vorgesehene Nutzung des Tieres zu dessen Schutz oder zum Schutz anderer Tiere“ unerlässlich ist. Aber diese Klausel soll nun gestrichen, das neue Gesetz noch heuer verabschiedet werden.

Laut Jürgen Dierauff, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes und seit 25 Jahren Schweinemäster, wird zum Großteil „der Einzelfall“ praktiziert. Sprich: Die Schwänze werden in der konventionellen Landwirtschaft reduziert. Bei Bio-Landwirten bleiben die Schweineschwänze unkupiert.

Verschiedene Faktoren entscheiden

Wie Dierauff ausführte, wird das Schwanzbeißen von fünf wesentlichen Faktoren ausgelöst: vom Gesundheitsstatus der Schweine und möglichen Durchblutungsstörungen der Endglieder wie Klauen, Ohren und Schwänze. Ein weiterer Grund ist die Versorgung mit essenziellen Aminosäuren.

Drittens ist es die Genetik und die Rasse sowie das Sozialverhalten der Schweine. Die Haltung, insbesondere viel Platz im Stall und die Beschäftigung mit Stroh seien hier sehr förderlich. Nicht zuletzt spielen die Witterungsbedingungen eine Rolle.

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Verlängerung der Wirbelsäule

Manche Schweine beißen, so dass der Schwanz blutet. Wenn das Tier einmal blutet, dann hören die Schweine nicht auf. Wenn also das Problem auftrete, sei es oft zu spät. Da der Schwanz eine Verlängerung der Wirbelsäule ist, könnten sich Entzündungen und Krankheiten über das Rückenmark verbreiten.

Jedoch gebe es auch konventionelle Ställe, in denen das Schwanzbeißen nicht stattfindet: „Wenn ich wüsste, woran das liegt, und sich das Beispiel wiederholen ließe, so wäre ich der Erste, der das nachmachen würde“, so der Kreisobmann. Doch „wissenschaftlich wiederholbar“ sei hier noch nichts – auch bei vielen Versuchen in staatlichen Stallungen sei man zu keinem Ergebnis gekommen.

Auch in seinem Maststall sieht Dierauff das eine oder andere Tier mit einem blutigen Schwanz herumlaufen. „Aber sehr selten“, meint er. Komme es doch vor, dann isoliert er das betroffene Schwein in separate Buchten. Manche Landwirte könnten dies aber aus räumlichen Gründen nicht machen.

Anknabbern kann zum Tod führen

Im schlimmsten Fall führt das Anknabbern zum Tod des Tieres. „Wenn bei einer Autofirma ein Fahrzeug von 1000 nicht funktioniert, ist das schlecht. Das wäre dann ein Promille. Wenn es zehn von tausend Autos sind, wird es langsam untragbar“, bemüht Dierauff einen Vergleich und macht gleich deutlich: „Einen Ausfall im Prozentbereich können wir uns nicht leisten.“ Für seinen Betrieb erklärte er: Wenn bei 660 Tieren fünf Prozent ausfielen, seien das 33 Tiere.

Nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen wolle er als Schweinemäster seine Tiere vor Schaden bewahren. Sollte die bisherige Empfehlung zum Gesetz werden, befürchtet der Landwirt Kannibalismus im Schweinestall.

0,83 Quadratmeter für ein Schwein

Den Verbiss der Schweineschwänze müssen Dänemark, Holland – die großen Ferkelproduzenten – und Deutschland seit 2018 bereits dokumentieren. Dies war eingeführt worden, nachdem Niedersachsens grüner Landwirtschaftsminister Christian Meyer 2016 das Kupierverbot durchsetzen wollte.

Letztlich habe laut Dierauff auch Meyer feststellen müssen, „dass das Problem nicht beherrschbar ist. Mit Verboten werden wir keine Probleme lösen“. Dass jemand sage, „Haltet doch einfach weniger Tiere“, lässt Dierauff nicht gelten. „Wenn’s doch nur so einfach wäre“, sagt er. 0,83 Quadratmeter stehen einem Schwein umgerechnet an Quadratmetern bei ihm zur Verfügung – im Biobereich seien es 2,5 Quadratmeter.

Eine Lösung für den konventionellen Bereich könnte für Dierauff wie folgt aussehen: Da ein Teil der Tiere beiße, ein Teil weder aggressiv noch erduldend sei, liege die Lösung wieder in der Mitte: Man müsse letztgenannte Gruppe im Stall stärken.

Spielmaterial zum Beißen

Wie sieht es aber nun in einem Stall mit nicht-kupierten Schweinen aus? Simon Mondel, Demeter-Biolandwirt aus Unterstrahlbach bei Neustadt, hat im elterlichen Hof ebenso Erfahrungen in der Schweinehaltung. Diese würden eben „überall draufbeißen“ – aus ihrem Fress- und Spieltrieb heraus. So biete sein Betrieb den Tieren Spielmaterial, wozu er Stroh zählte, aber auch Holzstücke oder Äste.

Bei ihm habe ein Schwein drei Quadratmeter Platz, zuzüglich zwei Quadratmeter Auslauf, so Simon Mondel. Auch laut der strengen Demeter-Richtlinie dürfte er eigentlich mehr Schweine in diesem Stall halten. „Das Schwanzbeißen ist ein Problem der konventionellen Landwirtschaft“, sagt er. Jedoch sei sein Hof nicht mit dieser zu vergleichen und halte nur etwa zehn Schweine.

Eine ganz andere Dimension führt Jürgen Dierauff vor Augen: In Deutschland werden pro Jahr 40 Millionen Schweine geschlachtet. Elf Millionen davon werden als Ferkel in Dänemark oder Holland geboren und kommen als Mastferkel mit 30 Kilogramm nach Deutschland zum Mästen. 30 Millionen Ferkel, welche gemästet werden, werden auch in Deutschland geboren.

Prognose: Mehr Jungtiere werden importiert

Durch die Veränderungen, die ohnehin schon anstehen – die im Jahr 2020 schon beschlossene Tierschutz-Nutztier-Haltungs-Verordnung, welche für Muttersauen mehr Platz fordert und bis 2029 und 2035 umgesetzt sein muss – wird sich der Anteil der in Deutschland geborenen Ferkel auf 20 Millionen verringern. Folge: Der Anteil der importierten Jungtiere wird von jetzt elf auf 20 Millionen ansteigen.

Wenn das jetzt geplante Tierschutzgesetz so durchgehen sollte, wird das den Anteil importierter Ferkel erhöhen und zu noch mehr weiten Tiertransporte in Europa führen, ist Dierauff überzeugt. Er kauft seine Tiere kupiert vom Ferkelerzeuger. Dieser reduziere die Schwänze auf ein Drittel, unter anderem durch Verödung ein bis zwei Tage nach der Geburt. In den abgeschnittenen zwei Dritteln des Schwanzes haben die Schweine weitaus weniger Nerven als im letzten Drittel, weiß er.

Die Zucht der Schweine geht zurück

Laut dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten gab es 1986 insgesamt 21.000 Muttersauen und 137.000 Mastschweine im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim, zitiert Jürgen Dierauff. 30 Jahre später, 2016, zählte das Amt 11.000 Muttersauen und 97.000 Mastschweine. Für 2023 lautet die Zahl: 7000 Muttersauen und 69.000 Mastschweine. Die Statistik für Deutschland bestätigt den Trend. Laut der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands – Jürgen Dierauff ist dort Vorstandsmitglied – gab es im Jahr 1950 insgesamt 18 Millionen Schweine. 1980 waren es 35 Millionen. 2017 lautet die Zahl 27 Millionen. 2023 sank der Bestand dann auf 20 Millionen. Tendenz: sinkend.

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