Die Dietersheimer haben Angst. Sie haben Angst vor den bis zu hundert Männern, die aus der Scheinfelder Flüchtlingsunterkunft in ein Containerdorf auf dem EKA-Gelände umziehen sollen. Das haben sie Landrat Helmut Weiß bei einem Bürgergespräch am Schützenhaus deutlich gemacht. Und sie wollten dabei vor allem eines wissen: Warum ausgerechnet Dietersheim?
Landrat Weiß wirkte geradezu verzweifelt. „Ich stehe mit dem Rücken zur Wand und greife nach jedem Strohhalm, der sich anbietet“, sagte er und betonte, dass es für ihn nicht einfach sei, eine Politik vertreten zu müssen, die er selber nicht gemacht habe. „Ich muss der Prügelknabe sein.“ Er verwies auf die „Zwänge und den Handlungsdruck“, dem er ausgesetzt sei, und bezeichnete die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung als „blanken Wahnsinn“.
Dass die von vielen geforderte dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge nicht umsetzbar sei, liege Weiß zufolge vor allem an einer Tatsache: „Alle ducken sich weg und hoffen, dass der Kelch an ihnen vorüber geht.“ Dabei betonte er, alle Möglichkeiten der dezentralen Unterbringung geprüft und alles dafür getan zu haben, diesem Wunsch zu entsprechen. Denn ein Containerdorf sei auch für ihn nur der letzte Ausweg. Einen anderen würde er derzeit aber nicht sehen. Bereits jetzt seien rund 600 Flüchtlinge im Landkreis dezentral untergebracht. Mehr sei kaum machbar. Es fehlten Wohnungen, es fehle Solidarität.
Immer wieder sei er auf die 38 Bürgermeister im Landkreis zugegangen, habe nach möglichen freien Liegenschaften gefragt, die Kirche sei einbezogen worden, man prüfe jedes Wohnungsangebot und habe auch bei Gasthäusern sowie Hotels um Unterstützung gebeten. „Ukrainische Flüchtlinge unterzubringen ist kein Problem. Da ist die Hilfsbereitschaft groß. Doch sobald klar ist, dass es Menschen anderer Nationalitäten sind, wird geblockt, werden Angebote zurück gezogen.“
Deswegen bleibe nur die Containerlösung. Auch, weil es schnell gehen müsse. Es sei schließlich nur eine Frage der Zeit, „bis der Kessel in der Scheinfelder Unterkunft explodiert“. Dietersheim sei als Standort für ein Containerdorf ausgesucht worden, weil auf dem EKA-Gelände bereits die notwendige Infrastruktur bestehen würde und das Areal nicht erst erschlossen werden müsse. Dass es „menschenunwürdig“ sei, die Flüchtlinge dorthin abzuschieben, wollte Landrat Weiß nicht gelten lassen und verwies auf die jetzigen Zustände in Scheinfeld. Die seien menschenunwürdig. Demnach würden die Flüchtlinge derzeit in einem aufgelassenen Supermarkt leben, ohne jegliche Privatsphäre, umgeben von einem Bauzaun. Im geplanten Dietersheimer Containerdorf könnten die Flüchtlinge zumindest in abgeschlossenen Einheiten mit mehr Komfort untergebracht werden, die sehr viel mehr Privatsphäre bieten würden. Sie könnten sich selbst etwas kochen und durch die direkt angrenzende Bahn wären sie mobil.
„Aber wir haben Angst, wir machen uns große Sorgen“, hieß es immer wieder seitens der rund 400 Bürger, die zur Info-Veranstaltung erschienen waren. So wurde beispielsweise auf das „andere Frauenbild“ verwiesen, das Männer aus arabischen Ländern hätten. „Unsere jungen Mädchen stehen im Sommer im Rock und bauchfrei am Bahnsteig. Und dann sind da die 100 jungen Männer, die voll mit Testosteron bis in die Haarspitzen sind“, hieß es. Die fiktiven Angst-Szenarien reichten zudem von Gruppenvergewaltigungen über Einbrüche bis hin zur Frage, wie die Kinder in Dietersheim geschützt werden könnten? An diesen Ängsten änderte auch der Redebeitrag von Stefan Jordan nichts: Er, Mitglied im Scheinfelder Helferkreis, erklärte, dass in seiner Heimatgemeinde keinerlei Fehlverhalten der Flüchtlinge registriert worden sei, aber „in der Notunterkunft selbst steigt der Druck im Kessel. Das geht nicht mehr lange gut“.
„Wir wollen sowas nicht in Dietersheim“, sagte Gemeinderat Thomas Billmann, der gemeinsam mit seinen Ratskollegen Gudrun Ruttmann-Völlinger und Rainhard Pelzer eine Unterschriftenaktion gestartet hat, um den Unmut in der Bevölkerung zu dokumentieren. Dabei ginge es absolut nicht darum, Fremde aus dem Ort rauszuhalten. Schließlich habe Dietersheim bei der Flüchtlingswelle 2015 gezeigt, dass man bereit sei, sich zu engagieren. Billmann selbst hatte damals geholfen, die rund 40 Geflüchteten in Dietersheim zu versorgen. Das sei ein enormer Kraftakt gewesen. Er forderte nun einen Solidarpakt der Landkreis-Gemeinden, und dass die Flüchtlinge nach einem festzulegenden Schlüssel auf die Orte verteilt werden sollten. Maximal 15 seien für Dietersheim machbar, so Billmann.
Der CSU-Ortsvorsitzende Harald Ell forderte seinen Parteikollegen Weiß dazu auf, die Menschen dezentral unterzubringen und ein Konzept dafür zu erstellen. Und er verlangte von Weiß, auch die anderen 38 Kommunen des Landkreises in die Pflicht zu nehmen. Weiß erklärte mehrfach, dies bereits wiederholt getan zu haben. Ohne jeglichen Erfolg. Er versprach aber, zeitnah erneut ein Treffen mit den Bürgermeistern einzuberufen und gemeinsam mit ihnen zu versuchen, die Flüchtlinge doch noch dezentral unterzubringen. Gleichzeitig machte er unmissverständlich klar: „Sollte das nicht gelingen, wird das Containerdorf auf dem EKA-Gelände errichtet.“ Vorgesehen sei eine Laufzeit von voraussichtlich vier Jahren. Verträge seien aber bislang noch nicht abgeschlossen und unterschrieben worden.
Das letzte Wort hatte Dietersheims Rathauschef Jürgen Meyer, der sich von den verantwortlichen Politikern auf Bundes- und Landesebene im Stich gelassen fühlt. „Es ist ein trauriges Schauspiel“, sagte er. An die Bürger richtete er seinen Dank für die faire und sachliche Diskussion. Und Landrat Weiß gegenüber betonte er: „Der Gemeinderat und ich als Bürgermeister, wir werden alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um das Containerdorf zu verhindern.“